Deutschlands digitaler Rückstand wird zum Standortproblem

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Grzegorz Walczak

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Deutschland steht bei der Digitalisierung weiter unter Reformdruck. Die Digitalisierung Deutschlands bleibt in zentralen Bereichen hinter anderen EU-Staaten zurück. Zwar zeigen aktuelle Vergleichsdaten, dass die Bundesrepublik im europäischen Gesamtbild nicht am Ende steht. In zentralen Bereichen bleibt der Abstand zu digital führenden Staaten jedoch deutlich. Besonders sichtbar ist der Rückstand bei der Verwaltung. Für Bürgerinnen, Bürger und Unternehmen bedeutet das weiterhin: Viele Vorgänge sind nicht vollständig online möglich, Verfahren bleiben kompliziert, und digitale Angebote unterscheiden sich stark je nach Bundesland oder Kommune.

Im EU-Vergleich liegt Deutschland nach dem Bitkom-DESI-Index aktuell auf Rang 14 von 27 Mitgliedstaaten. In der digitalen Wirtschaft erreicht Deutschland Rang 8, bei der Netzqualität Rang 9 und bei digitalen Kompetenzen Rang 15. Deutlich schwächer fällt die Bilanz in der digitalen Verwaltung aus. Dort liegt Deutschland nur auf Rang 21.

Die Verwaltung bleibt der größte Schwachpunkt

Der Rückstand zeigt sich besonders beim Onlinezugang zu staatlichen Leistungen. Das Onlinezugangsgesetz hatte vorgesehen, wichtige Verwaltungsleistungen bis Ende 2022 digital anzubieten. Anfang 2026 war dieses Ziel weiterhin klar verfehlt. Nach dem Behörden-Digimeter 2026 des Instituts der deutschen Wirtschaft waren von 7.509 untersuchten Einzelleistungen nur 823 bundesweit flächendeckend digital verfügbar. Das entspricht knapp elf Prozent.

Diese Zahlen machen deutlich, warum die Debatte über Deutschland als digitales Schlusslicht vor allem die Verwaltung betrifft. Der Rückstand ist nicht allein eine Frage fehlender Technik. Entscheidend sind auch föderale Zuständigkeiten, uneinheitliche Verfahren und die langsame Übernahme bereits vorhandener digitaler Lösungen. Das IW-Gutachten verweist darauf, dass das sogenannte Einer-für-Alle-Prinzip eigentlich eine schnellere Verbreitung funktionierender Angebote ermöglichen sollte.

Deutschland ist nicht überall abgehängt

Ein pauschales Urteil greift dennoch zu kurz. In der digitalen Wirtschaft und bei der Netzinfrastruktur schneidet Deutschland im EU-Vergleich besser ab als in der Verwaltung. Auch der Bitkom-Länderindex 2026 zeigt, dass es innerhalb Deutschlands deutliche Unterschiede gibt. Hamburg liegt im Ranking der Bundesländer vorn, gefolgt von Berlin und Hessen. Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen liegen am Ende der Gesamtwertung. Grundlage des Index sind mehr als 1.100 Datenpunkte aus den Bereichen digitale Wirtschaft, Infrastruktur, Governance und Verwaltung sowie digitale Gesellschaft.

Damit ergibt sich ein gemischtes Bild. Deutschland verfügt über starke Unternehmen, eine relevante Digitalwirtschaft und wachsende digitale Infrastruktur. Gleichzeitig verhindern uneinheitliche Verwaltungsprozesse, langsame Umsetzung und regionale Unterschiede, dass digitale Angebote im Alltag überall zuverlässig ankommen.

Europa setzt Deutschland zusätzlich unter Druck

Der Rückstand wiegt auch deshalb schwer, weil die EU ihre Digitalziele bis 2030 systematisch überprüft. Die Europäische Kommission misst den Fortschritt der Mitgliedstaaten im Rahmen der Digitalen Dekade. Der frühere DESI ist seit 2023 in diesen Bericht integriert. Im eGovernment Benchmark 2025 wurden rund 100 zentrale öffentliche Dienstleistungen untersucht, darunter Vorgänge rund um Umzug, Studium, Gesundheit, Unternehmensgründung und laufende Geschäftstätigkeit.

Auch international wird digitale Verwaltung zunehmend als Standortfaktor bewertet. Die OECD beschreibt digitale Identitäten, Dateninfrastrukturen, nutzerfreundliche Dienste und eine ressortübergreifende Steuerung als zentrale Grundlagen moderner Staatlichkeit. Im OECD-Vergleich liegen Länder wie Südkorea, Dänemark und das Vereinigte Königreich bei digitalen Regierungsstrukturen vorn.

Neues Digitalministerium soll Tempo bringen

Die Bundesregierung hat 2025 mit dem Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung ein eigenes Ressort geschaffen. Karsten Wildberger ist seit dem 6. Mai 2025 Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung.

Bund und Länder haben sich im März 2026 zudem auf die gemeinsame Umsetzung des sogenannten Deutschland-Stacks verständigt. Dieser Ansatz soll digitale Verwaltungsangebote stärker vereinheitlichen und die Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern und Kommunen verbessern.

Ob daraus schnell spürbare Verbesserungen entstehen, hängt vor allem von der Umsetzung ab. Die bisherigen Zahlen zeigen, dass einzelne Reformankündigungen nicht ausreichen. Entscheidend wird sein, ob digitale Leistungen bundesweit einheitlicher, einfacher und tatsächlich flächendeckend verfügbar werden.

Digitaler Rückstand trifft Bürger und Unternehmen

Für Bürgerinnen und Bürger bedeutet eine schwache digitale Verwaltung vor allem mehr Aufwand. Wer Unterlagen einreichen, Anträge stellen oder Nachweise übermitteln muss, ist vielerorts weiter auf Papier, persönliche Termine oder uneinheitliche Portale angewiesen. Für Unternehmen kann das zu längeren Verfahren, höheren Verwaltungskosten und schlechterer Planbarkeit führen.

Gerade im internationalen Wettbewerb ist das ein Problem. Länder mit konsequent digitalisierten Verwaltungsprozessen können Gründungen, Genehmigungen und Standardverfahren schneller abwickeln. Deutschland riskiert hier, trotz wirtschaftlicher Stärke an Attraktivität zu verlieren. Der Begriff vom digitalen Schlusslicht ist als Gesamturteil zu grob. Als Warnsignal für die digitale Verwaltung ist er jedoch gut begründet.

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