
Der frühere schleswig-holsteinische Ministerpräsident Torsten Albig hat seiner Partei eine deutlich offenere Haltung im Umgang mit der AfD nahegelegt. Der ehemalige SPD-Politiker sprach sich dafür aus, dass Sozialdemokraten von der AfD tolerierte Minderheitsregierungen nicht grundsätzlich ausschließen sollten. Damit berührt Albig eine der zentralen strategischen Fragen der deutschen Politik: Wie weit darf parlamentarische Zusammenarbeit mit einer Partei gehen, von der sich die übrigen Parteien seit Jahren demonstrativ abgrenzen?
Albig sagte der Neuen Osnabrücker Zeitung, die SPD könne sich nach Wahlen auch Mehrheiten je nach Thema suchen. Als Beispiel nannte er Mecklenburg-Vorpommern und Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Gemeint ist kein formelles Regierungsbündnis mit der AfD, sondern eine Minderheitsregierung, die im Parlament für einzelne Vorhaben wechselnde Mehrheiten organisiert. Nach Albigs Darstellung könnte eine solche Strategie ein Signal an frühere SPD-Wähler sein, die inzwischen zur AfD gewechselt seien.
Der Vorstoß ist politisch brisant, weil er die bisherige Abgrenzung vieler Parteien gegenüber der AfD infrage stellt. In der öffentlichen Debatte wird diese Abgrenzung häufig als Brandmauer bezeichnet. Albig argumentiert, eine Zusammenarbeit in bestimmten Sachfragen bedeute nicht, rechtspopulistische Positionen zu übernehmen. Zugleich warnte er seine Partei davor, so weiterzumachen wie bisher, da dies die Sozialdemokratie weiter schwächen könne.
Für die SPD trifft Albigs Aussage einen empfindlichen Punkt. Die Partei steht seit Jahren unter Druck, weil sie in Teilen ihrer früheren Wählerschaft an Bindungskraft verloren hat. Besonders in ostdeutschen Ländern stellt sich für die SPD die Frage, wie sie Mehrheiten bilden kann, wenn klassische Koalitionsmodelle schwieriger werden. Albigs Vorschlag zielt auf diese Lage, verschiebt aber zugleich die Grenze dessen, was Sozialdemokraten bislang öffentlich als akzeptabel beschrieben haben.
Gerade mit Blick auf kommende Landtagswahlen ist der Gedanke von Minderheitsregierungen nicht theoretisch. Wenn Parteien keine stabilen Mehrheiten ohne die AfD bilden können, geraten bisherige Ausschlusslinien politisch unter Druck. Albigs Aussage macht diesen Konflikt sichtbar: Einerseits geht es um Regierungsfähigkeit, andererseits um die Frage, welche Parteien demokratische Kräfte als normale parlamentarische Partner behandeln.
Die Debatte fällt in eine Zeit, in der der Umgang mit der AfD auch rechtlich umstritten bleibt. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hatte die AfD im Mai 2025 öffentlich als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft. Das Verwaltungsgericht Köln untersagte dem Bundesamt im Februar 2026 jedoch im Eilverfahren, die Partei bis zum Abschluss des erstinstanzlichen Hauptsacheverfahrens so einzuordnen, zu behandeln oder öffentlich zu bezeichnen.
Damit ist die politische Bewertung der AfD nicht erledigt. Sie bleibt Gegenstand intensiver Auseinandersetzungen in Parteien, Parlamenten, Behörden und Gerichten. Für Albigs Vorstoß ist diese Lage wichtig, weil sie zeigt, wie sensibel jede Form parlamentarischer Zusammenarbeit bewertet wird. Wer eine Öffnung gegenüber der AfD fordert, greift nicht nur eine taktische Koalitionsfrage auf, sondern berührt Grundfragen der Abgrenzung gegenüber rechtspopulistischen und rechtsextremen Strömungen.
Torsten Albig war von 2009 bis 2012 Oberbürgermeister von Kiel und von 2012 bis 2017 Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Nach der verlorenen Landtagswahl 2017 zog er sich aus der aktiven Politik zurück. Seit 2023 arbeitet er als Director External Affairs bei Philip Morris Germany. Sein Wort hat deshalb Gewicht, weil er nicht als Hinterbänkler spricht, sondern als früherer Regierungschef eines Bundeslandes. Zugleich ist Albig seit Jahren nicht mehr in einem politischen Amt. Sein Vorstoß ist damit keine offizielle Linie der SPD, sondern eine persönliche politische Einordnung eines ehemaligen Spitzenpolitikers.
Albigs Aussage betrifft nicht nur die Sozialdemokratie. Sie fügt sich in eine breitere Diskussion darüber ein, wie Parteien auf veränderte Mehrheitsverhältnisse reagieren sollen. Je stärker die AfD in Parlamenten vertreten ist, desto schwieriger wird es für andere Parteien, stabile Regierungen zu bilden, ohne sehr breite Bündnisse einzugehen. Albig kritisiert genau diese Vielparteienbündnisse, weil sie aus seiner Sicht die Leistungsfähigkeit politischer Entscheidungen belasten können.
Der Kern der Debatte lautet deshalb: Sollen demokratische Parteien eine strikte Abgrenzung zur AfD auch dann aufrechterhalten, wenn dadurch komplizierte Koalitionen entstehen, oder sollen sie parlamentarische Mehrheiten in Sachfragen flexibler organisieren? Albigs Antwort fällt erkennbar zugunsten größerer Flexibilität aus. Für die SPD ist das ein riskanter Vorschlag, weil er Wähler zurückgewinnen soll, zugleich aber innerparteiliche und öffentliche Kritik auslösen kann.
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