
Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute blicken deutlich zuversichtlicher auf das laufende Jahr als noch im Frühjahr. In ihrer Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2026 rechnen sie damit, dass das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt in Deutschland 2026 um 1,3 Prozent zunimmt. Im Frühjahr waren die Institute lediglich von einem Plus von 0,6 Prozent ausgegangen. Für 2027 erwarten sie nun ein Wachstum von 1,1 Prozent. Dennoch sehen die Ökonomen keinen kräftigen und dauerhaft selbsttragenden Aufschwung.
Die neue Wachstumsprognose Deutschland 2026 fällt damit um 0,7 Prozentpunkte höher aus als noch Anfang April. Auch die Erwartung für das kommende Jahr wurde angehoben. Im Frühjahr hatten die Institute für 2027 ein Plus von 0,9 Prozent prognostiziert.
Ein wesentlicher Grund für die bessere Einschätzung ist die Entwicklung im ersten Halbjahr 2026. Nach Angaben der Institute haben sich vor allem die Exporte und die Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe stärker entwickelt als zuvor angenommen.
Unterstützt wurde die deutsche Wirtschaft dabei von einer vergleichsweise robusten Weltkonjunktur. Zusätzlich sehen die Institute wirtschaftliche Impulse durch den weltweiten Ausbau von Künstlicher Intelligenz. Deutschland profitiert demnach unter anderem von der Ausfuhr von Datenverarbeitungsgeräten, Investitionen in Rechenzentren sowie von Dienstleistungen aus dem Bereich Information und Kommunikation.
Auch der Staat trägt zur wirtschaftlichen Erholung bei. Steigende Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur erhöhen nach Einschätzung der Institute die Nachfrage. Der Staatsverbrauch legte bereits im ersten Halbjahr kräftig zu.
Deutlich zurückhaltender entwickeln sich dagegen Unternehmen und private Haushalte. Die Unternehmensinvestitionen blieben bislang schwach. Auch vom privaten Konsum gingen weniger Impulse aus als von anderen Bereichen der Wirtschaft.
Trotz der verbesserten Jahresprognose rechnen die Wirtschaftsforscher nicht mit einer durchgehend kräftigen Entwicklung. Für das dritte Quartal 2026 erwarten sie lediglich ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 0,1 Prozent gegenüber dem vorherigen Quartal.
Als Belastungsfaktor nennen die Institute unter anderem das seit Mitte Juli anhaltende Niedrigwasser auf wichtigen Wasserstraßen. Besonders die chemische Industrie werde dadurch bei Produktion und Transport beeinträchtigt.
Hinzu kommen die erhöhten Energiepreise infolge der militärischen Auseinandersetzungen in der Golfregion. Höhere Kosten für Kraftstoffe und Heizöl schmälern die Kaufkraft der privaten Haushalte. Nach Einschätzung der Institute sind diese Preissteigerungen bislang allerdings nur begrenzt auf andere Verbraucherpreise übergegangen.
Ab dem vierten Quartal rechnen die Forscher mit einer wieder stärkeren wirtschaftlichen Dynamik. Voraussetzung dafür ist unter anderem, dass sich die Pegelstände normalisieren und vorübergehende Produktionshemmnisse nachlassen.
Auch für das kommende Jahr haben die Institute ihre Erwartungen verbessert. Das reale Bruttoinlandsprodukt soll nach ihrer Prognose 2027 um 1,1 Prozent zulegen. Im Frühjahr waren lediglich 0,9 Prozent erwartet worden.
Anders als im ersten Halbjahr 2026 soll die weitere Erholung stärker aus dem Inland kommen. Der private Konsum könnte mit steigenden real verfügbaren Einkommen moderat wachsen. Zudem rechnen die Institute damit, dass höhere Baugenehmigungen nach und nach die Investitionen in den Wohnungsbau unterstützen.
