
Der Rothirsch ist in Deutschland zum Tier des Jahres 2026 gewählt worden. Die Deutsche Wildtier Stiftung begründet die Wahl mit einer besonderen Lage: Die Art kommt hierzulande zwar in vergleichsweise großer Zahl vor, steht aber zugleich für einen ungelösten Konflikt zwischen Wildtierlebensraum, Jagd, Landwirtschaft und Forstwirtschaft. Der Rothirsch ist das größte regelmäßig in Deutschland lebende Landsäugetier. In der Mitteilung zur Wahl nennt die Stiftung etwa 220.000 Tiere, verteilt auf rund ein Viertel der Landesfläche. Im allgemeinen Steckbrief der Stiftung wird der Bestand aktuell mit rund 250.000 Exemplaren angegeben.
Bei der Wahl zum Tier des Jahres 2026 setzte sich der Rothirsch gegen Hermelin und Goldschakal durch. Die Abstimmung wird von der Deutschen Wildtier Stiftung initiiert. Für 2026 konnten neben den Spenderinnen und Spendern erstmals auch alle Naturinteressierten im Rahmen einer öffentlichen Online-Wahl mitentscheiden. Mit dem Titel macht die Stiftung jedes Jahr auf ein Säugetier aufmerksam, dessen Lebensraum bedroht ist, das in Konflikt mit Menschen steht oder dessen Schutz stärker in den Blick rücken soll.
Der wissenschaftliche Name des Rothirsches lautet Cervus elaphus. Der Artname umfasst männliche und weibliche Tiere. Männliche Rothirsche können eine Schulterhöhe von bis zu 150 Zentimetern erreichen und in Einzelfällen bis zu 250 Kilogramm wiegen. Rothirschkühe bleiben deutlich leichter. Charakteristisch ist das Geweih der männlichen Tiere, das jedes Jahr abgeworfen und neu gebildet wird. Hirschkühe, Kälber und Jungtiere leben in Rudeln zusammen. Auch die Hirsche bilden außerhalb der Brunftzeit eigene Rudel.
Ursprünglich ist der Rothirsch ein Tier halboffener Landschaften. Dazu gehören abwechslungsreiche Bereiche mit Wiesen, Feldern, Gehölzen und Lichtungen. Nach Angaben der Deutschen Wildtier Stiftung wurden die Tiere durch menschliche Nutzung, Bejagung und Störungen vielerorts in Wälder zurückgedrängt. Dort entsteht ein Teil der Konflikte, weil Rothirsche Gräser, Kräuter, Knospen, Triebe und Baumrinde fressen. Aus Sicht der Forstwirtschaft kann das Schäden an jungen Bäumen und an der Rinde verursachen.
Eine zentrale Herausforderung sind nach Angaben der Stiftung gesetzlich festgelegte Rotwildbezirke. In mehreren Bundesländern darf Rotwild nur in bestimmten Gebieten vorkommen. Dadurch bleiben Teile möglicher Lebensräume für die Art verschlossen. Besonders deutlich beschreibt die Stiftung die Situation in Baden-Württemberg: Dort dürfen Rothirsche nur in fünf gesetzlich festgelegten Rotwildbezirken leben, die zusammen vier Prozent der Landesfläche umfassen. Solche Grenzen können Wanderbewegungen und damit den Austausch zwischen Populationen erschweren.
Neben den Rotwildbezirken erschweren auch Autobahnen, Bahntrassen, Kanäle und Siedlungen die Wanderungen der Tiere. Gerade junge Hirsche legen größere Strecken zurück, um neue Lebensräume zu erreichen. Solche Wanderungen sind für den genetischen Austausch zwischen einzelnen Vorkommen wichtig. Wenn Populationen voneinander getrennt bleiben, sinkt langfristig die genetische Vielfalt. Die Deutsche Wildtier Stiftung sieht darin eine zentrale artenschutzfachliche Herausforderung, auch wenn der aktuelle Bestand insgesamt nicht als gefährdet gilt.
Der Rothirsch wird häufig mit Wildschäden in Wald und Landwirtschaft verbunden. Die Stiftung weist zugleich darauf hin, dass die Art eine ökologische Funktion erfüllt. Durch das Äsen können offene Bereiche entstehen, in denen lichtliebende Pflanzen wachsen. Davon profitieren unter anderem Insektenarten. Außerdem verbreiten Rothirsche Pflanzensamen über Fell, Kot und Hufe. Auch abgeworfene Geweihstangen dienen Nagetieren als mineralstoffreiche Nahrung. Damit steht der Rothirsch exemplarisch für ein Wildtier, das Konflikte auslöst und zugleich Teil natürlicher Prozesse ist.
Die Deutsche Wildtier Stiftung setzt sich für besser vernetzte Lebensräume, die Auflösung starrer Vorkommensgrenzen und eine tiergerechtere Jagd ein. Genannt werden unter anderem mehr Grünbrücken über Autobahnen, jagdfreie Bereiche, längere Schonzeiten und ein stärkerer Muttertierschutz. Dr. Andreas Kinser, Leiter Natur- und Artenschutz der Stiftung, beschäftigt sich in diesem Zusammenhang mit der Lebensweise der Rothirsche, ihren Risiken und der Koexistenz von Menschen und großen Pflanzenfressern.
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