Ostdeutschland holt kaum noch auf: Die wirtschaftliche Lücke zum Westen bleibt

Aktienhandel: Kurstafel mit Kursverläufen an der Börse
Quelle: Pixabay, sergeitokmakov

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Mehr als drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung hat Ostdeutschland einen großen Teil seines wirtschaftlichen Rückstands aufgeholt. In den vergangenen Jahren ist die Annäherung an Westdeutschland allerdings nahezu zum Stillstand gekommen. Der aktuelle Einheitsindex des Instituts der deutschen Wirtschaft, kurz IW, sieht die fünf ostdeutschen Flächenländer 2025 bei knapp 79 Prozent des westdeutschen Niveaus. Seit 2020 bewegt sich der Wert nur noch zwischen 78 und 79 Prozent.

Der Index ist breiter angelegt als ein Vergleich der reinen Wirtschaftsleistung. Er berücksichtigt neben dem Bruttoinlandsprodukt je Einwohner unter anderem Produktivität, Kapitalausstattung, Forschungs- und Entwicklungspersonal, Erwerbsbeteiligung, Arbeitslosigkeit und Selbstständigkeit. 1991 lag dieser Wert nach IW-Angaben noch bei rund 51 Prozent des Westniveaus.

Produktivitätslücke bleibt trotz jahrzehntelangem Aufholen

Auch amtliche Wirtschaftsdaten zeigen, dass weiterhin ein deutlicher Abstand besteht. Aus den Länderwerten des Arbeitskreises Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen ergibt sich für 2025 in den fünf ostdeutschen Flächenländern ein nominales Bruttoinlandsprodukt von rechnerisch rund 40.300 Euro je Einwohner. In den westdeutschen Ländern ohne Berlin waren es etwa 55.700 Euro. Damit erreicht der Osten bei dieser Kennzahl rund 72 Prozent des westdeutschen Niveaus.

Bei der Wirtschaftsleistung je Erwerbstätigen ist der Abstand kleiner. Auf Basis der amtlichen Länderwerte ergibt sich für 2025 eine Größenordnung von rund 84.000 Euro je Erwerbstätigen im Osten und gut 99.000 Euro im Westen. Der Osten kommt damit auf etwa 85 Prozent. Das entspricht einer Produktivitätslücke von rund 15 Prozent.

Fehlende Konzernzentralen wirken bis in Forschung und Löhne

IW-Ökonom Klaus-Heiner Röhl sieht einen Teil der Erklärung in der Wirtschaftsstruktur. In Ostdeutschland gibt es weniger große Unternehmen und Unternehmenszentralen. Gerade dort entstehen jedoch häufig hochproduktive Tätigkeiten in Unternehmensführung, Forschung, Entwicklung und anderen wissensintensiven Bereichen. Frühere IW-Analysen führen die geringe Zahl großer Mittelständler und von Konzernzentralen ausdrücklich als Hemmnis für den weiteren Aufholprozess an.

Der aktuelle IW-Einheitsindex macht die Folgen besonders beim Forschungspersonal sichtbar. Beim Personal in Forschung und Entwicklung erreichen die ostdeutschen Flächenländer demnach nur gut 46 Prozent des Westniveaus. Universitäten und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen schneiden deutlich besser ab. Der Rückstand konzentriert sich vor allem auf die Forschung innerhalb von Unternehmen.

Auch bei den Löhnen bleibt der Abstand deutlich

Die unterschiedliche Wirtschaftsstruktur zeigt sich weiterhin bei den Einkommen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lag der Median des Bruttojahresverdienstes von Vollzeitbeschäftigten 2025 in den östlichen Bundesländern ohne Berlin bei 46.013 Euro. In den westlichen Bundesländern waren es 55.435 Euro. Die Differenz lag damit bei 9.422 Euro im Jahr. Der ostdeutsche Median erreichte rund 83 Prozent des westdeutschen Wertes.

Langfristig ist die Lohnlücke erheblich kleiner geworden. Destatis hatte für 2024 bei den durchschnittlichen Bruttomonatsverdiensten von Vollzeitbeschäftigten 3.973 Euro im Osten und 4.810 Euro im Westen ausgewiesen. Anfang der 1990er-Jahre war der relative Abstand noch wesentlich größer. Vollständig verschwunden ist er jedoch nicht.

