Sepsis in Deutschland: Neue Zahlen zeigen eine große Datenlücke

Ein Schild zeigt Warnung
Symbolbild mit KI erstellt

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Sepsis gehört zu den schwersten Komplikationen von Infektionen und verursacht in Deutschland jedes Jahr zehntausende Todesfälle. Kurz vor dem Welt Sepsis Tag am 13. September rückt erneut die Frage in den Mittelpunkt, wie groß die Krankheitslast tatsächlich ist und warum die verfügbaren Zahlen erheblich voneinander abweichen. Die Sepsis Stiftung geht inzwischen von mehr als 500.000 Erkrankungen und mindestens 140.000 sepsisbedingten Todesfällen pro Jahr außerhalb der besonderen Pandemiesituation aus. Andere öffentliche Stellen und Gesundheitsorganisationen nennen weiterhin mindestens 230.000 Erkrankungen und rund 85.000 Todesfälle.

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Die unterschiedlichen Angaben bedeuten nicht zwangsläufig, dass sich die Zahl der Erkrankungen innerhalb kurzer Zeit nahezu verdoppelt hat. Vielmehr unterscheiden sich die Methoden, mit denen Sepsisfälle erfasst oder hochgerechnet werden. Genau diese Datenlücke ist eines der zentralen Probleme bei der Bewertung der Sepsis-Sterblichkeit in Deutschland.

Viele Sepsisfälle tauchen in Routinedaten nicht auf

Sepsis entsteht, wenn die Reaktion des Körpers auf eine Infektion zu einer lebensbedrohlichen Organdysfunktion führt. Auslöser können unter anderem bakterielle, virale oder durch Pilze verursachte Infektionen sein. Die Erkrankung ist damit keine bestimmte Infektion, sondern eine mögliche schwere Folge sehr unterschiedlicher Infektionskrankheiten.

Wie schwierig ihre statistische Erfassung ist, zeigte eine deutsche Multicenterstudie mit mehr als 10.000 stationären Fällen aus zehn Krankenhäusern. Fachleute überprüften Patientenakten und verglichen die klinisch festgestellten Fälle mit den administrativen Krankenhausdaten. Je nach verwendeter Definition erfasste die ICD Codierung lediglich 26,8 bis 38 Prozent der tatsächlichen Sepsisfälle. Bei einer untersuchten Definition lag der Anteil erkannter Fälle in den Abrechnungsdaten bei 1,4 Prozent aller Krankenhausaufnahmen, während die systematische Aktenprüfung 3,3 Prozent ergab.

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Auf solchen Untersuchungen beruhen Hochrechnungen, nach denen die tatsächliche Zahl deutlich höher liegen könnte als ältere Statistiken nahelegen. Die Sepsis Stiftung übertrug die Ergebnisse auf Deutschland und kommt auf mehr als 500.000 Erkrankungen jährlich. Bei einer in der Untersuchung zugrunde gelegten Krankenhaussterblichkeit von 27,8 Prozent ergibt sich daraus eine Größenordnung von mindestens 140.000 Todesfällen. Dabei handelt es sich um eine abgeleitete Schätzung und nicht um eine amtlich gezählte Jahreszahl des Statistischen Bundesamtes.

Warum Sepsis statistisch schwer zu greifen ist

Ein Grund liegt in der Systematik der Todesursachenstatistik. Das Statistische Bundesamt ermittelt aus der Todesbescheinigung ein Grundleiden, das als ursächlich für den Tod angesehen wird. Eine Sepsis kann jedoch beispielsweise als Folge einer Lungenentzündung, einer Harnwegsinfektion oder einer anderen Erkrankung auftreten. Je nachdem, wie Diagnose, Krankheitsverlauf und Todesursache dokumentiert werden, erscheint sie deshalb nicht zwingend als maßgebliche Todesursache in der Statistik.

Hinzu kommt ein medizinisches Erfassungsproblem. Die Symptome einer beginnenden Sepsis können unspezifisch sein, und es gibt keinen einzelnen Test, mit dem sich die Diagnose in jedem Fall unmittelbar bestätigen lässt. Die WHO beschreibt Sepsis deshalb als lebensbedrohliche Organdysfunktion infolge einer fehlregulierten Reaktion auf eine Infektion. Ohne frühe Erkennung kann sich der Zustand bis zu Kreislaufversagen und multiplem Organversagen verschlechtern.

