Der Thymus bleibt länger aktiv als lange angenommen

Ein Schild zeigt Warnung
Symbolbild mit KI erstellt

Teilen:

Der Thymus ist ein kleines Organ hinter dem Brustbein, das vor allem in Kindheit und Jugend eine zentrale Aufgabe für das Immunsystem übernimmt. Dort reifen Vorläuferzellen zu T-Zellen heran, die später Krankheitserreger und veränderte Körperzellen erkennen können. Mit zunehmendem Alter schrumpft das Organ deutlich und wird teilweise durch Fettgewebe ersetzt. Neue Untersuchungen zeigen jedoch, dass der Thymus im Alter nicht zwangsläufig vollständig verstummt. Bei manchen Menschen lässt sich noch Jahrzehnte nach der Jugend funktionell aktives Gewebe nachweisen.

Anzeige

Im Thymus lernen T-Zellen, was sie angreifen dürfen

Die grundlegende Aufgabe des Organs gehört zum gesicherten Wissen der Immunologie. Vorläufer von T-Zellen gelangen aus dem Knochenmark in den Thymus und durchlaufen dort mehrere Reifungsstufen. Dabei entsteht eine große Vielfalt unterschiedlicher T-Zell-Rezeptoren.

Entscheidend ist anschließend eine Art Auswahlverfahren. T-Zellen müssen einerseits körpereigene Strukturen erkennen können, über die ihnen Antigene präsentiert werden. Andererseits sollen Zellen ausgesondert oder reguliert werden, die körpereigenes Gewebe zu stark angreifen könnten. Diese sogenannte zentrale Toleranz trägt dazu bei, ein leistungsfähiges Immunsystem aufzubauen und gleichzeitig Autoimmunreaktionen zu begrenzen.

Der Thymus ist damit nicht der Ort, an dem eine konkrete Infektion bekämpft wird. Er schafft vielmehr einen Teil des Zellrepertoires, mit dem das Immunsystem später auf neue Erreger und andere Veränderungen reagieren kann.

Anzeige

Die Rückbildung beginnt früh, die Funktion endet aber nicht abrupt

Ebenfalls gut belegt ist die sogenannte Thymusinvolution. Das aktive Gewebe nimmt bereits vergleichsweise früh im Leben ab, besonders deutlich nach der Pubertät. Parallel sinkt die Produktion neuer naiver T-Zellen. Der Körper gleicht einen großen Teil dieses Verlusts aus, indem bereits vorhandene T-Zellen außerhalb des Thymus erhalten und vermehrt werden.

Deshalb führt die Schrumpfung des Organs nicht zu einem plötzlichen Zusammenbruch der T-Zell-Abwehr. Mit dem Alter verändert sich jedoch deren Zusammensetzung. Der Anteil neuer, noch nicht auf ein bestimmtes Antigen spezialisierter T-Zellen geht zurück, während Gedächtnis-T-Zellen einen größeren Anteil einnehmen.

Wie stark der Thymus bei einzelnen Menschen im höheren Alter noch arbeitet, ist offenbar sehr unterschiedlich. Eine 2025 in der Fachzeitschrift JCI Insight veröffentlichte Studie untersuchte unter anderem 110 Menschen ab 50 Jahren, die sich herzchirurgischen Eingriffen unterzogen. Bei einem Teil fanden die Forschenden in Fettgewebe des Brustkorbs noch Strukturen mit Merkmalen funktionellen Thymusgewebes. Die Aktivität unterschied sich deutlich zwischen den Personen.

Die Untersuchung verband eine höhere gemessene Thymusaktivität unter anderem mit einem vielfältigeren T-Zell-Rezeptor-Repertoire. Sie fand außerdem Zusammenhänge mit Geschlecht und Rauchhistorie. Solche Ergebnisse zeigen, dass chronologisches Alter allein die verbleibende Thymusfunktion offenbar nicht vollständig erklärt. Die Studie war jedoch keine Untersuchung einer repräsentativen Allgemeinbevölkerung. Aus den beobachteten Zusammenhängen lässt sich deshalb nicht ableiten, dass eine bestimmte Thymusaktivität unmittelbar vor Krankheiten schützt oder die Lebensdauer verlängert.

Studie nach Thymusentfernung fand mehr Krebsfälle

Besondere Aufmerksamkeit erhielt 2023 eine große retrospektive Studie im New England Journal of Medicine. Die Forschenden verglichen Erwachsene, denen der Thymus operativ entfernt worden war, mit Patienten nach anderen Eingriffen im Brustkorb. Für die zentrale Analyse wurden 1.146 Menschen nach Thymusentfernung mit ebenso vielen vergleichbaren Kontrollpersonen ausgewertet.

