
Bundesaußenminister Johann Wadephul fordert von der Ukraine eine stärkere Berücksichtigung deutscher Rüstungsunternehmen bei der Beschaffung von Waffen und militärischem Gerät. Zugleich hat der CDU-Politiker die scharfen Vorwürfe des russischen Außenministers Sergej Lawrow zurückgewiesen, Deutschland steuere auf einen Krieg mit Russland zu.
Wadephul begründete seine Forderung nach mehr Bestellungen in Deutschland mit dem Umfang der deutschen Unterstützung für die Ukraine. Er erklärte, die Bundesregierung wolle ihre Hilfe für Kiew fortsetzen. Gleichzeitig müsse gegenüber den deutschen Steuerzahlern nachvollziehbar sein, dass auch die deutsche Verteidigungsindustrie bei Beschaffungsprogrammen berücksichtigt werde. Mit dem derzeitigen Umfang der Bestellungen aus der Ukraine zeigte sich der Außenminister unzufrieden.
Nach Wadephuls Darstellung soll die Ukraine mehr Rüstungsaufträge für deutsche Unternehmen vergeben. Der Minister sagte, er habe das Thema bereits bei seinem jüngsten Besuch in Kiew gegenüber dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj angesprochen. Deutschland werde die Ukraine weiter bei ihrer Verteidigung gegen Russland unterstützen. Zugleich erwarte Berlin, dass deutsche Hersteller bei den entsprechenden Beschaffungen stärker zum Zuge kommen.
Die Forderung fällt in eine Phase, in der die europäische Finanzierung ukrainischer Rüstungsbeschaffungen erheblich ausgeweitet wird. Die EU hatte im April ein Unterstützungsdarlehen von 90 Milliarden Euro für die Jahre 2026 und 2027 beschlossen. Rund 60 Milliarden Euro davon sind für Investitionen in Verteidigungskapazitäten und den Kauf von Rüstungsgütern vorgesehen. Dabei sollen unter anderem Unternehmen aus der Ukraine, der EU und weiteren zugelassenen Partnerstaaten berücksichtigt werden.
Deutschland gehört zu den wichtigsten militärischen Unterstützern Kiews. Parallel zu Wadephuls Äußerungen kündigte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius weitere Lieferungen für die ukrainische Luftverteidigung an. Dazu gehören zusätzliche Patriot-Abfangraketen aus deutschen Beständen. Zudem sind weitere Bestellungen von Flugabwehrmunition und anderen Rüstungsgütern vorgesehen.
Wadephuls Forderung steht zugleich vor dem Hintergrund deutlich verschärfter Beziehungen zwischen Deutschland und Russland. Auslöser der jüngsten diplomatischen Auseinandersetzung ist ein Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig/Halle vom 4. August 2026.
Die Bundesregierung kam nach eigenen Angaben zu dem Schluss, dass Russland für den versuchten Anschlag verantwortlich sei. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Wadephul verwiesen dabei auf polizeiliche Ermittlungen, Tatmuster und nachrichtendienstliche Erkenntnisse. Die Bundesregierung spricht von einer politischen Attribuierung des Vorfalls an Russland. Die strafrechtlichen Ermittlungen und mögliche juristische Verfahren sind dagegen noch nicht abgeschlossen.
Als Reaktion beschloss Berlin unter anderem die Schließung des russischen Generalkonsulats in Bonn. Außerdem kündigte die Bundesregierung Schritte gegen den Betrieb des Russischen Hauses in Berlin an. Das zugrunde liegende Kulturabkommen wurde gekündigt, sodass der Betrieb als Kulturinstitut auslaufen soll.
Russland bestreitet eine Verantwortung für den Drohnenvorfall.
Der russische Außenminister Sergej Lawrow reagierte mit besonders scharfer Rhetorik auf das deutsche Vorgehen. Er stellte die deutschen Vorwürfe gegen Russland infrage und bezeichnete die Entwicklung als Beginn eines echten Krieges. Zudem warf er Bundeskanzler Friedrich Merz vor, Russland faktisch den Krieg zu erklären.
Diese Darstellung wies Wadephul zurück. Deutschland habe auf den Vorfall reagieren müssen, erklärte er. Der Außenminister hält an der Position der Bundesregierung fest, wonach Russland für den Vorgang in Leipzig verantwortlich sei. Bereits am 1. September hatte Wadephul erklärt, Deutschland wolle keinen feindseligen Zustand in den Beziehungen zu Russland und strebe langfristig eine Rückkehr zu einer europäischen Friedensordnung an.
Die Bundesregierung betont zugleich, dass sie ihre Maßnahmen nicht als militärische Eskalation versteht. Nach ihrer Darstellung sollen die Reaktionen auf den Leipziger Vorfall verhältnismäßig bleiben und mit den Partnern in der Europäischen Union und der NATO abgestimmt werden.
Wadephuls Forderung macht deutlich, dass die deutsche Ukraine-Politik zunehmend auch mit Fragen der europäischen Rüstungsproduktion verbunden wird. Die umfangreichen europäischen Finanzhilfen sollen nicht allein kurzfristig Waffen verfügbar machen, sondern auch Produktionskapazitäten in Europa und der Ukraine stärken.
Das EU-Unterstützungsdarlehen sieht ausdrücklich vor, einen erheblichen Teil der Mittel für Verteidigungsgüter und industrielle Kapazitäten einzusetzen. Bis Anfang September waren 11,6 Milliarden Euro aus dem neuen Programm ausgezahlt worden, darunter 8,4 Milliarden Euro für Rüstungsbeschaffungen.
Damit gewinnt auch die Frage an Bedeutung, bei welchen Unternehmen die Ukraine die mit europäischen Mitteln finanzierten Waffen bestellt. Wadephul macht nun deutlich, dass die Bundesregierung dabei einen größeren Anteil für deutsche Hersteller erwartet.
Gleichzeitig bleibt die militärische Unterstützung Teil eines größeren sicherheitspolitischen Konflikts mit Moskau. Berlin sieht sich nach dem Leipziger Vorfall verstärkt mit hybriden Bedrohungen konfrontiert, während Russland die deutschen Vorwürfe zurückweist und seinerseits von einer Eskalation durch die Bundesregierung spricht.
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