
Vielleicht wartet der Kryptomarkt auf einen Absturz, der längst stattgefunden hat. Am 1. Juli 2026 fiel Bitcoin auf rund 57.750 US-Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit fast zwei Jahren. Seitdem ist etwas Bemerkenswertes passiert: kein neues Tief. Stattdessen stieg die wichtigste Kryptowährung zeitweise wieder über 80.000 Dollar und notiert Mitte September trotz neuer Belastungen aus Washington und von der US-Notenbank bei rund 76.000 Dollar. Das allein macht noch keinen neuen Bullenmarkt. Doch es wirft eine Frage auf, die für den weiteren Bitcoin-Zyklus entscheidend werden könnte: War der 1. Juli bereits der Tiefpunkt dieses Bärenmarktes?
Die Frage ist deshalb so spannend, weil gerade zwei Geschichten gegeneinanderlaufen. Der berühmte Vierjahreszyklus spricht eigentlich dafür, dass Bitcoin noch etwas Zeit bis zum endgültigen Boden hätte. Der tatsächliche Kursverlauf erzählt inzwischen jedoch eine andere Geschichte. Die Bitcoin Bodenbildung 2026 könnte weiter fortgeschritten sein, als viele Anleger vermuten.
Im Oktober 2025 erreichte Bitcoin mit 126.223 Dollar ein Rekordhoch. ETF-Zuflüsse in Milliardenhöhe, institutionelle Nachfrage und große Erwartungen hatten den Kurs immer weiter nach oben getrieben. Danach drehte der Markt. Anfang Juli 2026 waren vom Rekordkurs zeitweise mehr als 54 Prozent verschwunden. Bitcoin fiel auf 57.747,77 Dollar – und genau dort stoppte der Abverkauf zunächst.
Entscheidend ist weniger, dass Bitcoin anschließend wieder gestiegen ist. Starke Erholungen gibt es auch mitten in Bärenmärkten. Interessanter ist, was danach nicht mehr passiert ist: Selbst neue Verkaufswellen drückten den Kurs bislang nicht zurück auf das Juli-Tief. Ende August und Anfang September entstanden deutlich höhere Kursregionen. Noch wichtiger: Auch ausgesprochen schlechte Nachrichten haben das Bild bisher nicht zerstört. Am 15. September scheiterte im US-Senat der CLARITY Act, eines der wichtigsten Gesetzesprojekte für die amerikanische Kryptobranche. Einen Tag später erhöhte die Federal Reserve ihren Leitzins erstmals seit mehr als drei Jahren auf 3,75 bis 4,00 Prozent. Der Dollar zog an, die kurzfristigen US-Renditen stiegen – eigentlich ein schwieriger Mix für Bitcoin. Trotzdem blieb der Rückgang bislang vergleichsweise begrenzt.
Genau solche Phasen sind an Finanzmärkten interessant. Ein Boden kündigt sich nicht zwingend dadurch an, dass plötzlich nur noch gute Nachrichten kommen. Häufig passiert etwas anderes: Die Nachrichten bleiben schlecht, aber die Kurse fallen nicht mehr entsprechend mit.
Glassnode beschreibt die aktuelle Situation fast genau so. Bitcoin ist zuletzt zwar unter den sogenannten True Market Mean bei rund 76.700 Dollar gefallen, eine wichtige durchschnittliche Kostenbasis aktiver Marktteilnehmer. Doch das Analysehaus hebt gleichzeitig hervor, wie gering der Rückgang angesichts der Nachrichtenlage geblieben ist. Das Problem: Neue Nachfrage ist momentan ebenfalls schwach. Kapitalzuflüsse in das Bitcoin-Netzwerk haben nachgelassen, Spot-ETFs verzeichneten zuletzt Abflüsse, die Stablecoin-Bestände stagnieren und Unternehmenskäufe spielen derzeit eine geringere Rolle.
