
Der deutsche Rüstungselektronikkonzern Hensoldt setzt seinen Wachstumskurs fort und will im laufenden Jahr bis zu 1.600 neue Beschäftigte einstellen. Gleichzeitig muss das Unternehmen die Auswirkungen eines gestoppten Marineprojekts bewältigen. Mit der Entscheidung, das Fregattenprogramm F126 zu beenden, steht auch ein Radarauftrag im Wert von mehr als 200 Millionen Euro zur Disposition. Am Donnerstag, 8. Oktober 2026, hat der Haushaltsausschuss des Bundestags nun den Kauf weiterer Fregatten eines anderen Typs genehmigt. Für Hensoldt bleibt offen, wie der verbleibende Auftrag aus dem ursprünglichen Projekt vertraglich abgewickelt wird.
Der Haushaltsausschuss hat am Donnerstag dem Kauf von vier zusätzlichen Fregatten des Typs MEKO A-200 zugestimmt. Die Schiffe sollen vom deutschen Marineschiffbauer TKMS geliefert werden und einen Wert von rund 5,3 Milliarden Euro haben. Bereits im Juli waren vier baugleiche Einheiten genehmigt worden.
Damit umfasst das geplante Beschaffungsprogramm insgesamt acht Fregatten mit einem Auftragswert von rund 11,6 Milliarden Euro. Das erste Schiff soll Ende 2029 an die Deutsche Marine übergeben werden.
Die neuen Fregatten sind vor allem für die Bekämpfung von U-Booten vorgesehen. Deutschland will damit seine Fähigkeiten innerhalb der NATO stärken. Ob Hensoldt bei den zusätzlichen Schiffen neue Lieferaufträge erhält, ist bislang nicht bestätigt.
Das Bundesverteidigungsministerium hatte bereits am 24. Juni 2026 entschieden, das ursprünglich geplante Fregattenprogramm F126 nicht fortzusetzen. Vorgesehen waren sechs Kriegsschiffe, deren Gesamtvolumen auf rund zehn Milliarden Euro angelegt war.
Ursprünglicher Generalauftragnehmer war die niederländische Damen Schelde Naval Shipbuilding. Nach Darstellung des Verteidigungsministeriums konnten die vereinbarten Kosten und Termine nicht eingehalten werden. Auch ein Wechsel des Generalunternehmers wurde geprüft.
Bei einer Regierungspressekonferenz am 5. Oktober erklärte das Verteidigungsministerium, die ursprünglich benötigten Fähigkeiten hätten sich nach damaliger Projektplanung um mindestens 43 Monate verzögert. Mit der Beschaffung der MEKO-Fregatten soll die drohende Lücke bei der seegestützten U-Boot-Jagd geschlossen werden.
Hensoldt war am F126-Programm als Zulieferer beteiligt. Das Unternehmen sollte Marineüberwachungsradare des Typs TRS-4D liefern. Der Gesamtauftragswert lag nach eigenen Angaben bei etwas mehr als 200 Millionen Euro.
Allerdings bedeutet das Ende des Projekts nicht, dass Hensoldt diesen Betrag vollständig verliert. Bereits mehr als ein Drittel des Auftragsvolumens wurde als Umsatz verbucht. Für 2026 waren weitere Erlöse im niedrigen zweistelligen Millionenbereich vorgesehen.
Die vertragliche Abwicklung des verbleibenden Auftragsbestands ist noch nicht abschließend geklärt. Hensoldt stimmt sich hierzu mit seinem Vertragspartner Thales Netherlands ab. Nach der Unternehmensmitteilung vom 30. Juni erwartet der Konzern keine Auswirkungen auf seine kurz- oder mittelfristigen Finanzprognosen.
Ungeachtet des gestoppten Marineprojekts baut Hensoldt seine personellen Kapazitäten aus. Die 1.600 Neueinstellungen bei Hensoldt sind Teil des Personalplans für das Gesamtjahr 2026. Bereits 2025 hatte der Konzern rund 1.200 neue Beschäftigte eingestellt.
Gesucht werden insbesondere Fachkräfte für Systementwicklung, Softwareentwicklung und Elektrotechnik. Zusätzliche Kapazitäten entstehen vor allem an den Standorten Ulm, Oberkochen und Immenstaad.
