
In Spanien wächst der Widerstand gegen hohe Mieten und die zunehmenden Schwierigkeiten beim Zugang zu bezahlbarem Wohnraum. Mehrere Gewerkschaften haben für den 11. November 2026 einen landesweiten Generalstreik angekündigt. Die Entscheidung fällt in eine politisch angespannte Zeit, wenige Wochen vor den vorgezogenen Parlamentswahlen. Zusätzliche Aufmerksamkeit erhält die Protestbewegung durch den Tod der 87-jährigen Maricarmen, die nach ihrer Zwangsräumung in Madrid zwei Wochen im Krankenhaus behandelt worden war. Ihr Schicksal hatte bereits zuvor Demonstrationen und politische Forderungen nach einem stärkeren Mieterschutz ausgelöst.
Der Generalstreik in Spanien soll am Mittwoch, 11. November, stattfinden und 24 Stunden dauern. Zu den beteiligten Organisationen gehören die beiden großen Gewerkschaftsverbände UGT und CCOO sowie die CGT, CO.BAS, Solidaridad Obrera und die spanische Mietervereinigung Confederación de Sindicatos de Inquilinas.
Die Gewerkschaften verlangen nicht nur wirksamere Maßnahmen gegen steigende Wohnkosten. Sie fordern auch höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und eine Begrenzung der Belastung durch steigende Verbraucherpreise.
UGT und CCOO haben ihren gemeinsamen Aufruf am 7. Oktober veröffentlicht. Darin verbinden sie die Wohnungsfrage ausdrücklich mit der wirtschaftlichen Situation von Arbeitnehmern. Die Organisationen argumentieren, dass selbst eine reguläre Beschäftigung für viele Menschen nicht mehr ausreiche, um bezahlbaren Wohnraum zu finden.
Besonders große Aufmerksamkeit hat der Fall der 87-jährigen Maricarmen ausgelöst. Die Frau hatte mehr als sieben Jahrzehnte in einer Mietwohnung im Madrider Stadtbezirk Retiro gelebt. Am 23. September wurde die gerichtliche Räumung der Wohnung vollzogen, obwohl sich zahlreiche Nachbarn und Aktivisten dagegen eingesetzt hatten.
Maricarmen wurde auf einer Trage aus dem Gebäude gebracht und anschließend in das Krankenhaus Gregorio Marañón eingeliefert. Dort starb sie am Mittwoch, 7. Oktober. Ihren Tod bestätigte die Mietervereinigung, die sie bei ihrem Einsatz gegen die Räumung unterstützt hatte.
Über die genaue medizinische Todesursache lagen zunächst keine gesicherten Angaben vor. Ein unmittelbarer ursächlicher Zusammenhang zwischen der Zwangsräumung und ihrem Tod war damit nicht unabhängig bestätigt.
Die Räumung hatte bereits Ende September eine größere Protestbewegung ausgelöst. In Madrid demonstrierten zahlreiche Menschen für einen stärkeren Schutz von Mietern. Eine Kundgebung führte zu einer Protestaktion mit Zelten auf der zentralen Puerta del Sol.
Auch in anderen spanischen Städten, darunter Barcelona, wurde gegen die Wohnungsnot demonstriert. Im Mittelpunkt standen Forderungen nach bezahlbaren Mieten, einem besseren Schutz vor Zwangsräumungen und einem größeren Angebot an Sozialwohnungen.
Nach dem Tod von Maricarmen erinnerten Vertreter der Mieterbewegung öffentlich an ihren Einsatz. Die Sprecherin Alicia del Río kritisierte bei einer Pressekonferenz am 7. Oktober die Folgen der Immobilienpreisentwicklung für finanziell belastete Haushalte.
Die Gewerkschaften wollen die bisherigen Demonstrationen nun durch einen landesweiten Arbeitskampf ergänzen.
Die Wohnungskrise ist inzwischen auch zu einem zentralen politischen Konflikt in Spanien geworden. Die Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez hatte Ende September zwei Eildekrete zur Wohnungspolitik verabschiedet. Sie sollten unter anderem den Mieterschutz verbessern und Zwangsräumungen besonders schutzbedürftiger Menschen begrenzen.
