
Sandra Hüller hat kurz vor dem Kinostart ihres neuen Films „Vaterland“ über ihr Verhältnis zu Deutschland, Thüringen und Europa gesprochen. Die international erfolgreiche Schauspielerin sagte in einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“, das am Dienstag, 1. September 2026, veröffentlicht wurde: „Ich persönlich identifiziere mich nicht als Deutsche.“ Sie sehe sich vielmehr als „thüringische Europäerin oder europäische Thüringerin“.
Die Aussage fiel in einem längeren Gespräch über Heimat und die Themen ihres neuen Films. Sie stand dabei nicht für sich allein. Hüller machte zugleich deutlich, dass die deutsche Herkunft für sie mit historischer Verantwortung verbunden sei. Im Kontakt mit Menschen aus anderen Ländern werde sie immer wieder mit Deutschland und mit deutscher Politik in Vergangenheit und Gegenwart konfrontiert, erklärte die Schauspielerin.
Das Interview führte Kathleen Hildebrand für die „Süddeutsche Zeitung“. Es entstand nach der Deutschlandpremiere von „Vaterland“ beim Filmfest München und wurde wenige Tage vor dem regulären deutschen Kinostart veröffentlicht. Im Gespräch ging es neben dem Film insbesondere um Heimat, Erinnerung und Hüllers Verhältnis zu Thüringen.
Hüller wurde 1978 in Suhl in Thüringen geboren. Im Interview unterschied sie zwischen ihrer persönlichen Verbundenheit mit Thüringen und politischen Entwicklungen in dem Bundesland. Mit Blick auf Wahlergebnisse und die Stärke der AfD sagte sie, sie wolle sich nicht ständig für Entscheidungen anderer Menschen in Thüringen rechtfertigen müssen. Zugleich betonte sie ihre fortbestehende Verbindung zu dem Bundesland, in dem Teile ihrer Familie leben.
Damit ist ihre Aussage über die eigene Identität breiter angelegt als die einzelne Formulierung über Deutschland vermuten lässt. Sandra Hüller als Europäerin und Thüringerin beschreibt im Interview eine persönliche Selbstverortung, ohne die Bedeutung ihrer deutschen Herkunft oder die damit verbundene Geschichte zurückzuweisen. Vielmehr spricht sie ausdrücklich davon, dass mit einer Geburt in Deutschland auch Verantwortung verbunden sei.
Die Passage wurde am Dienstag von weiteren deutschen Medien aufgegriffen. Unter anderem verbreiteten das Redaktionsnetzwerk Deutschland über epd sowie „Bild“ die Aussage. Eine darüber hinausgehende breite Reaktion von Parteien oder anderen politischen Institutionen war zunächst nicht dokumentiert. Die öffentliche Resonanz konzentrierte sich damit zunächst vor allem auf Hüllers Formulierung zur eigenen Identität.
Der Anlass des Interviews ist Hüllers neuer Film „Vaterland“, international auch unter dem Titel „Fatherland“ geführt. Regie führte der polnische Filmemacher Paweł Pawlikowski. Gemeinsam mit Henk Handloegten schrieb er auch das Drehbuch. Hüller spielt Erika Mann, die Tochter des Schriftstellers und Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann. Die Rolle des Thomas Mann übernimmt Hanns Zischler. Zum Ensemble gehören außerdem August Diehl als Klaus Mann und Devid Striesow als Johannes R. Becher sowie Anna Madeley, Fritzi Haberlandt und Milan Peschel.
Der 82 Minuten lange Schwarzweißfilm spielt im Sommer 1949. Thomas Mann kehrt nach 16 Jahren im Exil gemeinsam mit seiner Tochter nach Deutschland zurück. Ihre Reise führt in einem schwarzen Buick von Frankfurt am Main, das damals zur amerikanischen Besatzungszone gehörte, bis ins sowjetisch kontrollierte Weimar. Anlass sind Veranstaltungen zum 200. Geburtstag Johann Wolfgang von Goethes. Zugleich erzählt der Film von einem zerstörten und politisch bereits geteilten Land sowie von den Spannungen innerhalb der Familie Mann.
Die Verbindung zum aktuellen Interview liegt damit nahe: Auch „Vaterland“ beschäftigt sich mit der Frage, was Herkunft und Zugehörigkeit nach historischen Brüchen bedeuten. Thomas Mann hatte Deutschland nach der nationalsozialistischen Machtübernahme verlassen. Seine Rückkehr im Jahr 1949 führt ihn in dem Film in ein Land, das nach Krieg und NS-Diktatur vor einer politischen und gesellschaftlichen Neuordnung steht.
„Vaterland“ hatte am 14. Mai 2026 bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes seine Weltpremiere und lief dort im Hauptwettbewerb. Bei der Preisverleihung am 23. Mai erhielt Paweł Pawlikowski den Preis für die beste Regie. Die Auszeichnung wurde ex aequo vergeben, ebenfalls geehrt wurden Javier Calvo und Javier Ambrossi für „La Bola Negra“.
Pawlikowski gehört seit Jahren zu den international renommierten europäischen Regisseuren. Für „Ida“ erhielt er 2015 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Sein Drama „Cold War“ brachte ihm 2018 bereits einen Regiepreis in Cannes sowie später eine Oscar-Nominierung als bester Regisseur ein.
Nach Cannes wurde „Vaterland“ auch beim Filmfest München gezeigt. Der reguläre deutsche Kinostart ist am 3. September 2026. Filmportal führt das Werk als Koproduktion aus Deutschland, Polen, Italien und Frankreich.
Hüller zählt spätestens seit „Toni Erdmann“ zu den international bekanntesten deutschen Schauspielerinnen. Einen weiteren Karriereschub brachten ihr 2023 zwei Filme, die gleichzeitig im Wettbewerb von Cannes liefen.
In Justine Triets „Anatomie eines Falls“ spielte Hüller eine Schriftstellerin, die nach dem Tod ihres Mannes vor Gericht steht. Der Film gewann 2023 die Goldene Palme von Cannes. Hüller erhielt für ihre Darstellung den Europäischen Filmpreis als beste Schauspielerin und wurde 2024 für den Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert.
Parallel war sie in Jonathan Glazers „The Zone of Interest“ als Hedwig Höß zu sehen, die Ehefrau des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß. Der Film erhielt in Cannes 2023 den Großen Preis. Hüller war beim Europäischen Filmpreis für beide Rollen gleichzeitig als beste Schauspielerin nominiert, gewann schließlich für „Anatomie eines Falls“.
Mit „Vaterland“ kehrt sie nun erneut mit einem historischen Stoff auf die große Leinwand zurück. Anders als „The Zone of Interest“ spielt Pawlikowskis Film jedoch nach dem Ende der NS-Herrschaft und richtet seinen Blick auf Deutschland im Jahr 1949. Die Fragen nach Herkunft, Erinnerung und Verantwortung, über die Hüller im aktuellen Interview spricht, gehören damit zugleich zu den zentralen Themen des Films.
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