
Volkswagen-Konzernchef Oliver Blume hat den Druck auf Europas größten Autobauer deutlich erhöht. Nach seiner Einschätzung reichen die bisher erreichten Einsparungen nicht aus, um den Konzern langfristig wettbewerbsfähig aufzustellen. In einem internen Interview bezeichnete Blume die Lage bei Volkswagen als mehr als kritisch und verwies auf weiterhin zu hohe Kosten sowie eine aus seiner Sicht unzureichende Profitabilität.
Die Aussagen fallen in eine Phase, in der Volkswagen bereits einen umfassenden Konzernumbau vorantreibt. Gleichzeitig belasten schwächere Geschäfte in China, US-Importzölle und der zunehmende Wettbewerb durch chinesische Hersteller die Ergebnisse. Der Volkswagen Sparkurs dürfte deshalb auch nach den bereits beschlossenen Maßnahmen eines der zentralen Themen für Vorstand, Aufsichtsrat und Arbeitnehmervertretungen bleiben.
Blume verwies auf die operative Umsatzrendite des Konzerns von 3,8 Prozent im ersten Halbjahr 2026. In dem schwierigen Umfeld sei dieser Wert zwar solide. Nach seiner Einschätzung reicht er jedoch nicht aus, um dauerhaft genügend Mittel für neue Technologien, Produkte und Standorte zu erwirtschaften.
Die offiziellen Halbjahreszahlen zeigen den wirtschaftlichen Druck. Volkswagen erzielte von Januar bis Juni einen Umsatz von 158,1 Milliarden Euro und lag damit nahezu auf Vorjahresniveau. Das operative Ergebnis sank jedoch um 11,6 Prozent auf 5,9 Milliarden Euro. Der Fahrzeugabsatz ging um 8,4 Prozent auf rund vier Millionen Fahrzeuge zurück.
Im zweiten Quartal lag die operative Rendite mit 4,2 Prozent etwas höher als im gesamten ersten Halbjahr. Dennoch sieht die Konzernführung weiteren Handlungsbedarf.
Besonders kritisch bewertet Blume die Kostenstruktur des Konzerns. Nach seinen Angaben liegen die Gemeinkosten von Volkswagen weiterhin mehr als 30 Prozent über denen vergleichbarer Unternehmen. Diesen Abstand will der Konzern reduzieren.
Auch in den deutschen Fahrzeugwerken wurden bereits Einsparungen erreicht. Blume verwies darauf, dass die Fabrikkosten dort im vergangenen Jahr im Durchschnitt um rund 20 Prozent gesunken seien. Nach seiner Einschätzung genügt dieser Fortschritt jedoch nicht.
Der Konzern steht dabei vor einem grundlegenden Strukturproblem. Volkswagen verfügt in Europa über umfangreiche Produktionskapazitäten, während sich die Absatzmärkte verändern. Vor allem in China hat der Konzern seine frühere dominante Marktstellung verloren. Gleichzeitig bauen chinesische Hersteller wie BYD und Geely ihre Präsenz auf dem europäischen Markt aus und errichten teilweise eigene Produktionskapazitäten in Europa.
Volkswagen und die Arbeitnehmerseite hatten bereits Ende 2024 einen weitreichenden Umbau für die deutschen Standorte vereinbart. Bis 2030 soll die Zahl der Beschäftigten an den betroffenen Volkswagen Standorten in Deutschland sozialverträglich um mehr als 35.000 sinken. Ein großer Teil des Abbaus soll über natürliche Fluktuation und altersbedingtes Ausscheiden erfolgen.
Darüber hinaus werden weitere Einsparungen diskutiert. Eine häufig genannte Größenordnung von rund 50.000 zusätzlichen Stellen weltweit ist nach Blumes Darstellung jedoch kein fest beschlossenes Abbauziel. Die Zahl ergibt sich rechnerisch aus den angestrebten Kostensenkungen, wenn diese ausschließlich über Personalmaßnahmen erreicht würden.
Wie viele Stellen tatsächlich zusätzlich entfallen könnten, war zunächst offen. Auch Entscheidungen über konkrete weitere Standortschließungen lagen zunächst nicht vor.
Blume sieht insbesondere bei mehreren deutschen Standorten langfristigen Handlungsbedarf. Nach seiner Einschätzung könnten die Werke in Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm in den kommenden Jahren Schwierigkeiten haben, eine wettbewerbsfähige Auslastung zu erreichen.
Eine Entscheidung über die Schließung einzelner Werke ist damit nicht verbunden. Blume stellte ausdrücklich klar, dass konkrete Werksschließungen bislang nicht beschlossen seien. Für Volkswagen geht es damit zunächst darum, Kapazitäten, Modelle und Kosten stärker an die erwartete Nachfrage anzupassen.
Der Konzern prüft bereits unterschiedliche Möglichkeiten zur besseren Nutzung bestehender Werke. Dazu gehören veränderte Modellzuordnungen und eine stärkere Zusammenarbeit zwischen den Marken. Ziel ist es, vorhandene Produktionsstrukturen effizienter einzusetzen.
Ein wesentlicher Teil der Probleme liegt außerhalb Deutschlands. In China trifft Volkswagen auf eine große Zahl heimischer Hersteller, die insbesondere bei Elektroautos und digitaler Fahrzeugtechnik stark gewachsen sind. Die Profitabilität des China-Geschäfts ist für Volkswagen dadurch unter Druck geraten.
Gleichzeitig belasten Importzölle in den Vereinigten Staaten das Geschäft. Volkswagen produziert zwar auch in Nordamerika, ist bei mehreren Marken und Modellen aber weiterhin auf internationale Lieferketten angewiesen.
In Europa wächst zusätzlich der Wettbewerbsdruck durch chinesische Hersteller. Mehrere Unternehmen wollen ihre Fahrzeuge nicht mehr nur aus China exportieren, sondern direkt innerhalb Europas produzieren. Dadurch verschärft sich der Wettbewerb auch bei Kosten und Preisen.
Blume arbeitet an einem neuen strategischen Zielbild für den Konzern bis 2030. Dazu gehören Kostensenkungen, eine Anpassung der Produktionskapazitäten und eine Überprüfung der Konzernstrukturen. Entscheidungen über zentrale Bestandteile sollen noch im Laufe des Jahres 2026 getroffen werden.
In den kommenden Tagen stehen zunächst mehrere Betriebsversammlungen an deutschen Volkswagen Standorten an. Dort soll der Vorstand die weitere Entwicklung erläutern. Parallel setzt sich die Diskussion mit den Arbeitnehmervertretern über Umfang und Ausgestaltung zusätzlicher Maßnahmen fort.
Volkswagen steht damit trotz bereits erreichter Einsparungen weiterhin vor einem tiefgreifenden Umbau. Die Halbjahreszahlen zeigen, dass der Konzern operativ profitabel bleibt. Blumes Warnung macht zugleich deutlich, dass die Führung die derzeitige Ertragskraft für nicht ausreichend hält, um die hohen Investitionen in Elektromobilität, Software und neue Modelle dauerhaft zu finanzieren.
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