Auch die öffentlichen Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung sollen 2027 weiter steigen. Der zusätzliche konjunkturelle Schub durch die Finanzpolitik dürfte allerdings geringer ausfallen als zuvor.
Für 2028 fällt die Prognose wesentlich schwächer aus. Dann erwarten die Institute nur noch ein Wachstum von 0,4 Prozent.
Hinter der schwächeren Perspektive für die folgenden Jahre stehen nach Einschätzung der Wirtschaftsforscher grundlegende strukturelle Probleme. Vor allem die demografische Entwicklung begrenzt das mögliche Wirtschaftswachstum.
Das Erwerbspersonenpotenzial schrumpft. Gleichzeitig bleibt die private Investitionstätigkeit schwach. Die Institute weisen darauf hin, dass grundlegende Reformen, die den demografisch bedingten Anstieg der Sozialversicherungsbeiträge begrenzen und Investitionen für Unternehmen attraktiver machen könnten, bislang nicht absehbar seien.
Damit unterscheidet sich die gegenwärtige Erholung von früheren Aufschwüngen. Schon vergleichsweise niedrige Wachstumsraten könnten künftig ausreichen, um die vorhandenen gesamtwirtschaftlichen Kapazitäten weitgehend auszulasten.
Parallel zum Wachstum rechnen die Institute mit weiterhin erhöhten Verbraucherpreisen. Für 2026 prognostizieren sie eine durchschnittliche Inflationsrate von 2,8 Prozent. Im Jahr 2027 könnte sie auf 3,2 Prozent steigen. Für 2028 erwarten die Forscher anschließend einen Rückgang auf 2,0 Prozent.
Die Erholung kommt zudem nur verzögert auf dem Arbeitsmarkt an. Die Erwerbstätigkeit soll im Jahresdurchschnitt 2026 zunächst deutlich zurückgehen und 2027 nochmals leicht sinken. Die Arbeitslosenquote wird für 2026 mit 6,4 Prozent prognostiziert. Für 2027 rechnen die Institute mit 6,2 Prozent und für 2028 mit 5,8 Prozent.
Kritisch beurteilen die Wirtschaftsforscher vor allem die Entwicklung der öffentlichen Finanzen. Das staatliche Finanzierungsdefizit soll nach ihrer Prognose von 4,1 Prozent der Wirtschaftsleistung im Jahr 2026 auf 4,7 Prozent im Jahr 2028 steigen.
Auch die Schuldenquote dürfte weiter zunehmen. Für 2028 rechnen die Institute mit einer Quote von 68,8 Prozent der Wirtschaftsleistung. Zugleich steigen die Zinsausgaben des Staates.
Die Institute sehen deshalb zunehmenden Konsolidierungsbedarf. Nach ihrer Berechnung dürften die deutschen Nettoprimärausgaben zwischen 2025 und 2028 stärker wachsen, als es der europäische Ausgabenpfad vorsieht. Nach dem Ende der derzeit geltenden nationalen Ausweichklausel könnten dadurch Konflikte zwischen der deutschen Finanzplanung und den europäischen Fiskalregeln entstehen.
Neben einer tragfähigen Finanzpolitik richtet sich der Blick damit zunehmend auf strukturelle Reformen. Aus Sicht der Institute reichen höhere öffentliche Ausgaben allein nicht aus, um Deutschlands langfristige Wachstumsschwäche zu überwinden. Entscheidend sind auch bessere Bedingungen für private Investitionen, ein höheres Arbeitskräfteangebot und Maßnahmen gegen steigende Belastungen durch Sozialversicherungsbeiträge.
Die Herbstprognose zeichnet deshalb ein zweigeteiltes Bild: Kurzfristig entwickelt sich die deutsche Wirtschaft erheblich besser als noch im Frühjahr erwartet. Mittelfristig bleiben die Wachstumsmöglichkeiten nach Einschätzung der Institute jedoch begrenzt.
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