
Russland verlangt von Japan, amerikanische Typhon-Raketensysteme vollständig von japanischem Boden zu entfernen. Tokio betrachtet deren Einsatz dagegen als zeitlich begrenzte Stationierung im Rahmen gemeinsamer Militärübungen. Nach dem Ende der Übung „Orient Shield 26“ sollen die Systeme zwar vom japanischen Luftwaffenstützpunkt Kanoya abgezogen werden, anschließend aber zunächst in einer Einrichtung der US-Streitkräfte in Japan gelagert werden. Damit bleibt ein zentraler Streitpunkt zwischen Moskau und Tokio bestehen.
Das russische Außenministerium hatte seine Forderung am 18. September öffentlich gemacht. Sprecherin Maria Sacharowa erklärte, Russland habe Japan bereits am 3. September in Moskau und Tokio eine formelle Protestnote übergeben. Darin wandte sich Moskau gegen die Stationierung amerikanischer Typhon-Systeme auf der südwestjapanischen Insel Kyushu. Russland bezeichnet deren Präsenz als Gefahr für die eigene Sicherheit sowie für Frieden und Stabilität in der Region.
Moskau fordert nicht lediglich das Ende der Nutzung bei Militärmanövern. Nach Angaben des russischen Außenministeriums sollen die Systeme Japan vollständig verlassen. Der stellvertretende russische Außenminister Andrei Rudenko sprach das Thema zudem bei einem Treffen mit dem japanischen Botschafter Akira Muto an.
Die russische Bewertung ist eine politische Position Moskaus. Japan weist die Darstellung zurück, seine militärische Zusammenarbeit mit den USA diene einer gegen Russland gerichteten Eskalation. Das japanische Verteidigungsministerium erklärte bereits im Juni, die zeitweise Verlegung amerikanischer Systeme solle die Einsatzfähigkeit der US-Streitkräfte sowie die gemeinsame Reaktionsfähigkeit und Interoperabilität verbessern.
Genau an der Frage, was nach den Übungen mit den Raketenwerfern geschieht, entzündet sich der aktuelle Konflikt.
Das japanische Verteidigungsministerium erklärte, die Typhon-Systeme sollten nach dem Ende von „Orient Shield“ und den notwendigen Abbauarbeiten bis etwa Mitte Oktober vom Marinefliegerstützpunkt Kanoya auf Kyushu entfernt werden. Anschließend sollen sie jedoch innerhalb einer Einrichtung oder eines Gebiets der US-Streitkräfte in Japan gelagert werden. Nach Angaben Tokios hat die amerikanische Seite zugleich erklärt, dass es sich nicht um eine permanente Stationierung in Japan handele.
Damit unterscheiden sich die Positionen grundsätzlich. Russland verlangt die Entfernung aus Japan. Die japanische Regierung betrachtet die Verlegung nach eigenen Angaben als vorübergehend, sieht aber zunächst eine weitere Lagerung innerhalb des Landes vor.
Eine neue eigenständige öffentliche Stellungnahme der US-Regierung zur russischen Abzugsforderung lag zunächst nicht vor. Die US Army bestätigte jedoch das Ende von „Orient Shield 26“ am 24. September. An der Übung waren japanische, amerikanische und australische Streitkräfte beteiligt. Washington bezeichnet solche Übungen als Instrument zur Verbesserung der militärischen Zusammenarbeit und Einsatzfähigkeit mit Verbündeten und Partnern.
Typhon ist die Bezeichnung für die „Mid-Range Capability“ der US Army. Das mobile landgestützte System greift auf Komponenten des vertikalen Mk-41-Startsystems zurück und kann unter anderem Tomahawk-Marschflugkörper und Flugkörper des Typs SM-6 einsetzen. Die US Army beschreibt Typhon als Teil ihrer Fähigkeiten für weitreichende Präzisionsschläge.
