
Der Baustoffkonzern Heidelberg Materials hat sein CO₂-Abscheideprojekt GeZero am Standort Geseke vorerst ausgesetzt. Das Unternehmen bestätigte die Entscheidung am Donnerstag, 22. Oktober 2026. Mit dem Vorhaben sollte eines der ersten weitgehend klimaneutralen Zementwerke Deutschlands entstehen. Ausschlaggebend für die Pause sind wirtschaftliche Unsicherheiten beim Transport und bei der dauerhaften Speicherung von Kohlendioxid. Der reguläre Betrieb des Zementwerks ist nicht betroffen.
Das CO₂-Abscheideprojekt GeZero sollte die Zementproduktion in Geseke grundlegend verändern. Geplant war eine Anlage, die jährlich rund 700.000 Tonnen Kohlendioxid auffängt, bevor dieses in die Atmosphäre gelangt. Anschließend sollte das Gas abtransportiert und dauerhaft in geologischen Lagerstätten gespeichert werden.
Nach Angaben von Heidelberg Materials lassen sich die bisherigen Pläne unter den aktuellen wirtschaftlichen Bedingungen nicht umsetzen. Insbesondere sei nicht ausreichend sichergestellt, dass geeignete Transportwege und Speicherstätten rechtzeitig zur Verfügung stehen. Auch die damit verbundenen finanziellen Risiken seien für das Unternehmen derzeit zu hoch.
Der Konzern will deshalb die technische und wirtschaftliche Gestaltung des Projekts überarbeiten. Eine endgültige Aufgabe wurde nicht angekündigt. Wann die Arbeiten wieder aufgenommen werden könnten, blieb zunächst offen.
Die ursprüngliche Investitionsplanung sah Ausgaben von mehr als einer halben Milliarde Euro vor. Rund 191 Millionen Euro wurden dem Projekt aus dem Innovationsfonds der Europäischen Union zugesagt. Die EU-Kommission führt GeZero weiterhin als Förderprojekt mit unterzeichnetem Fördervertrag.
Nach den ursprünglichen Planungen sollte die großtechnische CO₂-Abscheidung ab 2029 erfolgen. Dafür war unter anderem der Einsatz eines neuen Ofensystems vorgesehen, bei dem Sauerstoff anstelle gewöhnlicher Umgebungsluft verwendet wird. Dadurch lässt sich das bei der Zementherstellung entstehende Kohlendioxid leichter konzentrieren und anschließend abtrennen.
Ein weiteres Element war eine Verladestation für den Bahntransport. Über die Schiene sollte das abgeschiedene CO₂ zunächst zu weiterführenden Transport- und Speicheranlagen gelangen. Langfristig war die Anbindung an ein CO₂-Pipelinenetz vorgesehen.
Als Speicherziel waren geologische Gesteinsschichten unter der Nordsee vorgesehen. Die vollständige Transportkette von einem Zementwerk im Binnenland bis zu solchen Lagerstätten stellt allerdings erhebliche Anforderungen an die Infrastruktur.
Aus Sicht von Heidelberg Materials reicht es nicht aus, allein die Abscheidungstechnologie in einem Zementwerk zu finanzieren. Die Wirtschaftlichkeit hängt auch davon ab, ob externe Unternehmen den Transport und die Speicherung des Kohlendioxids zuverlässig übernehmen können.
Der Konzern fordert deshalb einen staatlich unterstützten Mechanismus, der insbesondere die Risiken früher Investoren begrenzt. Dabei geht es um Unternehmen, die bereits in CO₂-Abscheidung investieren, während die erforderliche Infrastruktur noch aufgebaut wird.
Außerdem sieht Heidelberg Materials Vorteile in der Möglichkeit, Kohlendioxid auch an Land dauerhaft zu speichern. Solche Lösungen könnten nach Einschätzung des Konzerns die Kosten insbesondere für Industrieanlagen im Binnenland verringern.
Deutschland hat die gesetzlichen Voraussetzungen für die CO₂-Speicherung bereits erweitert. Am 28. November 2025 trat die Novelle des Kohlendioxid-Speicherungsgesetzes in Kraft. Sie ermöglicht unter bestimmten Voraussetzungen kommerzielle Speicherprojekte unter dem Meeresboden und schafft einen Rechtsrahmen für CO₂-Leitungen. Bundesländer können zudem die Speicherung an Land durch eigene gesetzliche Regelungen zulassen.
Die rechtlichen Grundlagen allein garantieren jedoch noch keine rechtzeitige Verfügbarkeit der benötigten Infrastruktur. Die Bundesregierung rechnet selbst mit mehrjährigen Planungs- und Bauzeiten für Transport- und Speicheranlagen.
Die Entscheidung betrifft eine Branche, deren Umstellung auf klimafreundliche Produktionsverfahren besonders schwierig ist.
Bei der Herstellung von Zementklinker wird Kalkstein auf hohe Temperaturen erhitzt. Dabei entsteht Kohlendioxid nicht nur durch den Einsatz von Brennstoffen, sondern auch unmittelbar durch chemische Reaktionen im Rohmaterial.
Nach Angaben des Vereins Deutscher Zementwerke entfallen ungefähr zwei Drittel der direkten CO₂-Emissionen der Zementherstellung auf solche rohstoffbedingten Prozesse. Sie lassen sich deshalb nicht allein durch erneuerbare Energien oder effizientere Öfen vermeiden.
Insgesamt verursacht die deutsche Zementindustrie nach Angaben des Branchenverbands ungefähr 20 Millionen Tonnen Kohlendioxid jährlich. Die ursprünglich für GeZero geplante Abscheidemenge von 700.000 Tonnen entspricht rechnerisch rund 3,5 Prozent davon.
Neben dem Einsatz alternativer Rohstoffe, einem geringeren Klinkeranteil und effizienteren Produktionsverfahren gilt die Abscheidung von Kohlendioxid deshalb als ein wichtiger Baustein zur Senkung der verbleibenden Emissionen.
Während Heidelberg Materials das Projekt in Deutschland pausiert, setzt der Konzern seine Aktivitäten zur CO₂-Abscheidung in anderen europäischen Ländern fort.
Im norwegischen Brevik betreibt das Unternehmen seit Juni 2025 eine großtechnische Anlage zur Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid aus der Zementproduktion. Das Projekt gehört zu den ersten industriellen Anwendungen dieser Technologie in der Branche.
Auch in Großbritannien wird weiter investiert. Für das Projekt Padeswood fiel im September 2025 die endgültige Investitionsentscheidung. Der Bau begann im Dezember desselben Jahres.
Heidelberg Materials will zunächst diejenigen internationalen Projekte vorantreiben, bei denen die wirtschaftlichen und infrastrukturellen Voraussetzungen gegeben sind. Zugleich hält der Konzern grundsätzlich an seinem Ziel fest, auch in Deutschland ein großtechnisches CO₂-Abscheideprojekt umzusetzen.
Für Geseke steht allerdings kein neuer Zeitplan fest. Damit verzögert sich ein Vorhaben, das zeigen sollte, wie die klimafreundlichere Zementproduktion auch an Industriestandorten ohne unmittelbaren Zugang zu Seehäfen funktionieren kann.
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