Das ergibt ein ungewöhnliches Bild. Der Markt wirkt derzeit weder wie ein intakter Bullenmarkt noch wie ein klassischer Bärenmarkt, der immer neue Tiefstände produziert. Die Verkäufer haben Bitcoin seit Juli nicht mehr entscheidend nach unten drücken können. Gleichzeitig fehlt bislang die Kaufkraft, um den nächsten großen Ausbruch zu erzwingen.
Mit anderen Worten: Der Markt hat möglicherweise aufgehört zu fallen, aber noch nicht überzeugend begonnen zu steigen.
Und genau so sieht Bodenbildung häufig aus.
Aus den aktuellen Marktdaten lassen sich inzwischen erstaunlich klare Bereiche ableiten. Die erste wichtige Marke liegt laut Glassnode bei rund 71.300 Dollar. Dort befindet sich die durchschnittliche Kostenbasis kurzfristiger Bitcoin-Halter. Fällt der Kurs weiter, wäre das der nächste größere Test. Darunter liegt zwischen etwa 62.000 und 65.000 Dollar eine deutlich wichtigere Unterstützungszone. Solange Bitcoin auch bei stärkeren Rücksetzern oberhalb dieses Bereichs bleibt, würde die These eines bereits ausgebildeten Bodens intakt bleiben.
Auf der anderen Seite wartet zwischen 83.000 und 86.000 Dollar ein massiver Widerstandsbereich. Dort konzentriert sich laut Glassnode eine große Menge Bitcoin, die zu höheren Preisen gekauft wurde. Anleger, die dort eingestiegen sind und monatelang Verluste gesehen haben, könnten eine Rückkehr in diese Zone zum Verkauf nutzen. Genau deshalb ist dieser Bereich so wichtig: Ein nachhaltiger Ausbruch über rund 86.000 Dollar wäre wesentlich aussagekräftiger als eine kurzfristige Rally um einige Tausend Dollar.
Damit wird die Situation fast ungewöhnlich übersichtlich. Unterhalb von 71.300 Dollar nimmt das Risiko eines größeren Rücksetzers zu. Zwischen 62.000 und 65.000 Dollar steht die Boden-These vor ihrem eigentlichen Belastungstest. Oberhalb von 86.000 Dollar würde sich das technische und strukturelle Bild dagegen deutlich verbessern. Und ganz unten steht weiterhin die Marke von rund 57.750 Dollar. Erst wenn Bitcoin auch dieses Niveau unterschreitet, wäre klar, dass der Juli eben doch nicht das Ende des Abverkaufs war.
Und hier beginnt der spannendste Teil. Denn historisch wäre Bitcoin mit einem endgültigen Tief Anfang Juli eigentlich ungewöhnlich früh dran.
Galaxy Digital hat die vergangenen Bitcoin-Zyklen miteinander verglichen. Nach den großen Hochpunkten dauerte es demnach in den bisherigen Zyklen ungefähr zwölf bis 13 Monate, bis Bitcoin seinen endgültigen Bärenmarkt-Boden erreichte. Auf das Hoch Ende 2013 folgte der Boden Anfang 2015, auf das Hoch im Dezember 2017 das Tief im Dezember 2018 und auf den Höhepunkt im November 2021 der nächste große Boden im November 2022.
Das aktuelle Rekordhoch stammt aus dem Oktober 2025. Folgte Bitcoin diesem historischen Zeitplan erneut, läge das klassische Fenster für den nächsten Boden ungefähr zwischen Oktober und November 2026 – also erst in den kommenden Wochen.
Noch im Juni sprach einiges für diese Variante. Galaxy stellte damals fest, dass erst vier von 13 untersuchten Signalen für einen typischen Bitcoin-Boden ausgelöst worden waren. Mehrere der stärksten historischen Kapitulationssignale fehlten. Nach dieser Lesart müsste der Markt noch einmal durch eine schwierigere Phase gehen.
