
Am 10. März 2019 stürzte Ethiopian Airlines Flug 302 kurz nach dem Start in Addis Abeba ab. Alle 157 Menschen an Bord kamen ums Leben, darunter Passagiere aus 35 Nationen. Unter den Opfern war auch Samya Stumo, eine junge US-amerikanische NGO-Mitarbeiterin, die auf dem Weg zu ihrem ersten Einsatz für die Gesundheitsorganisation ThinkWell in Kenia war. Die Ursache: dasselbe fehlerhafte MCAS-Steuerungssystem, das fünf Monate zuvor den Absturz von Lion Air Flug 610 verursacht hatte, bei dem 189 Menschen starben.
Die Abstürze führten zur weltweiten Stilllegung aller Boeing 737 MAX-Maschinen und zu einer der schwersten Krisen in der Geschichte des amerikanischen Flugzeugbauers. Boeing musste einräumen, dass schwerwiegende Fehler bei Entwicklung und Zertifizierung des MCAS gemacht worden waren.
Während viele Angehörige der Absturzopfer sich außergerichtlich mit Boeing geeinigt haben, gehen einzelne Familien weiterhin den Weg durch die Gerichte. Im Mai 2026 beginnt in Chicago ein weiterer Zivilprozess, diesmal angestrengt von der Familie von Samya Stumo. Chicago ist der Hauptsitz von Boeing – für US-Kläger ein attraktiver Gerichtsstandort.
Der Prozess wird als vollständiger Zivilprozess mit Geschworenen geführt. Die Familie fordert Schadensersatz und will vor Gericht klären, in welchem Ausmaß Boeing die Sicherheitsrisiken des MCAS wissentlich ignoriert hat.
In einem Vorläufer-Verfahren hatte eine Chicagoer Jury im November 2025 dem Witwer von Shikha Garg, einer weiteren Opferin des Ethiopian-Airlines-Absturzes, eine Entschädigung von 28,45 Millionen US-Dollar zugesprochen. Das setzte ein deutliches Signal: Gerichte sehen Boeing als mitverantwortlich für die Katastrophen.
Ein zweites Verfahren, das im Januar 2026 begann, endete kurz darauf mit einem außergerichtlichen Vergleich. Boeing scheut offenbar öffentliche Urteile, die das Unternehmen finanziell und reputationsmäßig weiter belasten. Zudem hatte Boeing Mitte 2024 einem Schuldbekenntnis gegenüber dem US-Justizministerium zugestimmt, das milliardenschwere Strafen und Sicherheitsreformen umfasste.
Während in Chicago der Prozess startet, meldet Boeing parallel gute Nachrichten: Am 3. Mai 2026 nahm EgyptAir die erste Boeing 737 MAX in Empfang. Die Maschine, eine 737-8, ist die erste von 18 geleasten Flugzeugen und soll auf Strecken nach Paris, Brüssel, Istanbul und Wien eingesetzt werden – mit 20 Prozent weniger Treibstoffverbrauch als die Vorgänger.
Das verdeutlicht das Spannungsfeld, in dem Boeing derzeit steckt: Einerseits Aufbruch und Neustart, andererseits die ständige Aufarbeitung der Vergangenheit. Auch andere Boeing-Modelle wie der 787 Dreamliner standen zuletzt unter intensiver Beobachtung der Luftfahrtbehörden.
Für Boeing ist es ein weiteres positives Signal, dass die US-Luftfahrtbehörde FAA im März 2026 die Produktionsobergrenzen für die 737 MAX aufgehoben hat. Zuvor hatte die FAA die Produktionsrate streng begrenzt, nachdem im Januar 2024 bei einem Alaska-Airlines-Flug eine Rumpftüre aus einer 737 MAX 9 herausgebrochen war. Nun darf Boeing die Rate auf 47 Flugzeuge pro Monat erhöhen, mit dem Ziel, bis Ende 2026 Rate 53 zu erreichen.
Das entlastet einen Konzern unter massivem wirtschaftlichem Druck. Fluggesellschaften wie Ryanair warten auf Hunderte bestellter 737 MAX-Maschinen und haben Boeing für Lieferverzögerungen scharf kritisiert.
Für Reisende stellt sich die Frage: Wie sicher ist die 737 MAX heute? Die Antwort der Luftfahrtbehörden weltweit lautet seit der Wiederzulassung Ende 2020: sicher – nach umfangreichen Modifikationen am MCAS-System und verschärften Pilotentrainings-Vorgaben. Heute fliegen Dutzende Airlines weltweit wieder mit der 737 MAX.
Der Zivilprozess ändert daran technisch nichts. Er ist juristischer und moralischer Natur – es geht um Verantwortung und die Frage, wie viel Boeing über die Risiken wusste. Das Verfahren dürfte dennoch die Debatte über Luftfahrtsicherheit neu befeuern – ähnlich wie die geopolitischen Auswirkungen auf Fluggesellschaften regelmäßig für Aufmerksamkeit sorgen.
Boeing steht 2026 vor einer Doppelherausforderung: Produktion hochfahren, Vertrauen zurückgewinnen und die Konsequenzen der Vergangenheit tragen. Der Zivilprozess in Chicago ist nur eine von mehreren offenen juristischen Fronten. Für die Hinterbliebenen der 157 Todesopfer von Ethiopian Airlines geht es nicht nur um Geld – sie wollen Gerechtigkeit und eine öffentliche Auseinandersetzung mit den Fehlern, die das Leben ihrer Angehörigen kosteten.
Mit über 1.400 offenen Bestellungen für die 737 MAX steht für Boeing wirtschaftlich enorm viel auf dem Spiel. Weitere Enthüllungen könnten das mühsam aufgebaute Vertrauen in die Maschine erneut erschüttern – und damit auch die gesamte Lieferkette der Luftfahrtindustrie beeinträchtigen.
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