
Nach monatelangen Tarifverhandlungen haben sich die Gewerkschaft Verdi und die Arbeitgeber in Nordrhein-Westfalen auf höhere Entgelte im Einzelhandel verständigt. Der Durchbruch gelang am Mittwochabend, 26. August 2026, in der fünften Verhandlungsrunde in Düsseldorf. Die Löhne und Gehälter steigen zunächst um drei Prozent und im kommenden Jahr um weitere zwei Prozent. Der Tarifabschluss im NRW-Einzelhandel beendet damit vorerst einen Konflikt, der seit dem Frühjahr von mehreren Warnstreiks begleitet worden war.
Die erste Entgeltsteigerung gilt ab dem 1. August 2026. Die tariflichen Löhne und Gehälter werden um drei Prozent angehoben. Ein zweiter Schritt folgt zum 1. Mai 2027 mit einer weiteren Erhöhung um zwei Prozent.
Da die zweite Steigerung auf die bereits erhöhte Entgelttabelle angewendet wird, liegt der rechnerische Gesamtzuwachs etwas über fünf Prozent. Die Tarifparteien sprechen in ihren Eckpunkten jedoch von zwei Erhöhungsschritten über drei und zwei Prozent.
Der neue Tarifvertrag hat eine Laufzeit von 25 Monaten. Eine zusätzliche Einmalzahlung wurde in den veröffentlichten Eckpunkten des Abschlusses nicht vereinbart.
Besonders relevant ist die Einigung für Beschäftigte in den unteren Entgeltgruppen. Dort greifen neben dem gesetzlichen Mindestlohn zusätzliche tarifliche Untergrenzen. Nach Angaben von Verdi liegt der tarifliche Mindeststundenlohn ab August 2026 bei mindestens 14,20 Euro. Zum Mai 2027 steigt die Untergrenze auf 14,90 Euro.
Verbesserungen gibt es ebenfalls für die Nachwuchskräfte im Einzelhandel. Die Ausbildungsvergütungen werden nach Angaben des Handelsverbands jeweils zum 1. September 2026 und zum 1. September 2027 angepasst. Verdi bezeichnet die Steigerungen als überproportional.
Konkrete Eurobeträge für die einzelnen Ausbildungsjahre wurden in den unmittelbar nach dem Abschluss veröffentlichten Eckpunkten zunächst nicht ausgewiesen. Verdi war ursprünglich mit der Forderung nach 150 Euro mehr Ausbildungsvergütung in die Tarifrunde gegangen.
Für regulär Beschäftigte hatte die Gewerkschaft sieben Prozent mehr Lohn und Gehalt verlangt, mindestens jedoch 225 Euro zusätzlich pro Monat. Hinzu kam die Forderung nach einem tariflichen Mindeststundenentgelt von 14,90 Euro. Verdi wollte zudem eine Laufzeit von zwölf Monaten erreichen.
Das erste Angebot der Arbeitgeber lag deutlich darunter. In der zweiten Verhandlungsrunde im Mai boten sie insgesamt 3,5 Prozent mehr Entgelt bei einer Laufzeit von 24 Monaten an. Nach sechs Monaten ohne Erhöhung sollten die Einkommen zunächst um zwei Prozent steigen. Nach weiteren drei Monaten ohne Erhöhung waren zusätzliche 1,5 Prozent vorgesehen.
Nach dem aus Sicht der Gewerkschaft unzureichenden Arbeitgeberangebot erhöhte Verdi den Druck. Am 15. Mai kam es zu einem ersten großen bundesweiten Warnstreiktag im Handel. Auch Beschäftigte zahlreicher Unternehmen in Nordrhein-Westfalen beteiligten sich. In Dortmund fand eine zentrale Kundgebung statt.
Weitere Arbeitsniederlegungen folgten im Juni. Betroffen waren unter anderem Standorte und Betriebe von Edeka, Rewe, Kaufland, Primark, H&M, Ikea und weiteren Handelsunternehmen. Anfang Juni versammelten sich beispielsweise rund 300 Beschäftigte zu einer Kundgebung in Bochum. Am 19. Juni standen bundesweit besonders Ikea-Filialen im Mittelpunkt der Aktionen. In Nordrhein-Westfalen hatte Verdi Beschäftigte an sechs Standorten zum Warnstreik aufgerufen.
