Münsters Parkhäuser werden digital: Erfahrungen anderer Städte zeigen, wo es hakt

Münster erhöht drastisch die Parkgebühren, um das 29-Euro-Ticket zu finanzieren. Kritiker warnen vor negativen Folgen für Handel und Pendler. Ist das fair?
Symbolbild: Michal Dolnik

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Münster. Kein Ticket mehr ziehen, keine Schranke, kein Kleingeld suchen: Was bislang nur in einzelnen Parkhäusern möglich ist, soll in Münster zum Standard werden. Nach den ersten Umstellungen treibt die städtische Westfälische Bauindustrie (WBI) den Umbau ihrer Parkhäuser voran. 2027 folgen gleich drei weitere Standorte. Bis 2028 soll die neue Technik in allen acht klassischen WBI-Parkhäusern angekommen sein. Die bisherigen Erfahrungen in Münster stimmen den Betreiber optimistisch. Doch ein Blick in andere deutsche Städte zeigt: Die Kennzeichenerfassung selbst sorgt meist weniger für Diskussionen als eine andere Entscheidung – die vollständige Abschaffung der Barzahlung.

Drei weitere Parkhäuser folgen 2027

Der nächste Fahrplan steht bereits fest. Nach Angaben der WBI soll das Parkhaus Alter Steinweg voraussichtlich im Februar 2027 auf die Kennzeichenerfassung umgestellt werden. Im April soll das Parkhaus Theater folgen, im Juli der Aegidiimarkt. Bahnhofstraße und Engelenschanze arbeiten bereits mit der neuen Technik. Die WBI bezeichnet die bisherigen Erfahrungen als problemlos. Bei der Einfahrt wird das Kennzeichen automatisch erfasst, ein Papierticket ist nicht mehr erforderlich. Bezahlt wird anschließend bargeldlos. Die WBI selbst führt auf ihrer Internetseite inzwischen außerdem den Hafenmarkt als Standort mit Kennzeichenerfassung auf. Für Dauerparker nennt das Unternehmen derzeit Bahnhofstraße, Engelenschanze und Hafenmarkt als Anlagen, bei denen das Kennzeichen die bisherige Zugangskarte ersetzt. Für die WBI ist die Entwicklung damit offenbar grundsätzlich entschieden: Das digitale System soll nicht die Ausnahme bleiben, sondern zur neuen Normalität werden.

Osnabrück wartete auf fast 90 Prozent Kartenzahler

Wie unterschiedlich Städte an die Abschaffung von Bargeld herangehen, zeigt Osnabrück. Dort verfolgt die kommunale Parkstätten-Betriebsgesellschaft OPG ebenfalls einen schrittweisen Kurs. Drei Anlagen waren bereits seit 2024 mit Automaten für bargeldlose Zahlungen ausgestattet, Bargeld blieb zunächst aber weiterhin möglich. Erst 2026 entschied sich der Betreiber, die verbliebenen Bargeldautomaten an mehreren Standorten abzubauen. Der entscheidende Unterschied zu Münster: Die OPG konnte vor der endgültigen Umstellung bereits auf konkrete Nutzungszahlen schauen. An den ausgewählten Standorten zahlten nach Angaben des Unternehmens zu diesem Zeitpunkt annähernd 90 Prozent der Kunden ohnehin bargeldlos. Erst dann erfolgte der nächste Schritt. Damit liefert Osnabrück eine interessante Vergleichsgröße für Münster. Wie hoch der Anteil der Karten- und Smartphone-Zahlungen in den WBI-Parkhäusern vor der Umstellung tatsächlich war, ist bislang nicht öffentlich bekannt. Gerade diese Zahl könnte zeigen, wie groß die praktische Veränderung für die Münsteraner Autofahrer wirklich ist.

