
An den internationalen Finanzmärkten zeigt sich zum Wochenstart ein ungewöhnliches Bild: Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen bewegt sich in der Nähe des höchsten Niveaus seit 2002, während große amerikanische Technologiewerte weiter stark gefragt sind. Der Nasdaq 100 hatte am Freitag sogar einen neuen Rekordschluss erreicht. Der deutsche DAX hält mit dieser Entwicklung nicht Schritt und liegt weiterhin mehr als fünf Prozent unter seinem bisherigen Höchststand. Hinter der gegenläufigen Entwicklung stehen hohe Energiepreise und Inflationsrisiken auf der einen sowie Hoffnungen auf eine vorsichtigere US-Notenbank und anhaltende Erwartungen an den KI-Boom auf der anderen Seite.
Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe war am Donnerstag, 1. Oktober, bis auf rund 5,34 Prozent gestiegen. Reuters meldete den Stand am selben Tag um 11:17 Uhr UTC, entsprechend 13:17 Uhr MESZ, und bezeichnete ihn als höchsten Wert seit 2002. Nach Daten von Tradeweb lag die Rendite im Tagesverlauf zeitweise bei 5,344 Prozent. Am Montag hatte sie sich etwas von diesem Extrem entfernt: Dow Jones meldete am 5. Oktober um 12:18 Uhr britischer Zeit, 13:18 Uhr MESZ, einen Stand von 5,277 Prozent. Damit blieben die langfristigen Finanzierungskosten in den USA dennoch auf einem außergewöhnlich hohen Niveau.
Der Renditeanstieg ist Teil einer breiteren Bewegung an den internationalen Anleihemärkten. Reuters zufolge legte die US-Zehnjahresrendite allein im dritten Quartal um fast 0,9 Prozentpunkte zu, der stärkste Quartalsanstieg in diesem Jahrhundert. Auch Frankreich, Großbritannien und Japan verzeichneten zuletzt ungewöhnlich hohe langfristige Finanzierungskosten. Als Belastungsfaktoren gelten unter anderem Inflationsrisiken, hohe staatliche Kreditaufnahme und ein großes Angebot neuer Anleihen. Auch die Finanzierung milliardenschwerer Investitionen in KI-Rechenzentren erhöht das Kreditangebot am Kapitalmarkt.
Eine wichtige Rolle spielt weiterhin der Energiemarkt. Höhere Ölpreise können Transport-, Produktions- und Verbraucherpreise erhöhen und damit den Rückgang der Inflation erschweren. Die geopolitischen Spannungen rund um Iran und wichtige Transportwege im Nahen Osten hatten Brent zuvor über die Marke von 100 Dollar je Barrel getrieben. Zugleich sorgen inzwischen höhere Exporte aus der Region und zusätzliche Reserven für etwas Entlastung. Am Montag um 09:00 Uhr GMT lag Brent laut Reuters bei 102,30 Dollar je Barrel. US-Öl der Sorte WTI kostete zu diesem Zeitpunkt 90,62 Dollar.
Die G7-Staaten hatten vereinbart, insgesamt 100 Millionen Barrel Rohöl und Diesel aus Notfallreserven freizugeben. Gleichzeitig stiegen die Rohölexporte aus dem Nahen Osten zeitweise wieder über das Vorkriegsniveau. Das drückt kurzfristig auf die Preise. Die Lage bleibt allerdings volatil, weil mögliche Störungen der Infrastruktur und wichtiger Schifffahrtswege weiterhin Einfluss auf das Angebot haben können. Prognosen über die weitere Entwicklung des Ölpreises sind deshalb mit erheblicher Unsicherheit verbunden.
Entlastung für die Aktienmärkte kam zuletzt ausgerechnet vom amerikanischen Arbeitsmarkt. Im September entstanden außerhalb der Landwirtschaft lediglich 29.000 neue Stellen. Von Reuters befragte Ökonomen hatten im Mittel mit 90.000 gerechnet. Zudem wurden die Beschäftigungszahlen für Juli und August zusammen um 60.000 Stellen nach unten korrigiert. Die Arbeitslosenquote stieg von 4,1 auf 4,2 Prozent, während die durchschnittlichen Stundenlöhne im Jahresvergleich noch um 3,0 Prozent zunahmen.