Aber seit dieser Analyse ist etwas Entscheidendes passiert: Bitcoin ist tatsächlich noch einmal gefallen – und hat anschließend angefangen, einen Boden aufzubauen.
Das muss kein Widerspruch sein. Bitcoin ist heute ein völlig anderer Markt als 2014 oder 2018. Spot-ETFs bewegen Milliarden, professionelle Investoren dominieren größere Teile des Handels, Unternehmen halten Bitcoin in ihren Bilanzen und die Marktkapitalisierung ist um ein Vielfaches größer. Gleichzeitig werden die extremen Kursbewegungen von Zyklus zu Zyklus tendenziell kleiner.
Galaxy weist genau darauf hin. Die historischen Verluste vom Hoch zum Tief gingen von rund 85 Prozent über 84 Prozent auf etwa 77 Prozent zurück. Im aktuellen Zyklus lag der maximale Rückgang bis Anfang Juli bei etwas mehr als 54 Prozent. Ein reiferer Markt könnte deshalb auch einen weniger dramatischen Boden produzieren.
Vielleicht muss Bitcoin also gar nicht noch einmal mit einem spektakulären Crash kapitulieren. Vielleicht besteht die Kapitulation dieses Zyklus darin, dass der Kurs innerhalb weniger Monate von 126.000 auf weniger als 58.000 Dollar fällt, Anleger Milliarden aus ETFs abziehen, die Euphorie verschwindet – und der Markt danach schlicht beginnt, schlechte Nachrichten zu absorbieren.
Das wäre eine deutlich unspektakulärere Bodenbildung als in früheren Zyklen. Aber nicht zwingend eine weniger bedeutende.
Noch vor wenigen Monaten war genau das die zentrale Frage. 70.000 Dollar hielten nicht, 65.000 Dollar hielten nicht, 60.000 Dollar hielten schließlich ebenfalls nicht. Jedes vermeintliche Tief wurde durch ein tieferes ersetzt.
Seit dem 1. Juli ist das anders.
Deshalb lohnt es sich, die Perspektive zu drehen. Der entscheidende Beweis für einen Boden wäre jetzt nicht, dass Bitcoin möglichst schnell wieder auf 100.000 Dollar steigt. Viel interessanter wäre ein neuer Rückschlag. Fällt Bitcoin noch einmal kräftig – vielleicht Richtung 71.000 oder sogar 65.000 Dollar – und Käufer verhindern trotzdem ein neues Jahrestief, würde die Bodenbildung erheblich an Glaubwürdigkeit gewinnen. Genau darin besteht die Ironie dieser Marktphase: Ein kontrollierter Rücksetzer könnte für die langfristige Struktur überzeugender sein als die nächste schnelle Rally.
Und vielleicht ist das auch der Grund, warum die kommenden Wochen interessanter werden als der Kursrekord des vergangenen Jahres. Der Vierjahreszyklus sagt, dass das historische Bodenfenster erst jetzt beginnt. Der Kurs sagt gleichzeitig, dass der Markt seinen tiefsten Punkt möglicherweise schon am 1. Juli gesehen hat.
Welche Geschichte stimmt, wird sich nicht an einem einzelnen Handelstag entscheiden. Die Marken dafür liegen aber inzwischen auf dem Tisch.
Hält Bitcoin auch den nächsten größeren Rückschlag aus und bleibt deutlich oberhalb von 57.750 Dollar, dürfte die Vorstellung eines noch ausstehenden großen Crashs zunehmend an Überzeugungskraft verlieren. Schafft der Kurs später auch den Sprung über 83.000 bis 86.000 Dollar, würde aus einer möglichen Bodenbildung erstmals etwas Größeres entstehen.
Dann könnte sich im Rückblick herausstellen, dass der wichtigste Bitcoin-Moment des Jahres 2026 nicht der Beginn einer spektakulären Rally war.
Sondern jener unscheinbare Tag im Juli, an dem Bitcoin einfach aufgehört hat, immer weiter zu fallen.






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