Heidelberg lässt Bargeld vorerst weiter zu

Dass Kennzeichenerfassung und Bargeldabschaffung nicht zwangsläufig zusammengehören, zeigt Heidelberg. Im Parkhaus Henschel wurde im April 2026 ebenfalls auf ein ticketloses System mit automatischer Kennzeichenerfassung umgestellt. Bezahlt werden soll dort überwiegend digital. Die Stadtwerke haben jedoch bewusst einen Bargeldautomaten erhalten. Der Betreiber bezeichnet dies ausdrücklich als Übergangslösung, um unterschiedliche Nutzergruppen beim Wechsel auf das neue System mitzunehmen. Münster geht einen konsequenteren Weg. In den modernisierten WBI-Parkhäusern soll die Zahlung ausschließlich bargeldlos erfolgen. Und genau dieser Punkt dürfte langfristig wichtiger sein als die Frage, ob Autofahrer noch ein Ticket aus dem Automaten ziehen müssen.

Passau zeigt, wo Kritik entstehen kann

Passau ist Münster bei der Digitalisierung bereits einen Schritt voraus. Anfang Juli 2025 wurden mehrere Parkhäuser der Stadtwerke auf ein ticket- und schrankenloses System umgestellt. Auch dort liest eine Kamera bei der Ein- und Ausfahrt das Kennzeichen, bezahlt wird per Karte, Smartphone oder nachträglich im Internet. Die vollständige Abkehr vom Bargeld sorgte allerdings auch für Kritik. Im Frühjahr 2026 berichtete die „Passauer Neue Presse“ über den Fall einer 86-jährigen Autofahrerin. Ihre Tochter kritisierte, dass insbesondere Menschen, die mit digitalen Zahlungsmöglichkeiten weniger vertraut sind, Schwierigkeiten bekommen könnten. Der Fall lässt sich nicht auf alle älteren Autofahrer übertragen. Er zeigt aber ein Problem, das auch für Münster relevant werden könnte: Was passiert mit Menschen, die weder mit Karte noch Smartphone bezahlen möchten oder können? Passau hat dafür zumindest eine zusätzliche Möglichkeit eingebaut. Das Parkentgelt lässt sich dort noch bis zu 48 Stunden nach der Ausfahrt online begleichen.

Biberach gibt Autofahrern ebenfalls 48 Stunden Zeit

Ein ähnliches Modell gibt es in Biberach. Dort sind die städtischen Parkgaragen ebenfalls schranken- und bargeldlos. Das Kennzeichen wird bei Ein- und Ausfahrt erfasst. Wer das Bezahlen am Automaten vergessen hat, muss nicht unmittelbar mit zusätzlichen Kosten rechnen. Die Stadtwerke ermöglichen eine Online-Zahlung bis zu 48 Stunden nach der Ausfahrt. Erst danach können zusätzliche Nachverfolgungskosten entstehen. Eine solche öffentlich erläuterte Nachzahlungsoption ist für die umgestellten Münsteraner WBI-Parkhäuser bislang nicht erkennbar. Auch deshalb dürfte interessant werden, wie das System mit alltäglichen Problemen umgeht: einer nicht funktionierenden Bankkarte, einem vergessenen Smartphone oder einem Autofahrer, der erst nach der Ausfahrt bemerkt, dass die Zahlung nicht abgeschlossen wurde.

Und was passiert eigentlich mit dem Kennzeichen?

Mit der Digitalisierung entsteht noch eine zweite Frage, die beim klassischen Parkticket kaum eine Rolle spielte: die nach den gespeicherten Daten. Ein Autokennzeichen gilt datenschutzrechtlich als personenbezogenes Datum. Die Berliner Datenschutzbeauftragte hat Kennzeichenerfassung in Parkhäusern grundsätzlich als zulässig bewertet – allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen. So dürfen beispielsweise nicht unnötig Personen aufgenommen werden. Nach einem bezahlten Parkvorgang soll das Kennzeichen zeitnah gelöscht werden. Zudem müssen Autofahrer über die Erfassung informiert werden. Hinweise sollen möglichst bereits so angebracht sein, dass sich ein Fahrer noch gegen die Nutzung der Anlage entscheiden kann. Ist das baulich nicht möglich, soll eine kurze Ausfahrt ohne Parkgebühr möglich sein und das Kennzeichen anschließend wieder gelöscht werden.

