
Deutsche Unternehmen sehen sich zunehmend mit Angriffen konfrontiert, hinter denen sie ausländische Nachrichtendienste vermuten. Nach einer neuen repräsentativen Erhebung des Digitalverbands Bitkom konnten 37 Prozent der von Datendiebstahl, Industriespionage oder Sabotage betroffenen Unternehmen mindestens einen Angriff einem fremden Nachrichtendienst zuordnen. 2025 lag dieser Anteil bei 28 Prozent, 2023 erst bei 7 Prozent. Das Bundesamt für Verfassungsschutz sieht die Ergebnisse im Einklang mit seiner Bewertung einer hohen Bedrohungslage für die deutsche Wirtschaft.
Die Zahlen bedeuten allerdings nicht, dass Sicherheitsbehörden die Urheberschaft in all diesen Fällen bestätigt haben. Grundlage der Bitkom-Erhebung sind Angaben von 1.003 Unternehmen in Deutschland mit mindestens zehn Beschäftigten und einem Jahresumsatz von mindestens einer Million Euro. Befragt wurden Führungskräfte und Verantwortliche für Sicherheit und IT zwischen April und Juni 2026. Die Zuordnung der Angreifer beruht damit auf den Erkenntnissen der jeweiligen Unternehmen.
Insgesamt gaben 67 Prozent der befragten Unternehmen an, innerhalb der vergangenen zwölf Monate sicher von Datendiebstahl, Industriespionage oder Sabotage betroffen gewesen zu sein. Weitere 29 Prozent vermuteten entsprechende Vorfälle. Zusammen ergibt sich ein Anteil von 96 Prozent. Im Vorjahr waren es 97 Prozent.
Auffällig ist dabei die deutlich größere Unsicherheit. 2025 hatten noch 87 Prozent der Unternehmen einen erfolgreichen Angriff nach eigenen Angaben sicher festgestellt. 2026 sank dieser Anteil auf 67 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil der Unternehmen, die lediglich von einem Angriff ausgehen, ihn aber nicht zweifelsfrei nachweisen konnten, von 10 auf 29 Prozent.
Unter den sicher betroffenen Unternehmen bleibt die organisierte Kriminalität mit 62 Prozent die am häufigsten genannte Tätergruppe. Ausländische Nachrichtendienste folgen mit 37 Prozent. Mehrfachnennungen waren möglich, da Unternehmen innerhalb des Untersuchungszeitraums von unterschiedlichen Angriffen betroffen sein konnten.
Bei der geografischen Zuordnung von Angriffen nannten 52 Prozent der sicher betroffenen Unternehmen China und 49 Prozent Russland. Im Vorjahr hatten die entsprechenden Werte bei jeweils 46 Prozent gelegen. 34 Prozent nannten Staaten Osteuropas außerhalb der Europäischen Union. Bei 27 Prozent wurden die USA als Ausgangspunkt mindestens eines Angriffs angegeben, bei 26 Prozent andere EU-Staaten und bei 12 Prozent Deutschland. Der Iran wurde von 9 Prozent genannt, nach 4 Prozent im Vorjahr.
Diese Werte erlauben keine automatische Gleichsetzung zwischen dem technischen oder vermuteten Ausgangspunkt eines Angriffs und dessen staatlicher Steuerung. Auch die Angabe eines Landes in der Unternehmensbefragung belegt für sich genommen nicht, dass die jeweilige Regierung oder ein dortiger Nachrichtendienst verantwortlich war. Eine unabhängige behördliche Bestätigung für jeden der in der Studie erfassten Fälle liegt nicht vor.
Verfassungsschutzpräsident Sinan Selen ordnete die Ergebnisse bei der Vorstellung der Studie in die bereits bestehende Gefahrenbewertung seiner Behörde ein. Nach Angaben des Bundesamtes haben ausländische Nachrichtendienste ihre hybriden Aktivitäten intensiviert. Im Fokus stehen demnach unter anderem sensible Unternehmensdaten, technisches Wissen und betriebliche Abläufe. Besonders attraktiv sei die Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft.