Am 2. Oktober scheiterten die Maßnahmen jedoch im spanischen Parlament. Kurz darauf kündigte Sánchez vorgezogene Parlamentswahlen für den 29. November an.
Die Regierung verabschiedete am 6. Oktober erneut zwei überarbeitete Dekrete. Eines davon sieht unter bestimmten Voraussetzungen vor, Räumungsverfahren gegen wirtschaftlich besonders gefährdete Haushalte ohne alternative Unterkunft auszusetzen. Außerdem enthält es Änderungen im Mietrecht und Maßnahmen zur Ausweitung bezahlbaren Wohnraums.
Über die neuen Regelungen soll die Ständige Deputation des spanischen Parlaments beraten. Eine Abstimmung ist für den 16. Oktober vorgesehen. Ob beide Dekrete dauerhaft Bestand haben, hängt von den parlamentarischen Mehrheiten ab.
Wie angespannt die Lage auf dem spanischen Wohnungsmarkt ist, verdeutlichen Zahlen des spanischen Jugendrates Consejo de la Juventud de España. Nach dessen im Mai 2026 veröffentlichtem Bericht lag die durchschnittliche Monatsmiete einer Wohnung bei 1.176 Euro.
Das entsprach 98,7 Prozent des durchschnittlichen Monatseinkommens einer jungen Person. Für viele junge Berufstätige ist es damit kaum möglich, allein eine Wohnung zu finanzieren, ohne fast das gesamte Einkommen für die Miete aufzuwenden.
Nach Angaben des Jugendrates lebten Ende 2025 lediglich 14,5 Prozent der 16- bis 29-Jährigen außerhalb des Elternhauses. Das war der niedrigste erfasste Wert. Das durchschnittliche Alter beim Auszug lag bei rund 30 Jahren.
Der Bericht zeigt außerdem, dass insbesondere junge Menschen in Mietwohnungen einem erhöhten Armutsrisiko ausgesetzt sind. Wohnkosten entwickeln sich damit zunehmend zu einer sozialen Belastung, die weit über die klassischen Probleme des Arbeitsmarktes hinausgeht.
Der geplante Arbeitskampf ist allerdings umstritten. Die spanischen Arbeitgeberverbände CEOE und CEPYME kritisieren, dass sich die Forderungen der Gewerkschaften vor allem an Regierung und Parlament richteten. Die Unternehmen könnten gesetzliche Regelungen zur Wohnungspolitik nicht selbst verändern.
Die Verbände äußerten deshalb Zweifel an der rechtlichen Einordnung des Streiks. Zugleich warnten sie vor wirtschaftlichen Folgen für Betriebe und Beschäftigte.
Eine abschließende rechtliche Bewertung lag zunächst nicht vor. Die Gewerkschaften müssen die formalen Anforderungen für einen landesweiten Streik erfüllen. Dazu gehört die rechtzeitige offizielle Ankündigung. Für wichtige öffentliche Dienstleistungen müssen außerdem Mindestleistungen geregelt werden.
Nicht alle Arbeitnehmerorganisationen unterstützen die Mobilisierung. Die Gewerkschaften CSIF und USO haben angekündigt, sich nicht an dem Streik zu beteiligen.
Der 11. November liegt nur 18 Tage vor der vorgezogenen Parlamentswahl und zwei Tage vor dem offiziellen Beginn des Wahlkampfes. Damit könnte die Wohnungsfrage zu einem der bestimmenden Themen der politischen Auseinandersetzung werden.
Es wäre der erste große landesweite Streik seit 2012, der gemeinsam von den beiden führenden Gewerkschaftsverbänden UGT und CCOO unterstützt wird. Wie viele Beschäftigte sich tatsächlich beteiligen und welche Auswirkungen der Arbeitskampf auf Verkehr, Verwaltung oder öffentliche Einrichtungen haben wird, lässt sich derzeit noch nicht absehen.
Für Spanien steht dabei mehr als eine einzelne wohnungspolitische Entscheidung auf dem Spiel. Im Mittelpunkt des Konflikts steht die Frage, wie die Regierung steigende Wohnkosten begrenzen und gleichzeitig ausreichend neuen Wohnraum schaffen kann.
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