
Münster. Welche Rolle spielten lokale Verwaltungen im deutschen Besatzungssystem während des Zweiten Weltkriegs? Mit dieser Frage beschäftigt sich am Dienstag, 2. Juni, eine öffentliche Veranstaltung der Universität Münster. Im Mittelpunkt steht das Buch „Polnische Bürgermeister und der Holocaust. Besatzung, Verwaltung und Kollaboration“ des Historikers Grzegorz Rossoliński-Liebe. Die Buchpräsentation beginnt um 18 Uhr in der Studiobühne am Domplatz 23. Der Eintritt ist frei.
Die Veranstaltung widmet sich einem historisch sensiblen und wissenschaftlich umstrittenen Thema: der Beteiligung nichtdeutscher Akteure an Verfolgung, Verwaltung und Gewalt im Nationalsozialismus. Organisiert wird der Abend von der Abteilung für Osteuropäische Geschichte der Universität Münster.
Rossoliński-Liebe befasst sich in seiner Studie mit polnischen Bürgermeistern im sogenannten Generalgouvernement, also jenem Teil des besetzten Polen, der während des Zweiten Weltkriegs unter deutscher Verwaltung stand. Die Bürgermeister gehörten dort zu einer wichtigen lokalen Beamtengruppe. Sie waren in die kommunale Verwaltung eingebunden und arbeiteten innerhalb eines Systems, das von der deutschen Besatzungsmacht kontrolliert wurde.
Auf Grundlage von Archivrecherchen zeichnet der Autor nach, wie einzelne Bürgermeister in diesen Verwaltungsstrukturen handelten. Dabei geht es auch um ihre Beteiligung an Maßnahmen, die zur Verfolgung und Ermordung polnischer und europäischer Jüdinnen und Juden beitrugen. Die Studie fragt damit nicht nur nach deutscher Herrschaft, sondern auch nach lokalen Handlungsspielräumen, Mitwirkung und Verantwortung.
Die Buchpräsentation ist zugleich als Podiumsgespräch angelegt. Neben Grzegorz Rossoliński-Liebe nehmen Thomas Köhler von der Villa ten Hompel und Dr. Markus Roth vom Fritz Bauer Institut an der Diskussion teil. Moderiert beziehungsweise begleitet wird die Veranstaltung von Prof. Dr. Ricarda Vulpius, Lehrstuhlinhaberin für Osteuropäische Geschichte an der Universität Münster.
Im Zentrum steht die Frage, wie Täterschaft von Nichtdeutschen in der Zeit des Nationalsozialismus historisch eingeordnet werden kann. Solche Debatten gelten als besonders sensibel, weil sie unterschiedliche Ebenen von Verantwortung berühren: die deutsche Besatzungsherrschaft, lokale Verwaltung, individuelle Handlungsmöglichkeiten und die Beteiligung nichtdeutscher Akteure an nationalsozialistischer Gewaltpolitik.
Das Buch hat über die Fachwissenschaft hinaus eine kontroverse Diskussion ausgelöst. International wurde die Arbeit als wichtiger Beitrag zur Erforschung nichtdeutscher Beteiligung am Holocaust gewürdigt. Zugleich stieß sie in Polen auf Kritik.
Kritiker werfen dem Autor unter anderem vor, die Verantwortung polnischer Bürgermeister mit jener nationalsozialistischer Täter gleichzusetzen oder das Generalgouvernement missverständlich als polnischen Staat zu deuten. Diese Einwände zeigen, wie politisch und erinnerungskulturell aufgeladen die Auseinandersetzung mit Kollaboration, Verwaltung und Täterschaft im besetzten Europa bis heute ist.
Die Buchpräsentation findet am Dienstag, 2. Juni, um 18 Uhr in der Studiobühne der Universität Münster am Domplatz 23 statt. Interessierte können ohne Eintritt teilnehmen. Die Veranstaltung richtet sich nicht nur an Fachpublikum, sondern auch an Menschen, die sich mit Erinnerungskultur, Holocaustforschung und der Geschichte des besetzten Osteuropas beschäftigen.
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