Die Untererfassung in Krankenhausdaten dürfte deshalb nicht nur ein statistisches Phänomen sein. Eine 2026 veröffentlichte Folgeanalyse der deutschen Validierungsdaten zeigte, dass von 1.310 klinisch festgestellten Fällen nach einer älteren Definition lediglich 30,7 Prozent korrekt codiert waren. Besonders entscheidend war, ob die Diagnose Sepsis ausdrücklich in der Patientenakte dokumentiert worden war.

Deutschland hat seit 2026 ein neues Qualitätssicherungsverfahren

Seit dem 1. Januar 2026 läuft erstmals bundesweit das Qualitätssicherungsverfahren Diagnostik und Therapie der Sepsis. Nach Angaben des Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen sind rund 1.200 Leistungserbringer daran beteiligt. Das Verfahren umfasst 14 Qualitätsindikatoren und Transparenzkennzahlen und soll unter anderem dazu beitragen, Sterblichkeit und neu auftretende gesundheitliche Beeinträchtigungen nach einer Sepsis zu verringern.

Ein Schwerpunkt ist die systematischere Früherkennung. Zu den Qualitätsindikatoren gehört ein standardisiertes Screening zur Risikoabschätzung bei Patientinnen und Patienten mit einer Infektion. Ein weiterer Indikator misst, ob Blutkulturen vor Beginn einer antimikrobiellen Sepsistherapie entnommen wurden. Die zugrunde liegenden Regeln stellen zugleich klar, dass die Diagnostik den Beginn einer notwendigen Behandlung nicht verzögern soll.

Damit werden erstmals bundesweit Versorgungsprozesse erfasst, die bislang von Krankenhaus zu Krankenhaus unterschiedlich organisiert sein konnten. Ergebnisse aus dem ersten vollständigen Erfassungsjahr können allerdings noch nicht zeigen, ob das neue Verfahren die Sterblichkeit bereits reduziert hat.

Welche Maßnahmen die Sterblichkeit beeinflussen können

International gelten mehrere Ansatzpunkte als entscheidend. Die Weltgesundheitsorganisation nennt Infektionsprävention, frühzeitige Erkennung, eine zielgerichtete antimikrobielle Therapie, die Kontrolle des Infektionsherdes sowie eine engmaschige Überwachung von Organfunktionen als zentrale Bestandteile einer wirksamen Sepsisversorgung. Auch Impfprogramme, Hygiene und eine bessere Ausbildung medizinischen Personals gehören zu den von der WHO genannten Maßnahmen.

Die 2025 aktualisierte deutsche S3 Leitlinie befasst sich ebenfalls mit Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge. Sie unterstreicht, dass die Behandlung interdisziplinär erfolgen muss, da Sepsis in nahezu allen medizinischen Fachgebieten auftreten kann.

Die Sepsis Stiftung fordert darüber hinaus eine nationale Infektionsmanagementstrategie und nennt das Ziel, durch bessere Prävention, Erkennung und Versorgung jährlich mindestens 10.000 sepsisbedingte Todesfälle zu verhindern. Diese Zahl ist ein gesundheitspolitisches Ziel der Stiftung und keine Prognose darüber, wie viele Todesfälle durch einzelne Maßnahmen tatsächlich verhindert werden.

Internationale Vergleiche hängen stark von der Methode ab

Auch Aussagen darüber, wie Deutschland international abschneidet, müssen differenziert betrachtet werden. Die Sepsis Stiftung verweist in ihrem aktuellen Dossier auf Modellrechnungen, nach denen die sepsisbezogene Sterblichkeit in mehreren nordeuropäischen Ländern stärker zurückgegangen sei als in Deutschland.

Andere wissenschaftliche Vergleiche kamen bei abweichenden Definitionen und Datengrundlagen zu weniger eindeutigen Ergebnissen. Eine Metaanalyse mit Studien aus Deutschland, anderen europäischen Ländern und Nordamerika fand für Deutschland eine 30 Tage Sterblichkeit von rund 26,5 Prozent bei Sepsis. Die Autoren sahen keinen Beleg dafür, dass die Sterblichkeit bei Sepsis und septischem Schock in Deutschland grundsätzlich höher sei als im internationalen Vergleich.

Beide Befunde messen allerdings nicht exakt dasselbe. Fallsterblichkeit behandelter Patienten, bevölkerungsbezogene sepsisbedingte Sterblichkeit und modellierte Gesamtbelastung sind unterschiedliche Größen. Genau deshalb bleibt eine einheitlichere Erfassung entscheidend, um künftig genauer beurteilen zu können, wie häufig Sepsis in Deutschland tatsächlich auftritt und welchen Effekt neue Qualitätsmaßnahmen haben.

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