Türkei meldet fast vollständige Einsammlung von Straßenhunden

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Die türkische Regierung erklärt die landesweite Einsammlung herrenloser Hunde für nahezu abgeschlossen. Innenminister Mustafa Çiftçi gab am 17. September an, inzwischen seien 99,22 Prozent der Straßentiere eingesammelt worden. In 78 der 81 Provinzen sei das Verfahren abgeschlossen. Die Arbeiten liefen demnach nur noch in Istanbul, Izmir und Diyarbakir. Die neuen Zahlen rücken erneut die Frage in den Mittelpunkt, wie viele Straßenhunde in der Türkei inzwischen tatsächlich in Tierheimen und sogenannten natürlichen Lebensräumen untergebracht sind und wie viele vermittelt wurden.

Eine aktuelle vollständige Bestandsrechnung legte der Minister bei seiner Ankündigung nicht vor. Çiftçi bezifferte die Zahl der bisher vermittelten Tiere auf rund 102.000. Tiere ohne neue Besitzer würden nach seinen Angaben weiterhin in Tierheimen und natürlichen Lebensräumen versorgt. Zahlen dazu, wie viele Hunde sich derzeit tatsächlich in diesen Einrichtungen befinden, wie viele dort gestorben sind oder wie häufig die gesetzlich zugelassene Euthanasie angewendet wurde, wurden nicht genannt.

Regierung meldet innerhalb weniger Monate starken Anstieg

Die offiziellen Angaben haben sich 2026 deutlich verändert. Ende April erklärte ein Berater des Innenministeriums vor dem Landwirtschaftsausschuss des türkischen Parlaments, seit Mitte März 2025 sei eine landesweite Erfassung vorgenommen worden. Danach liege die Zahl der herrenlosen Straßenhunde bei ungefähr 1,25 Millionen. Gleichzeitig seien zu diesem Zeitpunkt rund 78 Prozent der Tiere eingesammelt worden.

Damit korrigierten staatliche Stellen frühere Größenordnungen erheblich. Während der politischen Debatte über das neue Gesetz im Jahr 2024 war wiederholt von etwa vier Millionen Straßenhunden die Rede gewesen. Der Vertreter des Innenministeriums erklärte im April 2026 dagegen, die tatsächliche Zahl liege nach den inzwischen gewonnenen Erkenntnissen wahrscheinlich zwischen 1,25 und 1,5 Millionen.

Im Juni meldete Innenminister Çiftçi bereits eine landesweite Einsammelquote von 83 Prozent. Für die 51 Provinzen mit Provinzialverwaltungen bezeichnete er die Einsammlung damals als abgeschlossen. Mitte September folgte schließlich die Angabe von 99,22 Prozent. Wie genau diese Prozentzahl berechnet wird und welche aktuelle absolute Zahl ihr zugrunde liegt, wurde bei der jüngsten Bekanntgabe nicht veröffentlicht.

Für Izmir sieht die Regierung den Abschluss der Arbeiten bis Ende September vor. Istanbul soll nach dem derzeitigen Zeitplan bis zum 15. Oktober folgen, Diyarbakir bis Ende Oktober. Damit soll die Einsammlung nach den Plänen des Innenministeriums landesweit abgeschlossen sein.

Gesetz von 2024 änderte den Umgang mit Straßenhunden

Grundlage der Maßnahmen ist eine Änderung des türkischen Tierschutzgesetzes. Das Parlament verabschiedete Gesetz Nummer 7527 am 30. Juli 2024, am 2. August wurde es im Amtsblatt veröffentlicht. Damit wurde das zuvor praktizierte Modell grundlegend verändert. Nach der neuen Regelung sollen aufgenommene und rehabilitierte Hunde nicht mehr wieder an ihren bisherigen Aufenthaltsort zurückgebracht werden. Sie müssen in Tierheimen bleiben, bis sie vermittelt werden.

Das Gesetz erlaubt außerdem unter festgelegten Voraussetzungen die Euthanasie von Hunden. Betroffen sein können Tiere, die eine Gefahr für Menschen oder andere Tiere darstellen und deren Verhalten nicht kontrolliert werden kann, sowie Hunde mit ansteckenden oder nicht behandelbaren Krankheiten und Tiere, die nicht vermittelt werden dürfen. Das türkische Verfassungsgericht wies 2025 einen Antrag auf Aufhebung zentraler Vorschriften zurück. Das Gericht bewertete sowohl die dauerhafte Unterbringung bis zur Vermittlung als auch die eng begrenzte Möglichkeit der Euthanasie als verfassungsgemäß.

