
Die Rally bei Halbleiter- und KI-Aktien ist am Montag abrupt gebremst worden. Besonders hart traf es Speicherchip-Hersteller in Südkorea und den USA. Der Rückschlag zeigt die hohe Empfindlichkeit gegenüber Gewinnmitnahmen, neuen Kapazitätsplänen und Zweifeln am KI-Investitionsboom.
SK Hynix brach in Seoul um 15,4 Prozent ein und verzeichnete den stärksten Tagesverlust seit fast zwei Jahrzehnten. Samsung Electronics verlor 10,7 Prozent. Der Kospi sackte knapp neun Prozent ab, der Handel wurde vorübergehend unterbrochen. In New York gerieten anschließend vor allem Speicherwerte unter Druck: Sandisk verlor im laufenden Handel rund zwölf Prozent, Western Digital gut sieben Prozent und Micron etwa fünf Prozent. Der Philadelphia Semiconductor Index gab zeitweise rund 3,7 Prozent nach. Nvidia und AMD lagen gegen 19.30 Uhr deutscher Zeit etwa 3,3 beziehungsweise 3,6 Prozent im Minus. Infineon schloss im Xetra-Handel 2,8 Prozent tiefer bei 70,40 Euro.
Ausgangspunkt war der Kurssturz von SK Hynix nach dem viel beachteten Nasdaq-Debüt. Die in den USA gehandelten Hinterlegungsscheine hatten am Freitag deutlich zugelegt, während die Aktie in Seoul seit Jahresbeginn zuvor bereits mehr als 300 Prozent gewonnen hatte. Am Montag setzten massive Gewinnmitnahmen ein. Zusätzlich sorgte der hohe Preisaufschlag der US-Papiere gegenüber der koreanischen Aktie für Nervosität.
SK Hynix ist der wichtigste Anbieter von High Bandwidth Memory. Diese schnellen Speicherchips werden direkt mit KI-Beschleunigern von Nvidia oder Google verbunden. Im ersten Quartal kam der Konzern auf 58 Prozent des weltweiten HBM-Umsatzes. Samsung und Micron lagen jeweils bei 21 Prozent. Anleger reagierten deshalb empfindlich auf Hinweise, wonach die Auslieferung der neuen HBM4-Generation im zweiten Quartal langsamer hochgefahren worden sein könnte als erwartet.
Zum Verkaufsdruck kommen Zweifel am mittelfristigen Preiszyklus. Samsung und SK Hynix treiben in Südkorea Fabrikprojekte im Umfang von mehreren hundert Milliarden Dollar voran. Zusätzliche Kapazitäten sollen ab 2027 und 2028 stärker auf den Markt kommen. Damit wächst die Sorge, dass die derzeit knappe Versorgung später in ein Überangebot umschlägt und die hohen Speicherpreise sinken.
Noch 2023 hatte SK Hynix wegen des damaligen Preisverfalls einen hohen operativen Jahresverlust geschrieben. Der HBM-Boom brachte die schnelle Wende. Der außergewöhnliche Gewinnsprung erhöht nun die Fallhöhe.
Auch chinesische Anbieter verändern die Risikowahrnehmung. Der Speicherhersteller CXMT baut seine DRAM-Kapazitäten aus und bereitet einen milliardenschweren Börsengang in Shanghai vor. Im ersten Quartal erreichte CXMT bereits acht Prozent des weltweiten DRAM-Umsatzes. Damit wächst langfristig der Preisdruck auf Samsung, SK Hynix und Micron.
DeepSeek entwickelt zudem einen eigenen KI-Chip und setzt bei seinem Modell V4 stärker auf Huaweis Ascend-Plattform. Alibaba brachte mit Qwen3.5 ein Modell auf den Markt, das nach Unternehmensangaben deutlich günstiger und leistungsfähiger als der Vorgänger arbeitet. Effizientere Modelle können die KI-Nutzung zwar erhöhen. Für Nvidia, AMD und westliche Speicheranbieter entsteht aber das Risiko, dass weniger Hardware pro Anwendung benötigt wird oder Aufträge in China an heimische Anbieter gehen.
Gegen einen grundsätzlichen Einbruch des KI-Marktes sprechen die Auftragslage bei TSMC und die Investitionspläne der großen Cloud-Konzerne. TSMC hatte im Frühjahr seine Umsatzprognose angehoben und höhere Investitionen angekündigt. Nvidia, AMD und Broadcom sind für ihre modernsten Prozessoren stark von dem taiwanischen Auftragsfertiger abhängig. Microsoft, Meta, Amazon und Alphabet dürften 2026 zusammen mehr als 600 Milliarden Dollar in Rechenzentren investieren.
Der Markt stellt daher weniger die aktuelle Nachfrage infrage als deren Dauer und Rentabilität. Entscheidend ist, ob die hohen Investitionen dauerhaft ausreichend Erlöse aus KI-Diensten erzeugen.
Der Philadelphia Semiconductor Index liegt trotz des jüngsten Rückschlags noch rund 83 Prozent über dem Jahresbeginn, zugleich aber mehr als elf Prozent unter seinem Rekordhoch vom Juni. Ende Juni zogen Anleger innerhalb einer Woche rund elf Milliarden Dollar aus US-Halbleiterfonds ab.
Die Bewertungen sind uneinheitlich. Nvidia erscheint gemessen an den erwarteten Gewinnen günstiger als in früheren Jahren. Bei AMD, Intel und Marvell liegen die erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnisse dagegen deutlich über ihren langfristigen Durchschnitten. Der Ausverkauf ist deshalb noch kein Beleg für das Ende des KI-Booms. Er ist aber ein Warnsignal, dass selbst starke Wachstumsaussichten die hohen Erwartungen nicht unbegrenzt tragen.
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