SALCOS vor dem Start: Salzgitter baut sein Stahlwerk grundlegend um

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Quelle: Pixabay, sergeitokmakov

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Salzgitter treibt einen der größten Umbauten der europäischen Stahlindustrie voran. Im ersten Halbjahr 2027 soll im integrierten Hüttenwerk des Konzerns die erste Stufe des Transformationsprogramms SALCOS in Produktion gehen. Statt Eisenerz wie bisher in klassischen Hochöfen mit Kohle und Koks zu verarbeiten, setzt die neue Route auf Direktreduktion und einen Elektrolichtbogenofen. Langfristig soll dabei immer mehr Wasserstoff zum Einsatz kommen. Das Vorhaben kostet Milliarden und fällt ausgerechnet in eine Phase, in der die deutsche Stahlindustrie mit schwacher Nachfrage, hohen Energiepreisen und starkem internationalen Wettbewerbsdruck kämpft.

Erste SALCOS-Stufe soll 2027 anlaufen

Die Salzgitter AG SALCOS Transformation ist inzwischen weit über die Planungsphase hinaus. Für die erste Ausbaustufe entstehen am Standort Salzgitter eine Direktreduktionsanlage, ein Elektrolichtbogenofen und eine Elektrolyseanlage mit einer Leistung von 100 Megawatt. Nach Angaben des Konzerns befinden sich die großen Anlagen im Bau. Die neue Produktionsroute soll im ersten Halbjahr 2027 anlaufen.

Die Direktreduktionsanlage kann jährlich gut zwei Millionen Tonnen direktreduziertes Eisen erzeugen. Dabei wird dem Eisenerz der Sauerstoff nicht mehr mithilfe von Kohlenstoff im Hochofen entzogen. Stattdessen kommt ein Reduktionsgas zum Einsatz. Der entstehende Eisenschwamm wird anschließend zusammen mit Stahlschrott im Elektrolichtbogenofen eingeschmolzen. Mit der ersten SALCOS-Stufe sollen rund zwei Millionen Tonnen CO2-reduzierter Rohstahl pro Jahr hergestellt werden können.

Wichtig ist allerdings eine Unterscheidung: Der Produktionsstart 2027 bedeutet nicht, dass vom ersten Tag an ausschließlich grüner Wasserstoff eingesetzt wird. Die neue Direktreduktionsanlage ist flexibel für Erdgas und Wasserstoff ausgelegt. Salzgitter plant, zunächst hauptsächlich Erdgas zu verwenden und den Wasserstoffanteil mit wachsender Verfügbarkeit schrittweise zu erhöhen. Bereits mit der ersten Ausbaustufe sollen die CO2-Emissionen des Standorts um rund 30 Prozent sinken.

Förderung steigt auf mehr als 1,3 Milliarden Euro

Das Investitionsvolumen der ersten SALCOS-Stufe liegt nach Angaben der Salzgitter AG bei rund 2,7 Milliarden Euro. Ein erheblicher Teil davon wird öffentlich finanziert. Bund und Land Niedersachsen hatten zunächst eine Förderung von rund einer Milliarde Euro zugesagt. Im Februar 2026 wurde die Unterstützung nach einer Genehmigung der Europäischen Kommission um rund 322 Millionen Euro auf insgesamt 1,322 Milliarden Euro erhöht.

Hintergrund der Aufstockung war eine bereits früher festgestellte Finanzierungslücke. Ursprünglich war davon ausgegangen worden, dass zusätzliche Förderinstrumente mit der bestehenden Unterstützung kombiniert werden könnten. Diese Möglichkeit ließ sich nicht wie vorgesehen umsetzen. Bund und Land schlossen deshalb einen Teil der verbleibenden Lücke durch zusätzliche Mittel.

Der hohe Kapitalbedarf trifft Salzgitter in einer Phase umfangreicher Investitionen. Ende Juni 2026 lag die Nettofinanzposition des Konzerns bei minus 792 Millionen Euro. Zugleich verbesserte sich das operative Geschäft im ersten Halbjahr deutlich gegenüber dem schwachen Vorjahreszeitraum. Der Außenumsatz lag bei 4,6 Milliarden Euro. Ein erheblicher Ergebnisbeitrag kam allerdings aus der Beteiligung am Kupferkonzern Aurubis.