Damit sanken die Erwartungen an eine weitere Zinserhöhung der Federal Reserve bereits im Oktober deutlich. Reuters bezifferte die vom Terminmarkt abgeleitete Wahrscheinlichkeit am Montag auf 18 Prozent, nachdem sie eine Woche zuvor noch bei 64 Prozent gelegen hatte. Ein Zinsschritt im Dezember war zu diesem Zeitpunkt dagegen weiterhin weitgehend eingepreist. Das ist keine Prognose für die Entscheidung der Fed. Die tatsächliche Geldpolitik hängt von weiteren Inflations-, Wachstums- und Arbeitsmarktdaten ab.
Normalerweise gelten stark steigende Anleiherenditen vor allem für hoch bewertete Wachstumsaktien als Belastung. Künftige Unternehmensgewinne werden bei höheren Zinsen rechnerisch weniger wert, während sichere Anleihen für Anleger relativ attraktiver werden. Dennoch erreichte der Nasdaq 100 am Freitag einen neuen Rekordschluss. Nach Daten von Nasdaq, die über Yahoo Finance mit Datenstand 2. Oktober, 17:15:59 Uhr EDT veröffentlicht wurden, schloss der Index bei 30.807,93 Punkten. Im Tagesverlauf waren sogar 31.017,53 Punkte erreicht worden.
Eine Erklärung für diese Widerstandskraft liegt in den weiterhin hohen Wachstumserwartungen für große Technologieunternehmen. Besonders Investitionen in künstliche Intelligenz und Rechenzentren stützen die Erwartungen an Umsatz und Gewinne einiger Schwergewichte. Reuters verweist darauf, dass starke Unternehmensergebnisse Aktien trotz der steigenden Anleiherenditen bislang stützen. Im frühen US-Handel am Montag legte der breiter gefasste Nasdaq Composite erneut etwa 0,5 Prozent zu. Die Entwicklung einzelner Technologiewerte oder Indizes erlaubt jedoch keine verlässliche Aussage über künftige Kursbewegungen.
In Frankfurt fällt das Bild deutlich zurückhaltender aus. Der DAX stand am Montag um 15:48 Uhr laut Kursdaten von tagesschau.de und Infront bei 25.218,12 Punkten und damit 0,05 Prozent unter dem vorherigen Schlussstand. Das bisherige Allzeithoch wird dort mit 26.618,70 Punkten ausgewiesen. Damit fehlten dem deutschen Leitindex zu diesem Zeitpunkt rund 5,3 Prozent bis zum Rekord.
Der Abstand zu den amerikanischen Technologieindizes hat mehrere Ursachen. Der DAX ist deutlich weniger stark von großen KI- und Plattformkonzernen geprägt. Zugleich lasten höhere Energiepreise stärker auf Teilen der europäischen Industrie. Hinzu kommen Sorgen über Staatsfinanzen in mehreren europäischen Ländern. Besonders Frankreich stand zuletzt im Mittelpunkt. Die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen näherte sich Ende vergangener Woche der Marke von fünf Prozent, während sich der Risikoaufschlag gegenüber deutschen Bundesanleihen deutlich ausweitete.
Seit Montag kommt politische Unsicherheit in Spanien hinzu. Ministerpräsident Pedro Sánchez kündigte offiziell vorgezogene Parlamentswahlen für Sonntag, 29. November 2026, an. Die spanische Regierung bestätigte den Termin nach der Entscheidung, die Cortes Generales aufzulösen. Die Neuwahl folgt auf politische Auseinandersetzungen um Reformen und die Mehrheitsverhältnisse im Parlament.
An den Märkten führte die Ankündigung allerdings nicht zu einem allgemeinen Ausverkauf spanischer Aktien. Reuters zufolge legten spanische Aktien am Montag zeitweise sogar um rund 0,9 Prozent zu. Die Wahl ist damit vor allem Teil eines größeren europäischen Risikobildes aus politischen Unsicherheiten, hohen Staatsschulden und steigenden Finanzierungskosten. Für die amerikanischen Anleiherenditen sind dagegen vor allem US-Inflation, Energiepreise, Staatsfinanzen, das Anleiheangebot und die Erwartungen an die Federal Reserve maßgeblich.
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