Anfang Juli folgte eine weitere bundesweite Streikwelle. Bei einer Kundgebung in Dortmund kamen nach Gewerkschaftsangaben mehrere hundert Beschäftigte zusammen. Die Auswirkungen für Verbraucher blieben vielerorts begrenzt. Flächendeckende Ladenschließungen wurden nicht verzeichnet, punktuell kam es aber zu längeren Wartezeiten oder Einschränkungen in einzelnen Bereichen.
Mit der Einigung vom 26. August sind weitere unmittelbar bevorstehende Arbeitskampfmaßnahmen in Nordrhein-Westfalen abgewendet.
Verdi-Verhandlungsführerin Henrike Eickholt wertete das Ergebnis als spürbare Verbesserung für die Beschäftigten. Aus Sicht der Gewerkschaft waren die Warnstreiks entscheidend dafür, Bewegung in die Verhandlungen zu bringen. Besonders die tarifliche Untergrenze für niedrige Entgeltgruppen gehörte zu den Punkten, über die beide Seiten lange stritten.
Die Arbeitgeber bewerten das Ergebnis deutlich zurückhaltender. Christopher Ranft, Verhandlungsführer des Handelsverbands Nordrhein-Westfalen, bezeichnete den Abschluss als wirtschaftlich anspruchsvollen Kompromiss für viele Unternehmen. Positiv hob die Arbeitgeberseite die Planungssicherheit durch die Laufzeit von 25 Monaten hervor.
Schon zu Beginn der Verhandlungen hatte der Handelsverband auf eine schwache Konsumstimmung, steigende Kosten und wirtschaftliche Schwierigkeiten vieler Einzelhändler verwiesen. Diese Rahmenbedingungen waren ein wesentlicher Grund dafür, dass Arbeitgeber und Gewerkschaft bei den Vorstellungen über die Höhe der Entgeltsteigerungen zunächst weit auseinanderlagen.
Nach Angaben von Verdi arbeiten rund 700.000 Menschen im nordrhein-westfälischen Einzelhandel. Der Handelsverband nennt für die Branche einschließlich Auszubildender sogar mehr als 750.000 Beschäftigte. Die unterschiedlichen Zahlen beruhen auf verschiedenen Abgrenzungen und Erhebungsweisen.
Die vereinbarten Entgelterhöhungen bedeuten allerdings nicht, dass automatisch sämtliche Beschäftigte des Einzelhandels in Nordrhein-Westfalen mehr Geld bekommen. Unmittelbar entscheidend ist die Tarifbindung des jeweiligen Arbeitsverhältnisses. Daneben können Unternehmen Tarifsteigerungen freiwillig übernehmen oder Arbeitsverträge auf den Tarifvertrag Bezug nehmen.
Bundesweit beschäftigt der Einzelhandel rund 3,4 Millionen Menschen. Nach Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung arbeiteten 2024 lediglich 23 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel bei einem tarifgebundenen Arbeitgeber. Die Quote lag damit deutlich unter der Tarifbindung der Gesamtwirtschaft.
Besondere Bedeutung bekommt die Einigung, weil Nordrhein-Westfalen das erste Tarifgebiet ist, in dem die Einzelhandelsrunde 2026 abgeschlossen wurde. Anders als in vielen Branchen gibt es im Einzelhandel keinen einzigen bundesweit geltenden Flächentarifvertrag. Die Verhandlungen finden in regionalen Tarifgebieten statt.
Sowohl Verdi als auch der Handelsverband Deutschland rechnen damit, dass sich andere Tarifgebiete an dem Ergebnis aus Nordrhein-Westfalen orientieren könnten. Automatisch übernommen wird der Abschluss dort jedoch nicht. In den anderen Bundesländern müssen die jeweiligen Tarifparteien eigene Vereinbarungen treffen.
Für Nordrhein-Westfalen steht das Ergebnis dagegen fest: drei Prozent mehr ab August 2026, weitere zwei Prozent ab Mai 2027, besondere Untergrenzen für niedrige Entgeltgruppen und höhere Ausbildungsvergütungen. Nach fünf Verhandlungsrunden und mehreren Monaten mit Warnstreiks ist der Tarifkonflikt damit beendet.
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