Messerattacke am Hamannplatz: Beschuldigter fiel schon Wochen zuvor auf

Vor der Messerattacke am Hamannplatz war der Beschuldigte bereits mehrfach aufgefallen. Händler berichten von früheren Problemen vor Ort.
Foto: Markus Spiske

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Münster. Zwölf Tage vor der Messerattacke am Hamannplatz war die Polizei bereits wegen desselben 40-Jährigen im Einsatz. Damals soll der Mann zunächst mit einem Stuhl und anschließend mit einem Krückstock auf einen anderen Mann losgegangen sein. Recherchen von ms-aktuell zeigen: Auch dieser Vorfall war nicht der erste. Innerhalb von rund fünf Jahren war der spätere Beschuldigte am Hamannplatz nach Polizeiangaben bereits mehrfach strafrechtlich in Erscheinung getreten. Gewerbetreibende berichten zudem von aggressivem Verhalten und länger bestehenden Problemen rund um den Platz. Die Polizei betont jedoch, dass es damals keine Hinweise auf eine Entwicklung hin zu einem schweren Gewaltdelikt gegeben habe.

Am 7. September, zwölf Tage nach dem Stuhlangriff, kam es am Hamannplatz zu der schweren Messerattacke. Vor einer Sportsbar soll der 40-Jährige mehrfach auf einen 62-jährigen Mann eingestochen haben. Als ein 74-Jähriger in die Auseinandersetzung eingriff, wurde auch er durch einen Messerstich verletzt. Gegen den 40-Jährigen erließ das Amtsgericht Münster anschließend Haftbefehl wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung sowie einer weiteren gefährlichen Körperverletzung. Der Beschuldigte befindet sich seitdem in Untersuchungshaft, die Ermittlungen dauern an.

Polizeieinsatz zwölf Tage vor der Messerattacke

Bereits am 26. August gegen 13.30 Uhr war die Polizei zu einer Bäckerei am Hamannplatz gerufen worden. Nach Angaben der Polizei war dort eine Person als Randalierer gemeldet worden, anschließend wurden Personalien festgestellt. Bei dem Mann handelte es sich um denselben 40-Jährigen, der später nach der Messerattacke in Untersuchungshaft kam. Einen Tag nach dem Einsatz erstattete ein Geschädigter Strafanzeige gegen ihn wegen des Verdachts der versuchten gefährlichen Körperverletzung und Beleidigung.

Der Mann schildert gegenüber ms-aktuell, der 40-Jährige sei zunächst mit einem Stuhl auf ihn losgegangen und habe ihn anschließend mit einem Krückstock attackiert. Eine Mitarbeiterin der angrenzenden Bäckerei habe daraufhin die Polizei verständigt. Das Ermittlungsverfahren zu diesem Vorfall dauert nach Angaben der Polizei weiterhin an.

Der Einsatz vom 26. August war nicht der erste strafrechtliche Vorgang des Beschuldigten am Hamannplatz. Innerhalb von rund fünf Jahren sei der 40-Jährige dort nach Polizeiangaben in insgesamt fünf Fällen strafrechtlich in Erscheinung getreten, unter anderem wegen Ladendiebstahls, Sachbeschädigung und Beleidigung. Drei Verfahren seien von der Staatsanwaltschaft eingestellt und eines angeklagt worden; zum Stand eines weiteren Vorgangs machte die Polizei keine näheren Angaben. Aus Art, Anzahl und zeitlichem Verlauf dieser Fälle hätten sich nach Einschätzung der Polizei jedoch keine Hinweise auf eine Entwicklung hin zu einem schwerwiegenden Gewaltdelikt ergeben. Konkrete Erkenntnisse darüber, dass der Mann bei einer Auseinandersetzung ein Messer oder andere gefährliche Gegenstände einsetzen könnte, hätten vor dem 7. September ebenfalls nicht vorgelegen.

Filialleiterin berichtet von Drohung und länger bestehenden Problemen

Die Filialleiterin der Bäckerei Schrunz schildert gegenüber ms-aktuell bereits länger bestehende Probleme am Hamannplatz. Nach ihrer Wahrnehmung habe sich die Situation in den vergangenen Monaten und Jahren deutlich verschlechtert. Sie berichtet unter anderem von aggressivem Verhalten und Drogenproblemen im Umfeld des Platzes, die sich auch auf den Geschäftsbetrieb und die Beschäftigten auswirkten.

