
Ein russisches Aufklärungsflugzeug hat in der Norwegischen See einen britischen Flugzeugträgerverband beschäftigt. Nach Angaben des britischen Verteidigungsministeriums näherte sich ein russischer Tu-142, NATO-Bezeichnung Bear-F, am 2. Juli der HMS Prince of Wales. Das Flugzeug sei niedrig und ungewöhnlich nah am Träger geflogen. Zwei britische F-35 seien vom Flugzeugträger gestartet, hätten den russischen Aufklärer abgefangen und ihn begleitet, bis er das Gebiet verlassen habe. London bezeichnete das Verhalten als unsicher und unprofessionell.
Besonders brisant war nach britischer Darstellung nicht nur der Anflug selbst. Der Tu-142 soll in der Nähe des Trägers eine größere Zahl von Sonobojen abgeworfen haben. Solche Sensoren werden genutzt, um U-Boote akustisch zu orten und zu verfolgen. Die HMS Prince of Wales ist derzeit Teil eines NATO-geführten Trägerverbandes im Hohen Norden. Die Operation dient der Sicherung des Nordatlantiks und der Überwachung strategisch wichtiger Seegebiete zwischen Norwegen, Island und der Arktis.
Der Vorfall fällt in eine Phase erhöhter militärischer Aktivität im Norden Europas. Die Norwegische See und die Barentssee sind für Russland und die NATO von zentraler Bedeutung, weil dort russische U-Boote der Nordflotte operieren und NATO-Staaten Seewege, Unterwasserinfrastruktur und Trägerverbände überwachen. Ein Tu-142 ist kein klassisches Kampfflugzeug, sondern ein maritimes Patrouillen- und Aufklärungsflugzeug mit Fähigkeiten zur U-Boot-Suche. Bestätigt ist der Abfangvorgang durch britische Angaben und Reuters-Berichterstattung. Unklar blieb zunächst, ob die Sonobojen später geborgen oder neutralisiert wurden.
Auch über der Ostsee kam es in den vergangenen Wochen zu mehreren NATO-Abfangeinsätzen. Anfang Juni meldeten NATO Air Command und französische Streitkräfte mehrere Abfangvorgänge mit russischen Militärflugzeugen in der baltischen Zuständigkeitszone. Dazu gehörte auch eine An-30, die als Aufklärungsplattform genutzt wird. Die Flugzeuge sollen nach den vorliegenden Angaben nicht in NATO-Luftraum eingedrungen sein, wurden aber durch NATO-Jets identifiziert und begleitet. Die NATO schützt den Luftraum Estlands, Lettlands und Litauens seit 2004 mit Baltic Air Policing.
Der aktuelle Vorfall in der Norwegischen See steht in einer Reihe mit früheren Begegnungen zwischen russischen Flugzeugen und westlichen Aufklärern. Im Mai meldete die britische Regierung, dass ein unbewaffnetes RAF-Flugzeug vom Typ RC-135 Rivet Joint über dem Schwarzen Meer von russischen Jets gefährlich abgefangen worden sei. Ein russischer Su-35 habe dabei Notfallsysteme ausgelöst, ein Su-27 sei bis auf sechs Meter vor die Maschine geflogen. Für neue Global-Hawk-Zwischenfälle der letzten Tage lag zunächst keine amtliche Bestätigung vor.
Deutschland arbeitet parallel am luftgestützten Aufklärungssystem PEGASUS. Nach Angaben der Bundeswehr soll das System ab 2028 einsatzbereit werden. PEGASUS basiert auf Bombardier Global 6000 Flugzeugen und soll militärische Funkverkehre sowie Radaremissionen aus großer Entfernung erfassen. Die Übergabe an die Bundeswehr ist ab 2027 geplant. Daneben kann auch der PA-200 Tornado der Luftwaffe mit RecceLite optische und infrarotgestützte Aufklärung leisten. Diese deutschen Programme stehen nicht im direkten Zusammenhang mit dem Vorfall in der Norwegischen See, zeigen aber die wachsende Bedeutung luftgestützter Aufklärung.
Bestätigt ist: Ein russischer Tu-142 näherte sich am 2. Juli der HMS Prince of Wales in der Norwegischen See, warf nach britischen Angaben Sonobojen ab und wurde von zwei F-35 abgefangen. Bestätigt ist auch, dass die HMS Prince of Wales im Rahmen einer NATO-geführten Operation im Hohen Norden unterwegs war. Nicht bestätigt waren zunächst Angaben zu einem Beinahe-Zusammenstoß, zu Schäden oder zu einer unmittelbaren Gefährdung des Trägerverbandes. Unklar blieb zunächst, ob Russland den Vorfall öffentlich kommentierte.
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