
Frauenhass bei jungen Männern entsteht nicht erst in radikalen Onlineforen. Häufig beginnt der Kontakt mit scheinbar harmlosen Videos über Fitness, Erfolg, Dating oder Selbstoptimierung. Über soziale Netzwerke können Jugendliche anschließend auf Inhalte stoßen, die Frauen pauschal abwerten und Gleichberechtigung als Bedrohung darstellen. Eine aktuelle deutsche Studienreihe zeigt, wie eng soziale Medien, toxische Männerbilder und politische Einstellungen miteinander verbunden sein können.
Als Mannosphäre wird ein loses Netzwerk aus Influencern, Podcasts, Foren und Social-Media-Gruppen bezeichnet. Dazu gehören unter anderem sogenannte Red-Pill-Kanäle, Pick-up-Coaches, Männerrechtsaktivisten und Incel-Communitys. Die einzelnen Strömungen unterscheiden sich teilweise deutlich. Gemeinsam ist vielen Angeboten jedoch die Vorstellung, Männer würden durch Frauen, Feminismus oder gesellschaftliche Gleichstellung benachteiligt.
Frauen werden dabei häufig als berechnend, oberflächlich oder manipulativ beschrieben. Beziehungen erscheinen als Machtkampf, in dem Männer dominant auftreten müssten. Forschende des Institute for Strategic Dialogue fanden im deutschsprachigen Raum mehr als 350 Accounts, die der Mannosphäre zugerechnet werden können. Die verschiedenen Gruppen sind über gemeinsame Videos und gegenseitige Empfehlungen miteinander vernetzt.
Hinweise auf problematische Einstellungen liefert die 2026 vorgestellte Studienreihe „Soziale Medien, Geschlechterbilder und Werte“. Dafür wurden 705 deutschsprachige Jugendliche im Alter zwischen 13 und 18 Jahren befragt. Die Auswahl wurde unter anderem nach Geschlecht, Alter, Wohnort, Bildungsstand und Migrationshintergrund zusammengestellt.
Nach den Ergebnissen hatten 42 Prozent der befragten Jungen ein vollständig oder teilweise hierarchisches Geschlechterbild. Das bedeutet nicht, dass diese Jungen pauschal Frauen hassen. Die Antworten zeigten jedoch häufiger die Vorstellung, Männer und Frauen sollten unterschiedliche Aufgaben übernehmen oder Männer sollten in Familien mehr Entscheidungsmacht besitzen. Bei 58 Prozent der Jungen überwogen dagegen eher gleichberechtigte Vorstellungen.
Besonders auffällig war die Verbindung unterschiedlicher Einstellungen. Ein hierarchisches Geschlechterbild trat in der Untersuchung häufiger gemeinsam mit einer politisch rechten Selbstverortung, Skepsis gegenüber dem Klimawandel und einer ablehnenden Haltung gegenüber queeren Menschen auf.
Bei rund 26 Prozent der Jungen erkannten die Forschenden ein Bündel aus traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit und weiteren problematischen Positionen. Auch diese Zahl bedeutet nicht, dass jeder vierte Junge als frauenfeindlich oder extremistisch bezeichnet werden kann. Sie zeigt vielmehr, dass verschiedene Einstellungen bei einem Teil der Befragten gleichzeitig vorkamen. Die Forschenden sprechen deshalb von einem besorgniserregenden Weltbild, nicht von einer einheitlichen oder abgeschlossenen Radikalisierung.
Der Kontakt mit frauenfeindlichen Inhalten erfolgt häufig nicht über offen extremistische Videos. Nach der qualitativen Analyse der Studienreihe können Interessen wie Fitness, Luxusautos, Geld, Erfolg oder Dating den Ausgangspunkt bilden. Im weiteren Verlauf erscheinen dann Beiträge über angeblich dominante Alpha-Männer, traditionelle Geschlechterrollen oder vermeintliche Nachteile durch den Feminismus.
