Deutschlands Wirtschaft könnte ab 2030 trotz Fachkräftemangel stärker wachsen

Aktienhandel: Kurstafel mit Kursverläufen an der Börse
Quelle: Pixabay, sergeitokmakov

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Die deutsche Wirtschaft könnte ab 2030 wieder ein höheres Wachstumspotenzial erreichen, obwohl die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter deutlich schrumpft. Nach neuen Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) soll das jährliche Potenzialwachstum zwischen 2030 und 2035 auf 0,7 Prozent steigen. In der zweiten Hälfte der 2030er Jahre halten die Forscher sogar ein Prozent für möglich. Voraussetzung sind umfangreiche Investitionen, technologische Fortschritte und eine höhere Produktivität. Gleichzeitig verschärft der demografische Wandel den Druck auf den Arbeitsmarkt.

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IW erwartet ab 2030 höheres Wachstumspotenzial

Das Wachstumspotenzial der deutschen Wirtschaft fällt nach Einschätzung des IW zunächst weiterhin niedrig aus. Für die laufende Dekade bis 2030 gehen die Ökonomen von durchschnittlich 0,3 Prozent jährlich aus. Anschließend soll sich das Potenzialwachstum auf zunächst 0,7 Prozent erhöhen und in der zweiten Hälfte der 2030er Jahre auf ein Prozent steigen.

Dabei handelt es sich nicht um eine Prognose für das tatsächliche Bruttoinlandsprodukt eines einzelnen Jahres. Das Potenzialwachstum beschreibt, wie stark die Wirtschaftsleistung langfristig unter normalen wirtschaftlichen Bedingungen zunehmen kann. Die tatsächliche Entwicklung kann aufgrund konjunktureller Schwankungen davon abweichen.

Entscheidend für das vom IW berechnete Szenario sind vor allem Fortschritte bei der Digitalisierung und der zunehmende Einsatz Künstlicher Intelligenz. Beide Entwicklungen könnten Unternehmen ermöglichen, vorhandene Arbeitskräfte, Maschinen und andere Produktionsmittel effizienter einzusetzen.

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Investitionen sollen wesentlich zum Wachstum beitragen

Eine zentrale Rolle spielt nach den IW-Berechnungen der Kapitaleinsatz. Davon erwarten die Forscher einen durchschnittlichen positiven Wachstumsbeitrag von rund 0,5 Prozentpunkten. Unternehmen müssten dafür unter anderem in digitale Technologien, Künstliche Intelligenz und moderne Produktionsanlagen investieren.

Hinzu kommt ein erheblicher Kapitalbedarf beim Ausbau der Energieinfrastruktur und beim Klimaschutz. Die erwarteten Produktivitätsfortschritte setzen deshalb voraus, dass die seit Jahren anhaltende Investitionsschwäche überwunden wird. Ohne eine entsprechende Ausweitung der Investitionstätigkeit wären wesentliche Annahmen des Wachstumsszenarios nicht erfüllt.

Wie groß der Nachholbedarf ist, verdeutlicht ein weiterer IW-Report vom 7. Oktober 2026. Darin untersucht der Ökonom Michael Grömling die unterschiedlichen Beiträge privater und staatlicher Wirtschaftsaktivitäten zum Wachstum Deutschlands.

Private Investitionen liegen deutlich unter dem Niveau von 2019

Nach dem IW-Report lagen die realen privatwirtschaftlichen Investitionen zuletzt mehr als zehn Prozent unter ihrem durchschnittlichen Niveau von 2019. Die staatlichen Investitionen übertrafen den damaligen Vergleichswert dagegen um gut 20 Prozent.

Auch beim Konsum zeigen sich deutliche Unterschiede. Während der reale Staatskonsum zuletzt mehr als 16 Prozent über dem Jahresvolumen von 2019 lag, erreichten die privaten Konsumausgaben lediglich einen Zuwachs von 4,5 Prozent.

Nach Berechnungen des IW hat der privatwirtschaftliche Sektor in den vergangenen sechs Jahren insgesamt keinen positiven Beitrag zum realen Wirtschaftswachstum geleistet. Die gesamtwirtschaftliche Expansion wurde in dieser Betrachtung ausschließlich vom staatlichen Sektor getragen.

Besonders problematisch bewertet das Institut die Entwicklung der Unternehmensinvestitionen. Zwar hatten diese bereits in den 2000er Jahren das Wachstum zeitweise gebremst. Der durchschnittliche negative Wachstumsbeitrag fällt in der laufenden Dekade allerdings mehr als viermal so hoch aus.

