
Die deutsche Wirtschaft hat sich seit Beginn der Corona-Pandemie nur äußerst schwach entwickelt. Eine neue Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft, kurz IW, zeigt nun, wie ungewöhnlich sich die Kräfte hinter diesem Wachstum verschoben haben. Im Durchschnitt der Jahre 2020 bis 2025 kamen die positiven Wachstumsimpulse nach Berechnungen des Instituts unter dem Strich aus dem Staatssektor. Der zusammengefasste Beitrag von privatem Konsum und privaten Investitionen lag dagegen nahe null.
Das reale Bruttoinlandsprodukt wuchs in diesem Sechsjahreszeitraum laut IW im Durchschnitt lediglich um rund 0,2 Prozent pro Jahr. Der staatliche Beitrag aus Konsum und Investitionen belief sich auf rund 0,6 Prozentpunkte jährlich. Gleichzeitig belasteten vor allem schwache private Investitionen die Entwicklung. Hinzu kam ein negativer Beitrag aus Außenhandel und Vorratsveränderungen.
Besonders deutlich zeigt sich die Verschiebung bei den Investitionen. Die realen öffentlichen Investitionen lagen im zweiten Quartal 2026 nach Berechnungen des IW gut 20 Prozent über dem Jahresdurchschnitt von 2019. Die Investitionen der nichtstaatlichen Sektoren lagen dagegen mehr als zehn Prozent unter dem damaligen Niveau.
Dabei entwickelt sich nicht jede Form privater Investitionen gleich schlecht. Investitionen in Forschung und Entwicklung, Software und Datenbanken lagen zuletzt laut IW mehr als 20 Prozent über dem Niveau von 2019. Deutlich schwächer sieht es bei klassischen Sachinvestitionen aus. Die realen privaten Bauinvestitionen lagen zuletzt fast 20 Prozent unter dem Stand von 2019. Bei den privaten Ausrüstungsinvestitionen, zu denen unter anderem Maschinen und Nutzfahrzeuge gehören, lag der Rückstand bei rund 15 Prozent.
Das IW führt die Schwäche auf eine Kombination mehrerer Belastungen zurück. Dazu zählen die Folgen der Pandemie, gestörte Lieferketten, höhere Energiepreise, gestiegene Finanzierungskosten und geopolitische Unsicherheit. Das Institut verweist außerdem auf Standortfaktoren wie Steuern und Abgaben, Arbeitskosten, Energiekosten sowie Regulierung und Bürokratie. Diese Bewertung ist die wirtschaftspolitische Einordnung des IW.
Die Aussage, die Privatwirtschaft habe seit 2020 keinen Wachstumsbeitrag geleistet, bedeutet nicht, dass die privaten Haushalte ihre Ausgaben überhaupt nicht erhöht hätten. Im Gegenteil: Der private Konsum lieferte laut IW weiterhin einen positiven Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt. Er fiel allerdings deutlich geringer aus als in den 1990er und 2010er Jahren. Gleichzeitig war der negative Beitrag der privaten Investitionen so groß, dass sich beide Effekte im zusammengefassten Privatsektor weitgehend ausglichen.
Auch beim Vergleich mit 2019 wird die unterschiedliche Dynamik sichtbar. Der reale Staatskonsum lag im zweiten Quartal 2026 nach der IW-Auswertung mehr als 16 Prozent über dem Niveau von 2019. Die realen privaten Konsumausgaben waren dagegen lediglich um 4,5 Prozent gestiegen.
Beim Staatskonsum geht es allerdings nicht um sämtliche Ausgaben von Bund, Ländern, Kommunen und Sozialversicherungen. Nach der Abgrenzung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen gehören dazu etwa staatlich bereitgestellte Leistungen in Bildung, Verwaltung und Sicherheit sowie bestimmte Gesundheits- und Pflegeleistungen. Renten, andere Geldtransfers, Subventionen und Zinszahlungen zählen nicht zum Staatskonsum.