Für die genannte Größenordnung von rund 70.000 Bewerbungen lag zunächst keine unabhängige Bestätigung vor. Auch lässt sich daraus keine Zahl unterschiedlicher Bewerberinnen und Bewerber ableiten.
Das deutsche Karriereportal des Unternehmens führte am 8. Oktober rund 500 Stellenanzeigen. Die Zahl der ausgeschriebenen Positionen ist damit von den geplanten jährlichen Neueinstellungen zu unterscheiden.
Beim Aufbau zusätzlicher Kapazitäten arbeitet Hensoldt mit Unternehmen aus anderen Industriezweigen zusammen. Im April vereinbarte der Rüstungselektronikkonzern eine Kooperation mit dem Technologieunternehmen Voith, um dessen Beschäftigten berufliche Perspektiven in der Verteidigungsindustrie zu eröffnen.
Anfang August kündigte Hensoldt außerdem ein neues Entwicklungszentrum in der Region Stuttgart an. Dafür sollen rund 300 Arbeitsplätze entstehen. Grundlage ist eine Vereinbarung mit Bosch. Geplant ist, freie Flächen an dessen Standort Leinfelden zu nutzen.
Die Zusammenarbeit richtet sich besonders an Beschäftigte mit Erfahrungen in Softwareentwicklung, Systemtechnik und Elektrotechnik. Damit sollen industrielle Fachkenntnisse aus der Automobilbranche auch für militärische Elektronik und softwaregestützte Verteidigungssysteme genutzt werden.
Die wirtschaftliche Entwicklung von Hensoldt wird weiterhin durch hohe Verteidigungsausgaben in Deutschland und anderen europäischen Ländern geprägt. Im ersten Halbjahr 2026 verdoppelte sich der Auftragseingang gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 2,81 Milliarden Euro.
Der Auftragsbestand stieg auf rund 10,36 Milliarden Euro. Der Umsatz erhöhte sich auf 1,17 Milliarden Euro, nach 944 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2025. Das bereinigte operative Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen erreichte 137 Millionen Euro.
Für das Gesamtjahr hält Hensoldt an seiner Umsatzprognose von rund 2,75 Milliarden Euro fest. Die Zahlen zeigen, dass das Unternehmen neben dem betroffenen Marinegeschäft über weitere umfangreiche Aufträge verfügt.
Die Beendigung des F126-Programms beschäftigt inzwischen auch die Bundesregierung juristisch. Die niederländische Damen-Werft fordert nach Angaben vom Anfang Oktober rund 4,7 Milliarden Euro vom deutschen Staat.
Das Bundesverteidigungsministerium weist die zugrunde liegenden Ansprüche zurück und verweist auf nicht eingehaltene Vertragsbedingungen. Zugleich will der Bund eigene mögliche Forderungen geltend machen. Eine gerichtliche Klärung der gegenseitigen Ansprüche steht aus.
Diese Auseinandersetzung betrifft zunächst den ursprünglichen Generalauftragnehmer und die Bundesregierung. Welche konkreten finanziellen Folgen sich daraus für Unterauftragnehmer wie Hensoldt ergeben, ist nicht abschließend geklärt. Der Konzern hatte bereits im Juni erklärt, dass die weitere Behandlung seines verbleibenden Auftragsbestands von der vertraglichen Einigung mit den beteiligten Partnern abhängt.
Parallel zum deutschen Marinegeschäft verstärkt Hensoldt seine internationale Zusammenarbeit. Am 5. Oktober unterzeichnete Vorstandschef Oliver Dörre mit dem ukrainischen Verteidigungsministerium eine Absichtserklärung zur weiteren Unterstützung der Luftverteidigung.
Vorgesehen sind zusätzliche Radarsysteme sowie eine Vertiefung der technischen Zusammenarbeit. Außerdem wollen beide Seiten prüfen, wie Weitbereichsradare gemeinsam eingesetzt und betrieben werden können. Konkrete Liefermengen oder finanzielle Vertragswerte wurden dabei nicht genannt.
Auch in anderen Ländern wird die Radartechnologie des Konzerns eingesetzt oder beschafft. Zur Produktfamilie TRS-4D gehören beispielsweise Systeme für deutsche Marineschiffe und brasilianische Fregatten.
Für Hensoldt stehen damit zwei Entwicklungen nebeneinander: ein wachsendes internationales Geschäft und offene finanzielle Fragen nach dem Ende eines bedeutenden deutschen Marineprojekts.
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