Innerhalb von fünf Jahren lag der Anteil der Patienten mit einer Krebsdiagnose in der Gruppe nach Thymusentfernung bei 7,4 Prozent, in der Kontrollgruppe bei 3,7 Prozent. Das entsprach in dieser untersuchten Patientengruppe einem etwa doppelt so hohen relativen Risiko. Auch die Gesamtsterblichkeit unterschied sich: Sie lag bei 8,1 Prozent gegenüber 2,8 Prozent.

Die Zahlen dürfen nicht auf die Allgemeinbevölkerung übertragen werden. Es handelte sich um eine retrospektive Beobachtungsstudie von Menschen, die sich Operationen unterzogen hatten. Auch eine sorgfältige statistische Anpassung kann nicht ausschließen, dass Unterschiede zwischen den Gruppen die Ergebnisse mitbeeinflusst haben. Die Untersuchung belegt daher nicht, dass eine Entfernung des Thymus Krebs oder einen früheren Tod verursacht.

Ein biologischer Zusammenhang ist allerdings plausibel. In einer kleinen Untergruppe der Studie fanden die Forschenden bei Menschen nach Thymusentfernung Hinweise auf eine geringere Neubildung bestimmter T-Zellen und ein weniger vielfältiges T-Zell-Repertoire. Diese immunologischen Befunde stützen die Annahme, dass der erwachsene Thymus funktionell relevant bleibt. Wie groß sein eigenständiger Einfluss auf das Krebsrisiko tatsächlich ist, lässt sich daraus nicht bestimmen.

Was Hundertjährige über den Thymus verraten

Auch besonders langlebige Menschen werden seit Jahren untersucht. Die Ergebnisse ergeben bislang kein einfaches Bild. Eine Untersuchung von 44 Hundertjährigen fand bei 84 Prozent keine messbaren sogenannten T-Zell-Rezeptor-Exzisionskreise, kurz TREC. Diese DNA-Ringe entstehen während der T-Zell-Reifung und werden häufig als indirekter Marker für neu entstandene T-Zellen genutzt. Gleichzeitig waren naive T-Zellen bei den Hundertjährigen stark vermindert.

Andere Arbeiten fanden dagegen bei einzelnen sehr alten Menschen noch Hinweise auf erhaltene Neubildung oder außergewöhnlich gut erhaltene naive T-Zell-Populationen. In einer Fallstudie einer mehr als 110 Jahre alten Frau waren bestimmte Marker für junge T-Zellen ungewöhnlich stark ausgeprägt.

Solche Beobachtungen sind wissenschaftlich interessant, erlauben aber keine Aussage, wonach ein besonders aktiver Thymus ein Grund für außergewöhnliche Langlebigkeit sei. Studien mit Hundertjährigen umfassen häufig kleine und stark ausgewählte Gruppen. Hinzu kommt ein methodisches Problem: TREC-Werte bilden die aktuelle Produktion des Thymus nicht exakt ab. Die entsprechenden Marker können auch davon beeinflusst werden, wie lange T-Zellen im Körper überleben und wie häufig sie sich teilen.

Forschung sucht nach genaueren Messmethoden

Eine Übersicht aus dem Jahr 2025 betont deshalb, dass die Messung der menschlichen Thymusleistung weiterhin schwierig ist. TREC-Analysen, bildgebende Verfahren und Oberflächenmarker bestimmter T-Zellen liefern jeweils nur indirekte Informationen und haben unterschiedliche Grenzen.

Gesichert ist bislang vor allem, dass der Thymus für die frühe Entwicklung eines vielfältigen und selbsttoleranten T-Zell-Repertoires unverzichtbar ist, seine Leistung mit zunehmendem Alter deutlich abnimmt und bei vielen Erwachsenen trotzdem Restaktivität erhalten bleibt.

Weniger gesichert ist, welche Bedeutung individuelle Unterschiede dieser Restaktivität langfristig für Infektionen, Krebs, Autoimmunerkrankungen oder die Lebensdauer haben. Die vorhandenen klinischen Studien liefern hierfür Zusammenhänge und plausible biologische Mechanismen, aber noch keine einfache Erklärung dafür, warum einzelne Menschen im hohen Alter ein leistungsfähigeres Immunsystem behalten als andere.

Teilen:

Münster Map
Zum Aktivieren tippen
Route anzeigen

Mehr Beiträge:

Texte werden mit Unterstützung von KI-Tools erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Mehr dazu