Wie konkret das aussehen kann, zeigt erneut Biberach. Die dortigen Stadtwerke veröffentlichen detaillierte Löschfristen. Bei ordnungsgemäß bezahlten Parkvorgängen werden die Daten nach Unternehmensangaben 24 Stunden nach der letzten Aufzeichnung gelöscht. Bei offenen Forderungen können sie deutlich länger gespeichert bleiben. Für Münster wäre deshalb interessant, nach welchen Fristen die WBI arbeitet und welche Unternehmen gegebenenfalls an der Verarbeitung der Kennzeichendaten beteiligt sind.

Digitalisierung bringt der WBI auch Einsparungen

Für die WBI geht es bei der Umstellung nicht nur um Komfort. Das neue System verändert zugleich den Betrieb der Parkhäuser. Früher musste nach Angaben des Unternehmens dreimal wöchentlich Bargeld aus den Automaten der Parkhäuser geholt werden. Inzwischen sei dies nur noch einmal pro Woche erforderlich. Mit jeder weiteren Umstellung dürfte dieser Aufwand weiter sinken. Auch das Parkhaus Bahnhofstraße zeigt, welche weiteren Veränderungen mit der neuen Technik möglich werden. Dort ist inzwischen ein Rund-um-die-Uhr-Betrieb möglich. Schnelllauftore sollen verhindern, dass Unbefugte in das Gebäude gelangen. Von außen erfolgt der Zugang über das Kennzeichen. Einen vergleichbaren 24-Stunden-Betrieb erwägt die WBI künftig auch für den Aegidiimarkt.

Parallel investiert das Unternehmen erheblich in seine Gebäude. Bis 2030 sollen nach WBI-Angaben rund 23,5 Millionen Euro in Instandhaltung, Gebäudeertüchtigung und neue Technik fließen. An der Engelenschanze werden unter anderem Sensoren eingesetzt, die Feuchtigkeit im Beton überwachen. Neue Beleuchtung soll zugleich den Stromverbrauch reduzieren.

Der eigentliche Test beginnt erst jetzt

Die ersten Wochen an Bahnhofstraße und Engelenschanze sprechen bislang dafür, dass die technische Umstellung in Münster ohne größere Schwierigkeiten funktioniert. Lange Rückstaus oder eine erkennbare Protestwelle wegen der Bargeldabschaffung blieben aus. Doch die Erfahrungen aus Osnabrück, Heidelberg, Passau und Biberach zeigen auch: Ob ein digitales Parksystem akzeptiert wird, entscheidet sich nicht allein daran, ob die Kamera das Kennzeichen zuverlässig erkennt. Entscheidend ist vielmehr, was passiert, wenn der Normalfall einmal nicht funktioniert. Kann nachträglich bezahlt werden? Was geschieht bei technischen Störungen? Welche Alternative gibt es für Menschen ohne geeignete Karte oder Smartphone? Wie lange bleiben Kennzeichendaten gespeichert? Und wie viele Autofahrer zahlten eigentlich schon vor der Umstellung freiwillig bargeldlos?

Auf diese Fragen werden die nächsten Umbauten in Münster Antworten liefern müssen. Denn spätestens mit Alter Steinweg, Theater und Aegidiimarkt wird aus dem bisherigen Testbetrieb ein System, das einen immer größeren Teil der Innenstadtbesucher betrifft. Bis 2028 soll der Wandel abgeschlossen sein. Dann wird das Parkticket in den klassischen WBI-Parkhäusern endgültig Geschichte sein – und das Autokennzeichen zum digitalen Schlüssel.

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