
Der Bio-Großhändler Naturkost Erfurt ist in finanzielle Schwierigkeiten geraten und hat ein Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung eingeleitet. Das Amtsgericht Erfurt hat dem Antrag zugestimmt. Rund 65 Beschäftigte an den Standorten Erfurt und Schkeuditz sind betroffen. Für Bioläden und andere Kunden soll sich zunächst nichts ändern: Der Geschäftsbetrieb läuft nach Angaben des Unternehmens weiter, Bestellungen werden angenommen und ausgeliefert.
Die Insolvenz von Naturkost Erfurt trifft einen regional bedeutenden Lieferanten des Biofachhandels. Das Unternehmen versorgt Bioläden, Hofläden, Lieferdienste, Gastronomiebetriebe und weitere gewerbliche Kunden in Thüringen, Sachsen, dem südlichen Sachsen-Anhalt und Nordbayern. Das Sortiment umfasst mehr als 12.000 Naturkostprodukte, darunter rund 2.000 Frischeartikel.
Naturkost Erfurt beschäftigt derzeit rund 65 Menschen. Die Mitarbeiter arbeiten in den beiden Logistikzentren in Erfurt und Schkeuditz. Ihre Löhne und Gehälter sollen bis Ende November über das Insolvenzgeld abgesichert sein.
Bei einer Eigenverwaltung bleibt die bisherige Geschäftsführung grundsätzlich im Amt. Anders als in einem klassischen Insolvenzverfahren übernimmt nicht unmittelbar ein Insolvenzverwalter die Leitung des Unternehmens. Stattdessen wird die Geschäftsführung durch einen vom Gericht eingesetzten Sachwalter kontrolliert. Im Fall von Naturkost Erfurt wurde André Rombach zum vorläufigen Sachwalter bestellt.
Das Unternehmen will die Zeit nutzen, um seine wirtschaftliche Struktur neu aufzustellen. Dabei kommen nach den bisher veröffentlichten Angaben verschiedene Modelle infrage. Genannt werden unter anderem der Einstieg eines Partners, die Aufnahme in ein bestehendes Netzwerk oder die Einbindung in eine Unternehmensgruppe. Gespräche mit möglichen Partnern haben demnach bereits begonnen. Ein konkreter Investor oder Käufer war zunächst nicht bekannt.
Als Gründe für die wirtschaftlichen Probleme nennt Naturkost Erfurt eine Kombination aus gestiegenen Kosten und rückläufigen Umsätzen. Höhere Preise für Lebensmittel und Betriebsstoffe hätten das Unternehmen belastet. Gleichzeitig hätten Kunden weniger bestellt.
Damit trifft den Großhändler ein doppelter Effekt. Steigen etwa Transport-, Energie- oder Warenkosten, verteuert sich der Betrieb eines auf regelmäßige und teilweise gekühlte Lieferungen angewiesenen Großhandels. Zugleich stehen viele kleinere Biohändler selbst unter Kostendruck und reagieren empfindlich auf eine zurückhaltende Nachfrage ihrer Kundschaft.
Die genauen finanziellen Kennzahlen der Gesellschaft, etwa die Höhe der Verbindlichkeiten oder der konkrete Finanzierungsbedarf für die Sanierung, waren zunächst nicht veröffentlicht. Auch über mögliche Stellenstreichungen gab es zunächst keine gesicherten Angaben.
Für Verbraucher bedeutet das Verfahren nicht automatisch, dass Produkte aus Bioläden verschwinden. Naturkost Erfurt ist kein Einzelhändler mit eigenen Filialen, sondern ein Großhändler im Hintergrund der Lieferkette. Das Unternehmen beliefert Händler und andere gewerbliche Abnehmer.
Nach Angaben zur Sanierung läuft der Betrieb an beiden Standorten uneingeschränkt weiter. Bestandskunden sollen weiterhin beliefert werden, auch neue Kunden können demnach Bestellungen aufgeben. Damit sind derzeit keine allgemeinen Lieferstopps angekündigt.
Welche Auswirkungen das Verfahren mittel- oder langfristig auf einzelne Bioläden haben könnte, hängt vom Verlauf der Sanierung ab. Naturkosthändler arbeiten häufig mit mehreren Lieferanten und regional unterschiedlichen Bezugsstrukturen. Deshalb lässt sich aus der Insolvenz eines einzelnen Großhändlers keine bundesweite Warenknappheit ableiten.
Besonders relevant ist Naturkost Erfurt jedoch in seinem regionalen Liefergebiet. Dort gehört das Unternehmen seit mehr als zwei Jahrzehnten zu den etablierten Anbietern für Naturkost und Frischeprodukte.
Die Insolvenz fällt in eine Phase, in der der deutsche Bio-Markt insgesamt wächst. Verbraucher gaben 2025 rund 18,23 Milliarden Euro für Bio-Lebensmittel und Bio-Getränke aus. Das waren 6,7 Prozent mehr als im Vorjahr.
Besonders stark wuchs der Absatz über klassische Supermärkte, Discounter und Drogerieketten. Der Lebensmitteleinzelhandel kam 2025 mit Bio-Produkten auf rund 12,76 Milliarden Euro Umsatz. Damit entfielen rund 70 Prozent des deutschen Bio-Marktes auf diese Vertriebskanäle.
Auch der Naturkostfachhandel legte insgesamt zu, allerdings deutlich langsamer. Bioläden und Bio-Supermärkte erreichten 2025 rund 3,3 Milliarden Euro Umsatz. Das entsprach einem Plus von 2,3 Prozent. Gleichzeitig sank die Zahl der Bioläden weiter, weil erneut mehr Geschäfte schlossen als neu eröffnet wurden.
Auch 2026 bleibt Bio gefragt. Im ersten Halbjahr stieg der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln und Getränken nach Branchendaten um 4,9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Besonders dynamisch entwickelten sich erneut Drogeriemärkte. Der Fachhandel kam zuletzt auf einen Marktanteil von rund 17 Prozent.
Der Fall Naturkost Erfurt zeigt damit einen wichtigen Unterschied zwischen Gesamtmarkt und einzelnen Unternehmen. Ein wachsender Bio-Umsatz bedeutet nicht automatisch, dass alle Händler und Großhändler gleichermaßen profitieren.
Große Supermarktketten, Discounter und Drogerien können Bio-Produkte zunehmend über Eigenmarken, große Einkaufsvolumen und dichte Vertriebsnetze anbieten. Regionale Fachhändler und ihre Großhändler arbeiten dagegen häufig mit breiteren Sortimenten, spezialisierten Marken und einem hohen Anteil frischer Produkte.
Für Naturkost Erfurt soll das Eigenverwaltungsverfahren nun die Grundlage für eine wirtschaftliche Neuordnung schaffen. Entscheidend wird sein, ob sich die laufenden Kosten dauerhaft mit den erzielbaren Umsätzen in Einklang bringen lassen und ob ein Partner für die weitere Entwicklung gefunden wird.
Für Kunden von Bioläden besteht derzeit kein Anlass, von einer allgemeinen Einschränkung der Bio-Versorgung auszugehen. Die Warenströme von Naturkost Erfurt laufen zunächst weiter. Wie dauerhaft die bisherige Lieferstruktur erhalten werden kann, wird sich im weiteren Verlauf des Sanierungsverfahrens entscheiden.
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