Fachkräftemangel verschärft das strukturelle Problem

Ein weiterer Faktor ist die Demografie. Das Durchschnittsalter lag 2025 in Ostdeutschland ohne Berlin bei 47,8 Jahren, im Westen bei 44,6 Jahren. In den fünf ostdeutschen Flächenländern lebten zusammen rund 12,35 Millionen Menschen. Die Altersstruktur erhöht den Druck auf den Arbeitsmarkt, weil in den kommenden Jahren besonders viele Beschäftigte das Rentenalter erreichen.

Das ifo Institut rechnet im Wettbewerbsreport Ostdeutschland 2026 damit, dass die Zahl der Menschen im Erwerbsalter im Osten bis 2035 um etwa sieben Prozent sinkt. Besonders stark könnte der Rückgang in Sachsen-Anhalt und Thüringen ausfallen. Das Institut sieht deshalb neben Investitionen vor allem qualifizierte Fachkräfte und stärkeren Technologietransfer als entscheidende Voraussetzungen für weiteres Wachstum.

Investitionen erreichen weiterhin nicht das Westniveau

Auch beim Kapitalaufbau ist der Abstand erheblich. Nach dem aktuellen IW-Einheitsindex lag der Kapitalstock je Einwohner 2025 bei gut 79 Prozent des Westniveaus. Bereits 2010 waren knapp 77 Prozent erreicht. In anderthalb Jahrzehnten ist die Lücke damit nur wenig kleiner geworden.

Das ifo Institut kommt bei den privaten Investitionen zu einem ähnlichen Befund. Zwischen 2019 und 2023 lagen die privaten Investitionen je Einwohner in Ostdeutschland bei gut drei Vierteln des Westniveaus. Werden Wohnungsbau und öffentliche Infrastruktur ausgeklammert, erreichten die Unternehmensinvestitionen nur etwa zwei Drittel des westdeutschen Wertes. Je Erwerbstätigen investierten Unternehmen im Osten rund ein Viertel weniger.

Die wirtschaftliche Landkarte verläuft nicht nur entlang der früheren Grenze

Trotz der Ost-West-Lücke unterscheiden sich die einzelnen Länder erheblich. 2025 erreichte Sachsen ein BIP von rund 41.700 Euro je Einwohner, Brandenburg rund 40.800 Euro und Mecklenburg-Vorpommern rund 40.500 Euro. Sachsen-Anhalt und Thüringen lagen jeweils bei rund 38.500 Euro. Auch westdeutsche Länder wie das Saarland mit rund 42.800 Euro lagen jedoch deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. Berlin kam dagegen auf gut 59.000 Euro je Einwohner.

Die jüngsten Konjunkturdaten zeigen ebenfalls kein einheitliches Ost-West-Muster. Im ersten Halbjahr 2026 wuchs die Wirtschaftsleistung preisbereinigt in Brandenburg um 1,4 Prozent und in Mecklenburg-Vorpommern um 1,0 Prozent. Sachsen verzeichnete dagegen ein Minus von 0,3 Prozent, Thüringen von 0,8 Prozent. Deutschland insgesamt kam auf ein Plus von 0,9 Prozent.

Bundesregierung setzt auf Investitionen, Forschung und Mittelstand

Der am 30. September vorgestellte Bericht der Ostbeauftragten der Bundesregierung setzt einen Schwerpunkt auf soziale Mobilität, greift aber auch die wirtschaftlichen Unterschiede auf. Die Bundesregierung nennt die Förderung strukturschwacher Regionen, von Start-ups, Forschungseinrichtungen und mittelständischen Unternehmen als zentrale Ansatzpunkte. Als Beispiel für neue industrielle Kerne verweist sie auf Investitionen in der Halbleiterindustrie in Dresden.

Die Zahlen zeigen damit zwei Entwicklungen gleichzeitig. Der wirtschaftliche Umbau Ostdeutschlands seit der Wiedervereinigung hat einen erheblichen Aufholprozess ermöglicht. Eine vollständige Angleichung ist daraus bislang jedoch nicht entstanden. Vor allem Produktivität, Unternehmensgröße, private Investitionen, Forschung und die demografische Entwicklung bestimmen zunehmend, ob sich die verbliebene Lücke in den kommenden Jahren noch schließen lässt.

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