
Zum dritten Mal in Folge hat der Zentralrat der Juden in Deutschland ein Lagebild der jüdischen Gemeinden veröffentlicht – und die Ergebnisse sind alarmierend. Die Studie, die am 1. Mai 2026 erschienen ist, basiert auf einer Befragung von Führungspersönlichkeiten aus 102 jüdischen Gemeinden und Landesverbänden, die im März 2026 durchgeführt wurde. Das zentrale Ergebnis: Jüdinnen und Juden in Deutschland fühlen sich zunehmend unsicher – und erfahren gleichzeitig immer weniger Rückhalt aus der Gesellschaft.
Die erschreckendste Zahl aus der Studie: Nur noch 13 Prozent der befragten jüdischen Gemeinden sehen eine gute Zukunft für jüdisches Leben in Deutschland. Diese Zahl spiegelt eine tiefe Verunsicherung wider, die seit dem Hamas-Massaker in Israel am 7. Oktober 2023 und dem daraufhin entbrannten Nahost-Konflikt nicht mehr abgeklungen ist. Demonstrationen in Deutschland, antisemitische Vorfälle und eine wachsende gesellschaftliche Gleichgültigkeit haben das Sicherheitsgefühl jüdischer Menschen in Deutschland nachhaltig erschüttert.
68 Prozent der befragten Gemeinden gaben an, dass sie sich seit dem 7. Oktober 2023 unsicherer fühlen als zuvor. Dieser Wert ist zwar gegenüber dem Vorjahr leicht gesunken – in der Erhebung 2024 hatte er noch bei 82 Prozent gelegen – bleibt aber auf einem erschreckend hohen Niveau. Das bedeutet: Zwei von drei jüdischen Gemeinden in Deutschland erleben anhaltende Unsicherheit in ihrem Alltag.
Besonders gravierend ist der Rückgang der wahrgenommenen Solidarität. Im Jahr 2023, kurz nach dem Hamas-Angriff auf Israel, gaben noch 62 Prozent der Gemeinden an, Unterstützung aus der Zivilgesellschaft zu erfahren. Im aktuellen Lagebild 2026 ist dieser Wert auf nur noch 35 Prozent gesunken – beinahe halbiert innerhalb von drei Jahren. Die gesellschaftliche Anteilnahme, die unmittelbar nach dem 7. Oktober noch spürbar war, scheint verblasst zu sein.
Zentralratspräsident Josef Schuster kommentierte die Ergebnisse als untragbar: Es handele sich um eine Lage, in der jüdische Gemeinden dauerhaft geschützt werden müssten und Antisemitismus als Teil des öffentlichen Raums normalisiert worden sei. Diese Einschätzung deckt sich mit Beobachtungen, die auch andere gesellschaftliche Gruppen in Deutschland machen – etwa im Bereich religiöser Minderheiten. Dass die Bundeswehr erst jüngst erstmals muslimische Militärseelsorger eingeführt hat, zeigt die Komplexität religiöser Identitäten in Deutschland.
Neben dem subjektiven Unsicherheitsgefühl gibt es auch konkrete Vorfälle: 46 der 102 befragten Gemeinden – also fast jede zweite – berichteten von antisemitischen Vorfällen in den vergangenen zwölf Monaten. Diese Vorfälle reichen von Beschmierungen und Sachbeschädigungen über verbale Angriffe bis hin zu körperlichen Übergriffen. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen, da viele Vorfälle nicht zur Anzeige gebracht werden.
Erschreckend ist auch, wie viele Jüdinnen und Juden auf antisemitische Bedrohungen reagieren: Viele berichten, dass sie ihre jüdische Identität verheimlichen oder bewusst darauf verzichten, traditionelle jüdische Symbole wie die Kippa zu tragen. Ein Leben in Selbstzensur und Tarnung – in einem Land, das offiziell das Gedenken an den Holocaust als staatliche Pflicht verankert hat.
Das Lagebild 2026 stellt der deutschen Gesellschaft ein schlechtes Zeugnis aus. Wenn jüdische Menschen – deren Vorfahren die Shoa überlebt haben oder als Zuwanderer nach der Schoah nach Deutschland gekommen sind – das Land als immer unsicherer erleben, dann ist das kein randständiges Problem, sondern ein Kernproblem für das demokratische Selbstverständnis der Bundesrepublik.
Der Rückgang der gesellschaftlichen Solidarität ist dabei besonders besorgniserregend. Er könnte ein Zeichen dafür sein, dass die politische Debatte um den Nahost-Konflikt, um Migration und um die Sicherheitspolitik Deutschlands dazu beigetragen hat, die gesellschaftliche Empathie für jüdisches Leben in Deutschland zu erodieren. Eine Schule in Münster macht es vor, wie Begegnung wirken kann: Jugendliche aus Israel besuchten das Paulinum – solche Austauschprogramme sind ein wichtiger Baustein gegen Antisemitismus.
Auch politisch wurde die Studie aufgenommen: Mehrere Bundestagsabgeordnete forderten eine Verschärfung der Antisemitismus-Prävention und eine stärkere finanzielle Unterstützung jüdischer Gemeinden beim Schutz ihrer Einrichtungen. In vielen deutschen Städten und auch in Münster sind jüdische Einrichtungen seit Jahren mit umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen ausgestattet – was angesichts des aktuellen Lagebildes immer notwendiger erscheint.
Das Lagebild 2026 ist die dritte Ausgabe seiner Art. Erstmals wurde die Befragung 2023 durchgeführt, wenige Monate nach dem Hamas-Angriff, als die Erschütterung noch frisch war. Seitdem hat sich die Lage nicht verbessert – im Gegenteil: Zwar ist das akute Schockgefühl etwas abgeklungen, doch die strukturellen Probleme – mangelnde gesellschaftliche Solidarität, anhaltende antisemitische Vorfälle, fehlendes Sicherheitsgefühl – haben sich verfestigt.
Die Studie ist damit auch eine Warnung: Antisemitismus in Deutschland ist kein vorübergehendes Phänomen, das mit dem Ende eines Nachrichtenzyklus verschwindet. Er ist ein strukturelles Problem, das entschlossenes politisches und gesellschaftliches Handeln erfordert. Die Zahl von nur 13 Prozent jüdischer Gemeinden, die eine gute Zukunft sehen, sollte als Weckruf verstanden werden – für Politik, Medien und Gesellschaft gleichermaßen.
Quellen: Zentralrat der Juden in Deutschland (zentralratderjuden.de), t-online.de, Berliner Zeitung (berliner-zeitung.de), Euronews Deutschland (de.euronews.com)
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