Wasserstoff bleibt eine entscheidende Variable

Für den langfristigen Erfolg von SALCOS reicht der Bau der neuen Stahlaggregate allein nicht aus. Entscheidend ist, ob ausreichend erneuerbarer Wasserstoff zu wettbewerbsfähigen Preisen zur Verfügung steht. Salzgitter baut deshalb einen eigenen Elektrolyseur mit 100 Megawatt Leistung. Die Anlage soll nach bisherigen Planungen rund 9.000 Tonnen grünen Wasserstoff pro Jahr produzieren.

Das ist nur ein Teil der möglichen späteren Nachfrage. In der ersten SALCOS-Ausbaustufe könnten nach Unternehmensangaben jährlich bis zu 150.000 Tonnen Wasserstoff eingesetzt werden. Zusätzliche Mengen müssen daher von externen Produzenten kommen. Im Juni 2026 vereinbarten Salzgitter und der Energieversorger EWE langfristige Lieferungen von jährlich 10.000 Tonnen grünem Wasserstoff aus Emden.

Für deutlich größere Mengen ist eine leistungsfähige Infrastruktur erforderlich. Salzgitter setzt dabei unter anderem auf die Anbindung an das geplante deutsche Wasserstoff-Kernnetz oder auf vergleichbare Direktleitungen. Wie schnell große Mengen erneuerbaren Wasserstoffs tatsächlich verfügbar und zu welchen Preisen sie angeboten werden, gehört damit zu den zentralen wirtschaftlichen Faktoren des Projekts.

Weitere SALCOS-Stufen bereits nach hinten verschoben

Wie stark die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen die Transformation beeinflussen, zeigt der weitere Zeitplan. Salzgitter entschied bereits im September 2025, die Investitionsentscheidungen für die folgenden SALCOS-Ausbaustufen auf 2028 und 2029 zu verschieben. Als Gründe nennt der Konzern verschlechterte wirtschaftliche, politische und regulatorische Bedingungen. Die vollständige Umstellung des Stahlwerks ist inzwischen bis Mitte der 2030er-Jahre vorgesehen.

Das langfristige Ziel bleibt weitreichend. Nach vollständigem Ausbau soll SALCOS technisch eine Verringerung der direkten CO2-Emissionen der Primärstahlproduktion um rund 95 Prozent ermöglichen. Damit gehört Salzgitter zu mehreren europäischen Stahlherstellern, die ihre kohlebasierte Produktion durch Direktreduktion, Elektroöfen und erneuerbare Energien ersetzen wollen. Wie wirtschaftlich diese Verfahren im industriellen Maßstab arbeiten können, hängt allerdings wesentlich von Strom- und Wasserstoffkosten sowie von der Nachfrage nach emissionsärmer produziertem Stahl ab.

Deutsche Stahlindustrie bleibt unter Druck

Der Umbau findet vor einem schwierigen Branchenhintergrund statt. In Deutschland wurden in den ersten sieben Monaten 2026 rund 21,3 Millionen Tonnen Rohstahl hergestellt. Das waren zwar 6,8 Prozent mehr als im schwachen Vorjahreszeitraum. Im Juli ging die Produktion gegenüber dem Vorjahresmonat jedoch erstmals im laufenden Jahr wieder zurück und lag bei knapp 2,7 Millionen Tonnen.

Vor allem die Nachfrage bleibt schwach. Wichtige Stahlabnehmer wie Bauwirtschaft, Maschinenbau und Automobilindustrie entwickelten sich zuletzt verhalten. Hinzu kommen der Importdruck auf dem europäischen Markt und hohe Energiekosten. Genau diese Kombination macht den Umbau der Stahlindustrie kompliziert: Unternehmen sollen Milliarden in Produktionsverfahren mit deutlich niedrigeren Emissionen investieren, während ihre bestehenden Werke bereits mit niedriger Auslastung und intensivem internationalen Wettbewerb konfrontiert sind.

SALCOS wird deshalb auch zu einem Test dafür, ob sich klimafreundlichere Primärstahlproduktion in Europa industriell und wirtschaftlich etablieren lässt. Die erste Stufe ist finanziert und weit fortgeschritten. Mit dem geplanten Produktionsstart 2027 beginnt jedoch erst die nächste Phase. Dann wird sich zeigen, wie schnell Erdgas durch erneuerbaren Wasserstoff ersetzt werden kann und ob für den mit höheren Kosten produzierten Stahl ausreichend Nachfrage entsteht.

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