
Die Ukraine hat in der Nacht erneut russische Energie- und Industrieziele mit Drohnen angegriffen. Besonders schwer betroffen war nach ukrainischen Angaben die Lukoil-Raffinerie in Kstowo in der Region Nischni Nowgorod an der Wolga. Der ukrainische Generalstab bestätigte einen Treffer auf dem Gelände der Anlage. Nach seinen Angaben wurde eine primäre Ölverarbeitungseinheit getroffen, anschließend brach ein Feuer aus. Die Raffinerie Lukoil-Nizhegorodnefteorgsintez zählt zu den großen Anlagen des russischen Ölsektors und verfügt nach ukrainischen Angaben über eine jährliche Verarbeitungskapazität von rund 17 Millionen Tonnen Rohöl.
Auch russische Stellen bestätigten Schäden in der Region, ohne die militärische Darstellung aus Kiew vollständig zu übernehmen. Der Gouverneur der Region Nischni Nowgorod, Gleb Nikitin, erklärte, Trümmerteile abgeschossener Drohnen hätten Schäden verursacht, anschließend seien Brände an zwei Industrieeinrichtungen im Bezirk Kstowo ausgebrochen. Auf mehreren russischen und ukrainischen Telegram-Kanälen kursierten Videos, die einen großen Feuerschein und dichte Rauchentwicklung im Bereich der Raffinerie zeigen sollen. Eine unabhängige Prüfung der Aufnahmen war zunächst nicht möglich.
Das russische Verteidigungsministerium meldete für dieselbe Angriffswelle den Abschuss von 273 ukrainischen Drohnen. Diese Zahl lässt sich unabhängig nicht überprüfen. Sie deutet jedoch auf eine der größeren ukrainischen Drohnenoperationen gegen Ziele auf russischem Staatsgebiet hin. Nach Angaben russischer Behörden und Medienberichten waren neben der Region Nischni Nowgorod auch weitere Landesteile betroffen.
Der Angriff auf Kstowo steht im Zusammenhang mit einer seit Monaten intensivierten ukrainischen Kampagne gegen Russlands Öl- und Treibstoffinfrastruktur. Kiew zielt dabei vor allem auf Raffinerien, Pumpstationen, Lager und Exportanlagen. Das erklärte militärische Ziel besteht darin, die Versorgung der russischen Streitkräfte mit Treibstoff zu erschweren und zugleich die Einnahmen aus dem Ölsektor zu schwächen, die für den russischen Staatshaushalt und damit auch für die Kriegsführung von zentraler Bedeutung sind. Nahezu alle großen Raffinerien in Zentralrussland hätten infolge ukrainischer Drohnenangriffe ihre Produktion ganz oder teilweise reduzieren müssen. Die betroffene Gesamtkapazität liegt demnach bei mehr als 83 Millionen Tonnen pro Jahr.
Die Raffinerie in Kstowo ist für diese Strategie besonders relevant. Sie liegt tief im russischen Binnenland, deutlich entfernt von der ukrainischen Grenze, und versorgt unter anderem zentrale Regionen Russlands mit Kraftstoffen. Nach ukrainischer Darstellung produziert die Anlage Benzin, Diesel und Flugkraftstoff, die auch für militärische Zwecke genutzt werden können. Der Angriff war bereits der zweite gemeldete Treffer auf die Anlage innerhalb weniger Tage.
Parallel zu den ukrainischen Angriffen auf russische Ölanlagen setzte Russland seine Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur fort. In Odessa am Schwarzen Meer wurde nach Angaben des Energieversorgers DTEK eine Energieanlage getroffen. Zehntausende Haushalte waren zeitweise ohne Strom. Nach Angaben lokaler Behörden wurden außerdem Wohngebäude, Lagerflächen und weitere zivile Infrastruktur beschädigt. Mindestens ein Mann wurde verletzt. Reparaturteams arbeiteten demnach bereits am Morgen daran, Teile der Stromversorgung wiederherzustellen.
Auch in anderen ukrainischen Regionen gab es neue Opfer durch russische Angriffe. In Dnipro wurden nach Angaben lokaler Behörden zwei Menschen getötet und sechs weitere verletzt. Die Stadt sei mit Raketen, Drohnen und Artillerie angegriffen worden. Weitere Verletzte wurden demnach in den Regionen Sumy und Saporischschja gemeldet. Die Angaben der Kriegsparteien und örtlichen Behörden können in vielen Fällen nicht unabhängig überprüft werden.
Die Entwicklungen zeigen, wie stark sich der Krieg inzwischen auf Energieanlagen beider Seiten ausweitet. Russland greift seit Beginn des Angriffskriegs regelmäßig ukrainische Kraftwerke, Umspannwerke und Netze an, um die Versorgung der Bevölkerung und der Industrie zu treffen. Die Ukraine wiederum setzt zunehmend auf weitreichende Drohnen, um russische Raffinerien und Logistikpunkte zu erreichen. Dadurch wird die Energieinfrastruktur immer stärker zu einem zentralen Schauplatz des Krieges.
Unklar blieb zunächst, wie schwer die Schäden in Kstowo tatsächlich sind und ob die Raffinerie ihren Betrieb vollständig einstellen musste. Die russische Seite äußerte sich zunächst vor allem zu abgefangenen Drohnen und Bränden nach Trümmerteilen. Die ukrainische Seite sprach dagegen von einem erfolgreichen Treffer auf eine zentrale Verarbeitungseinheit. Gesichert ist, dass die Serie von Angriffen den russischen Ölsektor zunehmend unter Druck setzt und Moskau zugleich seine Angriffe auf ukrainische Energieanlagen fortführt.
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