Für den Ausbau der Infrastruktur enthält das Gesetz eine Übergangsfrist bis Ende 2028. Größere Kommunen müssen bis dahin Tierheime errichten oder bestehende Einrichtungen verbessern. Kommunen müssen dafür einen festgelegten Anteil ihrer Einnahmen bereitstellen. Die gesetzliche Frist für den Ausbau der Unterkünfte läuft damit noch mehr als zwei Jahre, obwohl die Regierung die eigentliche Einsammlung der Hunde bereits im Herbst 2026 beenden will.

Kapazitäten und Bestandszahlen passen bislang nicht zusammen

Genau an diesem Punkt setzt die Kritik von Tierschutzorganisationen an. Nach Angaben aus einer Antwort des türkischen Landwirtschafts und Forstministeriums auf eine parlamentarische Anfrage standen im April 2026 landesweit rund 459.000 Plätze in Tierheimen und sogenannten natürlichen Lebensräumen zur Verfügung. Zu diesem Zeitpunkt waren nach Regierungsangaben etwa 97.000 herrenlose Tiere vermittelt worden. Im September erhöhte Innenminister Çiftçi die Zahl der Vermittlungen auf rund 102.000.

Diese Angaben erlauben derzeit keine vollständige Bilanz. Die Regierung hat nicht veröffentlicht, wie viele Tiere aktuell gleichzeitig in den Einrichtungen leben oder wie sich die seit Beginn der Einsammlung registrierten Hunde auf Tierheime, natürliche Lebensräume, Vermittlungen und andere Kategorien verteilen. Deshalb lässt sich aus der Differenz zwischen der früher geschätzten Population und den bekannten Unterbringungskapazitäten nicht ableiten, was mit einzelnen Tieren geschehen ist.

Tierschutzverbände berichten von überfüllten Einrichtungen

Die türkische Tierschutzorganisation Hayfed kritisiert die Umsetzung des Gesetzes. Ihre Vorsitzende Nihal Kasa erklärte, ihre Organisation habe in Einrichtungen teilweise schlechte Haltungsbedingungen beobachtet. Hunde seien unter anderem unzureichend gegen Hitze und Kälte geschützt. Kasa erhob zudem den Vorwurf, dass Tiere entgegen den gesetzlichen Vorgaben getötet worden seien. Eine unabhängige Bestätigung für solche Fälle in landesweitem Umfang lag zunächst nicht vor. Die zuständigen Ministerien äußerten sich auf eine aktuelle Anfrage der Deutschen Presse Agentur zu diesen Vorwürfen nicht.

Auch der Deutsche Tierschutzbund verwies im August auf Probleme in einzelnen Einrichtungen. Der Verband berief sich dabei unter anderem auf seinen Partnerverein im südwesttürkischen Datça. Dort seien nach dessen Darstellung zu viele Hunde auf engem Raum untergebracht und teilweise starker Sonneneinstrahlung ausgesetzt. Die Angaben beziehen sich auf die Situation vor Ort und lassen keinen direkten Rückschluss auf sämtliche türkischen Tierheime zu.

Offen bleibt eine landesweite Bilanz

Die Regierung stellt die fast vollständige Einsammlung vor allem als Maßnahme für sichere Straßen und zugleich für eine kontrollierte Versorgung der Tiere dar. Tierschutzverbände setzen dagegen weiterhin auf groß angelegte Kastrationsprogramme, Impfungen, Registrierung und eine stärkere Kontrolle von Zucht, Handel und Aussetzen von Haustieren.

Mit der gemeldeten Quote von 99,22 Prozent hat die Umsetzung des Gesetzes inzwischen eine neue Phase erreicht. Die zentrale statistische Lücke besteht jedoch fort. Zwar nennt die Regierung detaillierte Prozentsätze für die Einsammlung und inzwischen rund 102.000 Vermittlungen, eine aktuelle landesweite Aufstellung über den Bestand in Tierheimen und natürlichen Lebensräumen sowie über Todesfälle und gesetzlich vorgenommene Euthanasien liegt bislang nicht vor.

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