Die Investitionsschwäche ist damit eine zentrale Hürde für das langfristig höhere Wachstumspotenzial, das die neuen Berechnungen des IW für die Zeit nach 2030 beschreiben.

Bis 2040 könnten 4,3 Millionen Menschen im Erwerbsalter wegfallen

Neben den Investitionen bleibt die demografische Entwicklung entscheidend. Nach den neuen IW-Berechnungen könnte die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter bis 2040 auf 50,8 Millionen sinken. Das wären rund 4,3 Millionen Menschen beziehungsweise 7,7 Prozent weniger als 2025.

Deshalb erwarten die Forscher in den kommenden 15 Jahren einen leicht negativen Wachstumsbeitrag des Arbeitseinsatzes. Die geringere Verfügbarkeit von Arbeitskräften müsste durch mehr Kapital und eine steigende Produktivität ausgeglichen werden.

Die Entwicklung hatte das IW bereits in einer Untersuchung vom 15. Juni 2026 genauer beschrieben. Demnach gehören fast 20 Millionen Menschen zu den geburtenstarken Jahrgängen von 1954 bis 1969. Während jährlich durchschnittlich rund 1,3 Millionen Angehörige dieser Generation das Rentenalter erreichen, rücken nur etwa 800.000 jüngere Menschen nach.

Die damalige Bevölkerungsprognose bezifferte das Erwerbspersonenpotenzial für 2036 auf rund 51,2 Millionen Menschen. Im Jahr 2025 lag dieser Wert noch bei etwa 55 Millionen.

Als mögliche Gegenmaßnahmen nennt das IW eine höhere Erwerbsbeteiligung, längere individuelle Arbeitszeiten und eine erleichterte Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte. Zugleich stellte das Institut im Juni fest, dass sich der zunehmende KI-Einsatz bislang nicht in einem beschleunigten gesamtwirtschaftlichen Produktivitätswachstum niedergeschlagen habe.

Bundesregierung erwartet kurzfristig eine wirtschaftliche Erholung

Die langfristigen Berechnungen des IW unterscheiden sich von den aktuellen Konjunkturerwartungen der Bundesregierung. In ihrer Herbstprojektion vom 8. Oktober 2026 rechnet diese für das laufende Jahr mit einem preisbereinigten Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent. Gegenüber der Frühjahrsprojektion wurde die Erwartung um 0,8 Prozentpunkte angehoben.

Für 2027 prognostiziert die Bundesregierung ein Wachstum von 1,1 Prozent, für 2028 dagegen nur noch 0,6 Prozent. Die wirtschaftliche Erholung wurde im ersten Halbjahr 2026 vor allem durch Exporte und staatlichen Konsum getragen.

Auch die Bundesregierung geht von einer rückläufigen Beschäftigung aus. Die Zahl der Erwerbstätigen dürfte nach ihrer Herbstprojektion 2026 um 0,5 Prozent, 2027 um 0,4 Prozent und 2028 um weitere 0,2 Prozent sinken.

Gleichzeitig erwartet sie für die Wirtschaftsleistung je Erwerbstätigenstunde Zuwächse von 1,3 Prozent im laufenden Jahr, 1,4 Prozent im Jahr 2027 und 1,3 Prozent im Jahr 2028.

Die Regierung rechnet damit, dass sich private Investitionen erst im Verlauf des kommenden Jahres schrittweise erholen. Als Belastungen nennt sie unter anderem geopolitische Unsicherheiten, höhere Materialkosten, gestiegene Finanzierungskosten und eine geringe Auslastung der Produktionskapazitäten.

Internationaler Investitionsgipfel in Berlin geplant

Zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts veranstaltet die Bundesregierung am 19. und 20. Oktober den internationalen „Invest in Germany Summit“ in Berlin. Nach Angaben der Bundesregierung sollen dort führende Unternehmen, Investoren und politische Entscheidungsträger zusammenkommen.

Das Treffen dient dazu, für neue Investitionen in Deutschland zu werben und bestehende wirtschaftliche Partnerschaften auszubauen. Im Mittelpunkt stehen unter anderem industrielle Künstliche Intelligenz, Halbleiter, Infrastruktur und Finanzierungsmöglichkeiten.

Die neuen IW-Berechnungen verdeutlichen damit zwei gegenläufige Entwicklungen: Während die Zahl potenzieller Arbeitskräfte sinkt, könnten Digitalisierung, Produktivitätsfortschritte und zusätzliche Investitionen das langfristige Wirtschaftswachstum stärken. Voraussetzung dafür bleibt eine deutliche Verbesserung der Investitionstätigkeit in Deutschland.

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