
Der nächste NATO-Gipfel findet nicht am heutigen 23. Juni statt, sondern am 7. und 8. Juli 2026 in Ankara. Gastgeber ist die Türkei, Tagungsort ist der Präsidentenkomplex Beştepe in der türkischen Hauptstadt. Geleitet wird das Treffen von NATO-Generalsekretär Mark Rutte. Dass die NATO und Rutte dennoch schon jetzt stark im Fokus stehen, liegt an den unmittelbaren Vorbereitungen: Rutte reist vom 23. bis 25. Juni nach Washington und soll dort am Mittwoch US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus treffen.
Damit verschiebt sich der politische Schwerpunkt des Gipfels bereits vor dessen Beginn in die USA. Rutte versucht, die Linie zwischen europäischer Aufrüstung, amerikanischem Druck und fortgesetzter Unterstützung für die Ukraine zusammenzuhalten. Der Gipfel in Ankara soll zeigen, ob die NATO ihr neues Selbstverständnis tatsächlich mit Fähigkeiten, Geld und politischer Geschlossenheit unterlegen kann.
Im Mittelpunkt steht das neue Ausgabenziel der NATO. Bereits beim Gipfel in Den Haag 2025 hatten die Bündnispartner beschlossen, ihre sicherheits- und verteidigungsrelevanten Ausgaben bis 2035 auf insgesamt fünf Prozent der Wirtschaftsleistung zu erhöhen. Davon sollen 3,5 Prozent auf klassische Verteidigungsausgaben entfallen, weitere 1,5 Prozent auf sicherheitsrelevante Bereiche wie Infrastruktur, Cybersicherheit oder Schutz kritischer Netze.
In Ankara geht es nun weniger um die grundsätzliche Zusage als um die Umsetzung. Rutte machte bei den jüngsten Beratungen der Verteidigungsminister deutlich, dass Geld allein nicht ausreiche. Die zusätzlichen Mittel müssten in einsatzbereite Fähigkeiten übersetzt werden, also in Munition, Luftverteidigung, Drohnenabwehr, Personal, Logistik, Rüstungsproduktion und schnellere Beschaffung. Genau daran wird sich messen lassen, ob das Fünf-Prozent-Ziel mehr ist als ein politisches Signal an Washington.
Ein zentraler Streitpunkt ist die veränderte Rolle der USA. Nach aktuellen Berichten haben die Vereinigten Staaten ihre zugesagten Fähigkeiten für NATO-Krisenplanungen reduziert. Betroffen sein sollen unter anderem Kampfjets, Drohnen, Tankflugzeuge, Schiffe und strategische Fähigkeiten. Rutte ordnet diesen Schritt nicht als Rückzug aus der NATO ein, sondern als Teil einer neuen Lastenteilung. Zugleich erhöht der Vorgang den Druck auf Europa und Kanada erheblich.
Nach Angaben Ruttes haben andere Bündnispartner bereits zusätzliche Beiträge zugesagt, um viele der entstehenden Lücken zu füllen. Vollständig erledigt ist das Thema aber nicht. Für die Europäer bedeutet das: Die Debatte über Verteidigungsausgaben bleibt nicht abstrakt. Es geht konkret darum, ob sie kurzfristig Fähigkeiten bereitstellen können, die bislang in hohem Maß von den USA kamen. Der Gipfel in Ankara dürfte deshalb auch ein Gradmesser für die Glaubwürdigkeit europäischer Sicherheitsversprechen werden.
Auch die Ukraine steht weiter auf der Tagesordnung. Beim Treffen der NATO-Verteidigungsminister in Brüssel wurde die Unterstützung für Kiew erneut bekräftigt. Präsident Wolodymyr Selenskyj nahm am Treffen der Ukraine Defence Contact Group teil, bei dem weitere Hilfszusagen angekündigt wurden. Rutte betont, dass die Unterstützung für die Ukraine fortgesetzt werden müsse, damit das Land seine militärische Handlungsfähigkeit gegen Russland behält.
Politisch bleibt die Lage dennoch schwierig. Die NATO will der Ukraine militärisch helfen, ohne den Bündnisfall auszulösen. Zugleich gibt es innerhalb des Bündnisses unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie deutlich die langfristige Perspektive der Ukraine formuliert werden soll. Für den Gipfel in Ankara ist deshalb wahrscheinlich, dass konkrete Hilfe, Rüstungsproduktion und Luftverteidigung stärker im Vordergrund stehen als eine neue große Beitrittsformel.
Die Reise Ruttes nach Washington zeigt, wie entscheidend das Verhältnis zu Donald Trump für den Gipfel ist. Trump hatte die europäischen Bündnispartner in der Vergangenheit wiederholt wegen aus seiner Sicht zu niedriger Verteidigungsausgaben kritisiert. Rutte setzt deshalb auf eine Doppelstrategie: Er präsentiert Europa als handlungsbereiter, vermeidet aber zugleich eine offene Konfrontation mit Washington.
Für die NATO ist das politisch heikel. Einerseits bleibt die amerikanische Schutzgarantie das Rückgrat der Abschreckung. Andererseits wollen die Europäer beweisen, dass sie mehr Verantwortung übernehmen. Rutte beschreibt dies als stärkeres Europa in einer stärkeren NATO. Ob diese Formel trägt, hängt wesentlich davon ab, ob Trump den europäischen Aufwuchs als ausreichend bewertet und die USA ihre Rolle im Bündnis berechenbar halten.
Für Deutschland ist der Gipfel besonders relevant, weil Berlin bei den neuen NATO-Fähigkeitszielen eine größere Rolle übernehmen soll. Die Bundesregierung verweist darauf, dass Deutschland seit 2024 das Zwei-Prozent-Ziel erfüllt und seine Verteidigungsausgaben deutlich erhöht. Für 2026 sind nach Regierungsangaben rund 108 Milliarden Euro für Verteidigungsausgaben vorgesehen, bis 2029 soll der Verteidigungshaushalt weiter stark steigen.
Damit wird Ankara auch für die deutsche Sicherheits- und Haushaltspolitik zum Prüfstein. Die Zusagen gegenüber der NATO müssen mit Beschaffung, Personalaufbau, Infrastruktur und Industrieproduktion hinterlegt werden. Europa steht insgesamt vor derselben Aufgabe: Es muss mehr zahlen, schneller produzieren und zugleich die politische Einheit wahren. Der NATO-Gipfel in Ankara dürfte deshalb weniger ein symbolisches Treffen werden als ein Test, ob das Bündnis seine neue Sicherheitslage praktisch bewältigen kann.
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