Die jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes passen grundsätzlich zu diesem Bild. Im zweiten Quartal 2026 stieg das deutsche Bruttoinlandsprodukt preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Die Bruttoanlageinvestitionen gingen zugleich um 0,2 Prozent zurück. Besonders die Ausrüstungsinvestitionen sanken mit 1,4 Prozent deutlich.
Auch beim Konsum zeigen die amtlichen Daten Unterschiede. Im Vergleich zum zweiten Quartal 2025 legte der reale private Konsum lediglich um 0,1 Prozent zu. Der Staatskonsum stieg dagegen um 3,0 Prozent. Gleichzeitig kamen im Frühjahr 2026 zusätzliche Wachstumsimpulse aus dem Außenhandel. Die Exporte erhöhten sich gegenüber dem Vorquartal um 2,0 Prozent, die Importe um 1,5 Prozent.
Damit lässt sich die IW-Betrachtung für 2020 bis 2025 nicht einfach unverändert auf jedes einzelne Quartal des Jahres 2026 übertragen. Die jüngste Entwicklung zeigt neben den staatlichen Impulsen auch einen Beitrag des Außenhandels.
Im langfristigen Vergleich fällt vor allem die geringe Gesamtdynamik auf. Für die 2010er Jahre errechnet das IW ein durchschnittliches reales Wirtschaftswachstum von rund 1,9 Prozent pro Jahr. In den 1990er Jahren waren es rund 1,7 Prozent und selbst in den von Strukturproblemen und Finanzkrise geprägten 2000er Jahren rund 0,9 Prozent. Für 2020 bis 2025 kommt das Institut lediglich auf etwa 0,2 Prozent pro Jahr.
Dabei ist der staatliche Wachstumsbeitrag für sich genommen historisch nicht außergewöhnlich hoch. Der Beitrag des Staatskonsums liegt laut IW mit knapp einem halben Prozentpunkt pro Jahr ungefähr in einer Größenordnung, die Deutschland auch in den 1990er und 2010er Jahren verzeichnete. Auffällig ist vielmehr, dass gleichzeitig kaum noch ein positiver Beitrag aus dem zusammengefassten privaten Bereich kommt.
Die Entwicklung seit 2020 umfasst zudem mehrere außergewöhnliche Krisen. Die Corona-Pandemie ließ die Wirtschaftsleistung zunächst stark einbrechen. Es folgten Lieferkettenprobleme, der Energiepreisschock nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, stark steigende Zinsen sowie neue geopolitische und handelspolitische Belastungen. Das IW berücksichtigt diese Sondereffekte ausdrücklich bei seiner Einordnung.
Im europäischen Vergleich bleibt die deutsche Wirtschaft trotz der jüngsten Erholung verhalten. Im zweiten Quartal 2026 legte das deutsche BIP um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal zu. In der Europäischen Union waren es 0,5 Prozent, im Euroraum 0,4 Prozent. Spanien erreichte unter den großen EU-Staaten mit 0,7 Prozent erneut eine deutlich höhere Wachstumsrate.
Die amtlichen Zahlen wurden im Sommer noch einmal überarbeitet. Für 2024 weist das Statistische Bundesamt inzwischen keine Schrumpfung mehr aus, sondern eine Stagnation. Für 2025 blieb es bei einem realen Wachstum von 0,2 Prozent. Die grundsätzliche Schwäche der vergangenen Jahre wird dadurch gemildert, aber nicht aufgehoben.
Die IW-Auswertung lenkt den Blick deshalb vor allem auf die Zusammensetzung des Wachstums. Höhere öffentliche Investitionen in Infrastruktur, Verteidigung und andere Bereiche können die Wirtschaftsleistung stützen und zugleich den Kapitalstock modernisieren. Für dauerhaft stärkeres Wachstum sieht das Institut jedoch zusätzliche private Investitionen als entscheidend an. Gerade deren Entwicklung unterscheidet die laufende Dekade deutlich von früheren Wachstumsphasen.
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