Nach Angaben der US Army kann die landgestützte Version Tomahawk-Marschflugkörper für Ziele in großer Entfernung einsetzen. Die Army nennt für Tomahawk eine Reichweite von rund 1.000 Meilen, also etwa 1.600 Kilometern. SM-6 kann unter anderem gegen Luftziele, ballistische Raketen in der Endphase und Schiffe eingesetzt werden.
Während „Orient Shield 26“ fanden am Stützpunkt Kanoya nach Angaben des US Naval Institute Ausbildungs- und Erfahrungsaustausche zwischen japanischen Einheiten und der amerikanischen 3rd Multi-Domain Task Force zu japanischen Seezielflugkörpern und Typhon statt. Dort waren keine scharfen Abschüsse vorgesehen.
„Orient Shield 26“ lief vom 8. bis 24. September. Nach Angaben der japanischen Landstreitkräfte handelte es sich um die bislang größte Ausgabe der Übungsreihe. Beteiligt waren die japanischen Bodenselbstverteidigungsstreitkräfte sowie Einheiten aus den USA und Australien. Ziel war nach japanischer Darstellung unter anderem, gemeinsame Abläufe und die Fähigkeit zu multinationalen Operationen zu verbessern.
Bereits vor Beginn der Übung hatte Russland gegen den geplanten Einsatz von Typhon protestiert. Das russische Außenministerium erklärte damals, selbst eine zeitlich begrenzte Stationierung im Rahmen eines Manövers sei aus Moskauer Sicht nicht hinnehmbar.
Der Raketenstreit fällt in eine Phase erneut verschärfter Spannungen zwischen Russland und Japan. Im August hatte der russische Präsident Wladimir Putin die Insel Iturup besucht, die in Japan Etorofu genannt wird. Die Insel gehört zu der von Russland kontrollierten Inselgruppe, die Tokio als „Nördliche Territorien“ beansprucht und Moskau zu den südlichen Kurilen zählt.
Japans Außenminister Toshimitsu Motegi bestellte daraufhin am 13. August den russischen Botschafter ein und protestierte gegen Putins Besuch. Die japanische Regierung erklärte erneut, die vier umstrittenen Inseln gehörten zu Japan. Russland weist diesen Anspruch zurück und betrachtet die Inseln als russisches Staatsgebiet.
Der Konflikt reicht bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs zurück. Die Sowjetunion besetzte die Inseln 1945. Wegen der ungeklärten Territorialfrage haben Japan und Russland bis heute keinen formellen Friedensvertrag über das Ende des Kriegszustands geschlossen.
Moskau verknüpft inzwischen auch den Streit über die amerikanischen Raketensysteme ausdrücklich mit der Territorialfrage. In seiner Protestnote forderte das russische Außenministerium Japan auf, die nach russischer Darstellung aus dem Zweiten Weltkrieg resultierenden territorialen Verhältnisse anzuerkennen. Japan hält dagegen an seinem Anspruch auf die vier Inseln fest.
Die Auseinandersetzung um Typhon steht zugleich in einem breiteren sicherheitspolitischen Zusammenhang. Japan baut seine militärische Zusammenarbeit mit den USA und weiteren Partnern aus. Bei einem Treffen der Außenminister Japans, der USA und Südkoreas am 21. September bekräftigten die drei Regierungen ihre sicherheitspolitische Kooperation und begrüßten weitere gemeinsame Übungen.
Russland wiederum wendet sich gegen eine stärkere amerikanische militärische Präsenz in Japan. Auch China hat die Stationierung weitreichender amerikanischer Raketensysteme in der Region wiederholt kritisiert.
Für den aktuellen Streit ist vor allem entscheidend, wo die amerikanischen Typhon-Systeme nach ihrem geplanten Abzug aus Kanoya Mitte Oktober verbleiben. Tokio hat bislang eine Lagerung auf einem US-Militärgelände innerhalb Japans angekündigt und gleichzeitig eine dauerhafte Stationierung verneint. Moskau fordert dagegen, die Systeme vollständig aus Japan abzuziehen.






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