Solche Inhalte setzen häufig bei Einsamkeit, fehlender Anerkennung, Zurückweisungen oder schlechten Beziehungserfahrungen an. Komplexe persönliche Probleme werden dabei auf einfache Erklärungen reduziert. Schuld seien demnach Frauen, die moderne Gesellschaft oder die Gleichberechtigung. Die Mannosphäre bietet damit nicht nur ein Feindbild, sondern auch ein scheinbar klares Regelwerk für Erfolg und Männlichkeit.
Soziale Netzwerke spielen für Jugendliche eine zentrale Rolle bei der Information. Laut der IZI-Studienreihe nutzen 90 Prozent der Befragten soziale Medien, um sich über Themen zu informieren, die sie interessieren. 66 Prozent verfolgen dort auch Politik und Zeitgeschehen. 84 Prozent lesen Kommentare, um zu erfahren, wie andere Menschen über ein Thema denken.
Damit dienen Plattformen wie TikTok und Instagram nicht nur der Unterhaltung. Sie können auch Geschlechterbilder, politische Einstellungen und gesellschaftliche Vorstellungen beeinflussen. Die Studienautorinnen und Studienautoren weisen darauf hin, dass Jugendliche ihre Fähigkeit, Falschinformationen zu erkennen, teilweise überschätzen. Wiederholte Botschaften und emotionale Videos können deshalb stärker wirken, als den Nutzern bewusst ist.
Ein verbreitetes Motiv ist die sogenannte Red-Pill-Ideologie. Der Begriff beruht auf der Behauptung, Männer müssten erst eine verborgene Wahrheit über Frauen und die Gesellschaft erkennen. Gleichberechtigung wird dabei als System dargestellt, das Frauen bevorzuge und Männer zu Verlierern mache.
In einer ergänzenden Untersuchung testeten Forschende kurze Videos mit demokratischen und gleichberechtigten Gegenbotschaften. Unter politisch rechtsorientierten Jungen stimmten zunächst 50 Prozent der Aussage zu, Männer seien Opfer der Gleichberechtigung. Nach einem zwölf Sekunden langen Gegenclip waren es 43 Prozent. Die Forschenden betonen, dass daraus keine Aussagen über eine langfristige Wirkung abgeleitet werden können. Der Test deutet jedoch an, dass kurze, zielgruppengerechte Gegenimpulse Einstellungen zumindest vorübergehend beeinflussen können.
Zu den extremsten Bereichen der Mannosphäre gehören Incel-Gruppen. Der Begriff steht für unfreiwillige sexuelle Enthaltsamkeit. Einige Männer in diesen Communitys machen Frauen, Feminismus oder die freie Partnerwahl dafür verantwortlich, dass sie keine Beziehung oder sexuellen Kontakte haben.
In radikalen Foren werden daraus feste Feindbilder. Frauen werden abgewertet, Männern wird teilweise ein Anspruch auf Partnerschaft oder Sexualität zugesprochen. Hinzu können Gewaltfantasien, Rassismus, Antisemitismus und rechtsextreme Vorstellungen kommen. Einsamkeit oder fehlende Beziehungserfahrungen machen einen Mann jedoch nicht automatisch zum Incel. Entscheidend ist die ideologische Deutung, nach der Frauen oder die Gesellschaft für die eigene Situation verantwortlich gemacht werden.
Die Mannosphäre wird auch wegen möglicher Überschneidungen mit rechtsextremen Weltbildern untersucht. Antifeminismus kann dabei eine Brückenfunktion übernehmen. Aus persönlicher Frustration wird eine politische Erzählung, nach der traditionelle Geschlechterordnungen, nationale Identität und männliche Dominanz wiederhergestellt werden müssten.
An der Universität Osnabrück ist im Juni 2026 ein neues Forschungsprojekt zu diesem Themenfeld gestartet. Es soll untersuchen, warum die Mannosphäre für junge Männer attraktiv ist und welche Verbindungen zu rechtsextremen Ideologien und Gruppierungen bestehen. Abschließende Ergebnisse liegen noch nicht vor. Die Ankündigung des Projekts zeigt jedoch, dass Frauenhass bei jungen Männern zunehmend als gesellschaftliches und politisches Thema erforscht wird.
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