Behörden-Digitalisierung 2026: Nur 11 Prozent online – Deutschland erst 2045 digital

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Grzegorz Walczak

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Das Ergebnis ist ernüchternd: Lediglich 823 von 7.509 relevanten Verwaltungsleistungen stehen Bürgerinnen und Bürgern in Deutschland flächendeckend digital zur Verfügung. Das entspricht einem Anteil von gerade einmal elf Prozent. Das zeigt der aktuelle INSM-Behörden-Digimeter 2026, den das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) erstellt hat. Die Zahlen belegen: Bei der Behörden Digitalisierung Deutschland 2026 klafft eine erhebliche Lücke zwischen politischem Anspruch und digitalem Alltag.

Deutschland wird erst 2045 vollständig digital – wenn es so weitergeht

Besonders alarmierend ist die Hochrechnung der Forscher: Wenn die Digitalisierung der Verwaltung im bisherigen Tempo fortschreitet, wird Deutschland erst im Jahr 2045 vollständig digital aufgestellt sein. Damit würden fast zwei Jahrzehnte vergehen, bevor Bürgerinnen und Bürger alle Behördengänge online erledigen könnten. Zum Vergleich: In Ländern wie Estland oder Dänemark sind bereits über 80 Prozent der Verwaltungsleistungen digital verfügbar.

Erschwerend kommt hinzu, dass bisherige Erfolgsmeldungen der Politik auf einer irreführenden Messmethodik basierten. In früheren Auswertungen galt ein Leistungsbündel bereits dann als digitalisiert, wenn nur eine einzige Teilleistung online abrufbar war. Unter dieser alten Methodik wirkten die Zahlen deutlich besser, als sie tatsächlich waren. Der neue INSM-Digimeter legt erstmals eine deutlich strengere Messlatte an – und entlarvt damit das eigentliche Ausmaß des Rückstands.

Beim regionalen Vergleich zeigt sich, dass Nordrhein-Westfalen Hamburg inzwischen von Platz eins verdrängt hat und beim digitalen Verwaltungsangebot bundesweit führt. Das Schlusslicht bildet das Saarland, das bei der flächendeckenden Digitalisierung seiner Behördenleistungen besonders weit hinterherhinkt.

Was die Bundesregierung plant: Digitalminister Wildberger und seine Versprechen

Bundesdigitalminister Karsten Wildberger hat sich die Modernisierung des deutschen Staates zur Kernaufgabe gemacht. Seit seinem Amtsantritt spricht er davon, bei der Staatsmodernisierung brutal zu fokussieren und bürokratische Hürden systematisch abzubauen. Die Bundesregierung hat sich vorgenommen, insgesamt mehr als 200 Vorhaben zur Vereinfachung der Verwaltung auf den Weg zu bringen – von digitalen Ausweisdokumenten bis hin zu KI-gestützten Behördenservices.

Konkret sollen bis Ende 2026 jeweils fünf zentrale Verwaltungsleistungen in jedem Bundesland vollständig digital verfügbar sein. Dazu gehören unter anderem Führerscheinanträge, Online-Ummeldungen sowie die Beantragung von Aufenthaltsgenehmigungen. Begleitend ist das sogenannte EinfachMachen-Portal im Frühjahr 2026 gestartet, über das Bürgerinnen und Bürger direkt melden können, wo die Digitalisierung im Alltag noch hapert.

Für Anfang 2027 ist die Einführung der EUDI-Wallet geplant – einer digitalen Brieftasche, in der Personalausweis und Führerschein auf dem Smartphone gespeichert werden können und bei Kontrollen anerkannt werden. Ergänzend arbeitet Wildberger an einer bundesweiten Bürger-App, über die Anträge gestellt und Behördentermine gebucht werden können. Zusätzlich hat die Bundesregierung das Ziel ausgegeben, die Bürokratiekosten für Unternehmen um rund 16 Milliarden Euro zu senken.

Bürger skeptisch: Zwei Drittel sehen keinen Fortschritt

Trotz der ambitionierten Ankündigungen ist die Skepsis in der Bevölkerung groß. Laut aktuellen Umfragen nehmen 66 Prozent der Deutschen beim Bürokratieabbau keinen nennenswerten Fortschritt wahr. Nur vier Prozent der Befragten hatten das Gefühl, dass der bürokratische Aufwand in den vergangenen zwölf Monaten tatsächlich gesunken sei. Diese Wahrnehmung deckt sich mit den nüchternen Zahlen des INSM-Digimeters.

Ein kleiner Lichtblick kam am 23. April 2026: Der Bundestag verabschiedete eine Reform des öffentlichen Vergaberechts. Behörden dürfen künftig Aufträge bis zu einem Wert von 50.000 Euro direkt vergeben, ohne langwierige Ausschreibungsverfahren. Das soll vor allem kleinere Beschaffungen und die digitale Modernisierung in Kommunen beschleunigen. Ob diese Maßnahme ausreicht, um den strukturellen Rückstand aufzuholen, bleibt abzuwarten.

Der Haushalt für 2026 sieht erhebliche Investitionen in die digitale Infrastruktur vor. Kritiker bemängeln jedoch, dass fehlende Standards zwischen Bund, Ländern und Kommunen sowie eine fragmentierte IT-Landschaft die Digitalisierung strukturell bremsen. Auch auf kommunaler Ebene zeigen sich immer wieder die Grenzen der öffentlichen Verwaltung, wenn es um digitale Modernisierung und Haushaltsdisziplin geht.

Was bedeutet das für Bürger und Unternehmen?

Für die meisten Menschen in Deutschland heißt es vorerst: weiterhin persönlich zum Amt. Viele Behördengänge – von der Ummeldung über die Beantragung von Elterngeld bis hin zu Gewerbeanmeldungen – erfordern nach wie vor einen physischen Besuch oder das Verschicken von Papierdokumenten. Das kostet Zeit, Geld und Nerven – insbesondere für Selbstständige und Unternehmen, die auf schnelle Genehmigungsverfahren angewiesen sind.

Für Unternehmen ist der bürokratische Aufwand ein echter Standortnachteil. In einer Debatte um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands wird die träge Verwaltungsdigitalisierung regelmäßig als einer der zentralen Hemmschuhe genannt. Investoren und Fachkräfte aus dem Ausland stoßen auf Formulare, die ausgedruckt und per Post eingeschickt werden müssen – ein Bild, das kaum zu einem modernen Wirtschaftsstandort passt.

Die Zahlen des INSM-Digimeters 2026 sind ein Weckruf. Deutschland hat die Mittel, die politischen Versprechen und – mit der neuen EUDI-Wallet und der Bürger-App – auch die technologischen Bausteine für eine moderne Verwaltung. Was fehlt, ist die konsequente Umsetzung. Digitalminister Wildberger hat nun die Aufgabe, aus Ankündigungen messbare Fortschritte zu machen – damit Deutschland nicht wirklich bis 2045 warten muss.

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