
Nordkoreas Führung weist die jüngsten Signale aus Washington und Seoul zurück und hält zugleich eine bemerkenswerte Hintertür offen. Kim Yo-jong, die einflussreiche Schwester von Machthaber Kim Jong-un, hat die von den USA angeordnete Verkleinerung gemeinsamer Militärübungen mit Südkorea als politisch bedeutungslos bezeichnet. Einen Tag später griff sie den südkoreanischen Präsidenten Lee Jae Myung wegen dessen positiver Bewertung der Entscheidung scharf an.
Die Kim Yo-jong Erklärung fällt in eine Phase neuer diplomatischer Bewegung auf der koreanischen Halbinsel. US-Präsident Donald Trump hat seine Bereitschaft zu einem weiteren Treffen mit Kim Jong-un bekundet und die Beteiligung der Vereinigten Staaten am Manöver Ulchi Freedom Shield deutlich reduzieren lassen. Nordkorea wertet diese Maßnahme bislang jedoch nicht als grundlegenden Kurswechsel.
Kim Yo-jong erklärte zunächst, eine geringere Dauer und ein kleinerer Umfang der gemeinsamen Übungen änderten aus nordkoreanischer Sicht nichts an deren Charakter. Pjöngjang betrachtet die regelmäßig stattfindenden Manöver der USA und Südkoreas seit Jahren als Bedrohung und bezeichnet sie als Vorbereitung auf militärische Operationen gegen Nordkorea.
Die Vereinigten Staaten und Südkorea sehen die Übungen dagegen als Bestandteil ihrer gemeinsamen Verteidigungsbereitschaft. Das diesjährige Manöver Ulchi Freedom Shield wurde nach einer Anordnung Trumps deutlich gekürzt. Statt der ursprünglich vorgesehenen elf Tage sollte die gemeinsame Übung nach fünf Tagen beendet werden.
Kim Yo-jong machte deutlich, dass Nordkorea nicht einzelne Kürzungen, sondern die fortgesetzte militärische Zusammenarbeit zwischen Washington und Seoul bewerte. Eine Reduzierung der Übungen könne deshalb nach ihrer Darstellung nicht als ausreichende Geste des guten Willens verstanden werden.
Bemerkenswert war allerdings ein anderer Teil ihrer Stellungnahme. Kim erklärte zugleich, die persönliche Beziehung zwischen ihrem Bruder und Trump sei weiterhin sehr gut. Kim Jong-un habe positive Erinnerungen an Trump. Damit unterschied sie ausdrücklich zwischen dem persönlichen Verhältnis der beiden Staatschefs und den politischen Beziehungen zwischen Nordkorea und den USA.
Trump hatte zuvor erklärt, Kim Jong-un habe auf seinen Wunsch nach einem Gespräch reagiert. Konkrete Angaben zu möglichen Kontakten machte der US-Präsident zunächst nicht.
Kim Yo-jong sagte dagegen, ihr sei keine jüngste Kommunikation zwischen den beiden Staatschefs bekannt. Damit bestätigte Pjöngjang Trumps Darstellung eines bereits erfolgten Austauschs nicht.
Gleichzeitig vermied Nordkorea eine vollständige persönliche Zurückweisung Trumps. Die Aussage über das weiterhin gute Verhältnis zwischen Trump und Kim Jong-un unterscheidet sich deutlich von der harten Kritik an der amerikanischen Sicherheitspolitik. Pjöngjang hält damit zwei Ebenen voneinander getrennt: die persönliche Beziehung der Staatschefs und die grundsätzlichen politischen Forderungen Nordkoreas.
Trump erklärte am Mittwoch erneut, er wolle Kim noch in diesem Jahr treffen. Ob Gespräche über ein solches Treffen bereits konkret vorbereitet werden, war zunächst nicht offiziell bestätigt.
Am Donnerstag verschärfte Kim Yo-jong ihren Ton gegenüber Südkorea. Präsident Lee Jae Myung hatte die Verringerung der Militärübungen als Ausdruck von Trumps Bemühungen gewürdigt, Bedingungen für einen neuen Dialog mit Nordkorea zu schaffen.
Kim bezeichnete Lees Reaktion dagegen als widersprüchlich und warf der südkoreanischen Regierung vor, die Kürzung der Übungen nachträglich als diplomatische Chance darzustellen. Die Äußerungen Lees zeigten aus ihrer Sicht Unsicherheit über die sicherheitspolitische Abhängigkeit Südkoreas von den Vereinigten Staaten.
Seouls Präsidialamt wies diese Angriffe am Freitag zurück. Es forderte Nordkorea auf, unnötige verbale Attacken einzustellen und sich stattdessen auf Schritte für Frieden auf der koreanischen Halbinsel zu konzentrieren.
Damit bleibt die neue südkoreanische Regierung bei ihrem Versuch, Abschreckung und Gesprächsbereitschaft miteinander zu verbinden. Lee hatte sich wiederholt offen für eine Entspannung mit Nordkorea gezeigt, ohne die Sicherheitskooperation mit Washington grundsätzlich infrage zu stellen.
Parallel zur politischen Auseinandersetzung setzte Nordkorea seine Raketentests fort. Das südkoreanische Militär registrierte am Donnerstag den Start von rund zehn ballistischen Kurzstreckenraketen in Richtung des Meeres östlich der koreanischen Halbinsel. Nach südkoreanischen Angaben legten sie ungefähr 300 Kilometer zurück.
Die Starts erfolgten während der verkürzten gemeinsamen Militärübungen. Nordkorea verbindet solche Tests regelmäßig mit Kritik an den Manövern der USA und Südkoreas. Unabhängig davon verfolgt das Land seit Jahren den Ausbau seines Raketen- und Nuklearprogramms.
Washington und Seoul beendeten Ulchi Freedom Shield am Freitag früher als ursprünglich vorgesehen. Die Kürzung geht auf Trumps Anordnung zurück, die US-Beteiligung erheblich zurückzufahren.
Die jüngsten Aussagen zeigen, dass eine persönliche Verbindung zwischen Trump und Kim Jong-un allein derzeit nicht ausreicht, um die politischen Gegensätze zu überwinden. Nordkorea verlangt seit längerem einen grundlegenden Wandel der amerikanischen Politik und lehnt Forderungen nach einer vollständigen Denuklearisierung ab.
Die USA halten dagegen offiziell am Ziel einer Denuklearisierung Nordkoreas fest. Genau an diesem Gegensatz scheiterten bereits frühere Gespräche. Trump und Kim trafen sich während Trumps erster Amtszeit mehrfach, darunter 2018 in Singapur und 2019 in Hanoi. Ein umfassendes Abkommen über Nordkoreas Atomprogramm und internationale Sanktionen kam dabei nicht zustande.
Seitdem hat sich die strategische Lage verändert. Nordkorea hat sein Waffenprogramm weiterentwickelt und seine Beziehungen zu Russland deutlich ausgebaut. Gleichzeitig versucht Südkorea unter Präsident Lee, neue Gesprächsmöglichkeiten offenzuhalten.
Kim Yo-jongs aktuelle Stellungnahmen schließen einen neuen Dialog mit Trump nicht ausdrücklich aus. Sie machen jedoch deutlich, dass Pjöngjang eine bloße Verkleinerung militärischer Übungen bislang nicht als ausreichende politische Veränderung betrachtet. Damit bleibt die koreanische Halbinsel zugleich von vorsichtigen diplomatischen Signalen und anhaltender militärischer Konfrontation geprägt.
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