Die Warnungen sind nicht neu. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hatte bereits zuvor auf eine erhöhte Gefahr von Sabotage und entsprechenden Vorbereitungshandlungen in Deutschland hingewiesen. In einem Sicherheitshinweis nannte die Behörde unter anderem Kritische Infrastrukturen und ihnen nahestehende Unternehmen als besonders sensible Bereiche. Ausländische Nachrichtendienste könnten Informationen über Standorte, Abläufe, technische Systeme oder Beschäftigte zur Vorbereitung weiterer Aktivitäten auswerten.
Bei der Spionage gegen deutsche Unternehmen geht es nicht nur um klassische Cyberangriffe. Der Verfassungsschutz verweist auch auf Social Engineering, das Ausforschen von Mitarbeitern, offen zugängliche Informationen, Kontakte zu Zielpersonen sowie den Zugriff auf technisches Know-how. Digitale und physische Sicherheitsmaßnahmen müssen deshalb zunehmend zusammen betrachtet werden.
Bitkom beziffert die wirtschaftlichen Schäden durch Datendiebstahl, Industriespionage und Sabotage für den aktuellen Untersuchungszeitraum auf mindestens 211 Milliarden Euro. Wegen der gestiegenen Unsicherheit weist der Verband erstmals einen Korridor aus. Dessen oberes Ende liegt bei 270,8 Milliarden Euro.
Die Berechnung ist eine Hochrechnung und keine Addition vollständig dokumentierter Einzelschäden aller deutschen Unternehmen. Einbezogen werden unter anderem Kosten durch Betriebsausfälle, Ermittlungen und Ersatzmaßnahmen sowie Umsatzeinbußen und der Verlust von Wettbewerbsvorteilen. Rund drei Viertel der ermittelten Schadenssumme entfallen laut Bitkom auf Cyberangriffe.
Auch bei den Angriffsarten zeigt sich eine breite Palette. 57 Prozent der Unternehmen waren nach eigenen Angaben sicher oder vermutlich von digitaler Sabotage betroffen. 54 Prozent berichteten vom Ausspähen digitaler Kommunikation oder vermuteten entsprechende Vorfälle. 45 Prozent nannten den digitalen Diebstahl von Geschäftsdaten. Zugleich spielten physische Angriffe eine Rolle. Dazu gehörten der Diebstahl von IT-Geräten, Dokumenten oder Bauteilen sowie Eingriffe in Produktionssysteme und Betriebsabläufe.
Die Sicherheitsbehörden empfehlen Unternehmen, besonders schützenswerte Daten, Technologien und Betriebsabläufe zu identifizieren und regelmäßig neu zu bewerten. Dazu gehören Forschungsergebnisse, Prototypen, technische Unterlagen, strategische Planungen und Kundendaten. Ebenso wichtig sind Schulungen für Beschäftigte, weil Angreifer gezielt Vertrauen, Hilfsbereitschaft oder Unachtsamkeit ausnutzen können.
Der Verfassungsschutz bietet Unternehmen und Forschungseinrichtungen Beratung zum Wirtschafts- und Wissenschaftsschutz an. Für Betreiber Kritischer Infrastrukturen sowie Unternehmen mit sicherheitsempfindlichen Aufgaben bestehen zusätzliche staatliche Schutz- und Beratungsangebote. Nach Cyberangriffen können Unternehmen zudem die Zentralen Ansprechstellen Cybercrime der Polizeien einschalten.
Die aktuellen Zahlen zeigen vor allem eine Verschiebung innerhalb einer bereits seit Jahren bestehenden Bedrohungslage. Kriminelle Gruppen bleiben nach Angaben der Unternehmen die häufigste Tätergruppe. Zugleich wird ein deutlich größerer Anteil der beobachteten Vorfälle ausländischen Nachrichtendiensten zugeschrieben als noch vor wenigen Jahren. Die Sicherheitsbehörden warnen deshalb insbesondere Unternehmen mit wertvollem technischem Wissen, kritischen Funktionen oder Verbindungen zur Sicherheits- und Verteidigungsindustrie vor Spionage, Cyberoperationen und möglichen Sabotagevorbereitungen.
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