Die Filialleiterin berichtet zudem von einer massiven Drohung durch den späteren Beschuldigten. Nachdem gegen ihn ein Hausverbot ausgesprochen worden sei, habe er dennoch versucht, die Filiale zu betreten. Dabei soll er ihr gesagt haben: „Das ist dein letzter Tag auf dieser Erde.“ Diese konkrete Äußerung habe sie damals allerdings nicht an die Polizei weitergegeben. Mit dem Polizeieinsatz vom 26. August sei sie ebenfalls unzufrieden gewesen: Nach ihrer Erinnerung sei keine ausführliche Aussage von ihr aufgenommen worden. Sie habe erwartet, dass die eingesetzten Beamten noch einmal in die Filiale kommen würden, stattdessen seien diese später weggefahren. Die Polizei hat sich zu diesem konkreten Ablauf bislang nicht im Einzelnen geäußert.

EDEKA und Apotheke berichten von Problemen am Hamannplatz

Ähnliche Erfahrungen schildert Herr Elbert, Marktleiter des EDEKA Rotthowe am Hamannplatz. Dort habe es bereits vor der Messerattacke Vorfälle gegeben, wegen derer sowohl die Polizei als auch der Kommunale Ordnungsdienst verständigt worden seien. Der spätere Beschuldigte sei nach seiner Wahrnehmung im Umfeld des Platzes zuvor durch problematisches Verhalten aufgefallen. Zugleich habe bei ihm der Eindruck bestanden, dass die Möglichkeiten zum Eingreifen begrenzt seien, solange kein konkreter Vorfall ein weitergehendes Einschreiten ermögliche.

In der Coerde-Apotheke wird die Situation auf dem Platz ebenfalls seit Längerem wahrgenommen. Katja Wontora-Tham berichtet gegenüber ms-aktuell, dass man als unmittelbar angrenzender Betrieb regelmäßig mitbekomme, was sich vor den Geschäften ereigne, und dass sich die Lage nach ihrer Wahrnehmung zuletzt wieder verschlechtert habe. Seit der Messerattacke nehme sie zwar eine stärkere Polizeipräsenz wahr, ihr persönliches Sicherheitsgefühl habe sich nach dem schweren Vorfall dennoch verändert. Gerade im Dunkeln würde sie sich derzeit unwohler fühlen als zuvor.

Kiewit hatte vor der Tat von Sorgen erfahren

Ralf Kiewit, Bezirksbürgermeister von Münster-Nord, hatte bereits vor dem 7. September von Sorgen rund um den Hamannplatz erfahren. Der Mann, der den Stuhlangriff vom 26. August schildert, hatte sich Ende August an die Bezirkspolitik gewandt. Kiewit antwortete am 3. September und kündigte an, sich selbst vor Ort ein Bild von der Situation zu machen.

Im Gespräch mit ms-aktuell erklärte Kiewit, ihm sei zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt gewesen, dass sich dort eine konkrete Person mit besonderem Gefahrenpotenzial aufhalte. Als Bezirksbürgermeister kann er selbst allerdings weder Polizeieinsätze noch Kontrollen des Ordnungsamtes anordnen. Die Bezirksvertretung kann Angelegenheiten des Stadtteils aufgreifen, Anregungen geben und gegenüber den zuständigen Stellen thematisieren; operative Maßnahmen der Gefahrenabwehr fallen nicht in ihre Zuständigkeit. Kiewit habe nach eigenen Angaben auf die Nachricht des Bürgers reagiert und den Austausch aufgenommen. Polizei und Ordnungsamt seien am Hamannplatz bereits zuvor vor Ort gewesen.

Polizei verstärkt nach Messerattacke Austausch in Coerde

Nach der Messerattacke hat die Polizei nach eigenen Angaben ihre Kontakte im Stadtteil intensiviert. Netzwerkpartner in Coerde seien angesprochen worden, der Bezirksdienst habe gezielt das Gespräch mit Bewohnerinnen und Bewohnern gesucht und sich deren Sorgen und Ängste angehört. Besonders eng sei derzeit der Austausch mit Kindern und Jugendlichen. Die Verunsicherung im Stadtteil sei groß, zumal sowohl der Beschuldigte als auch das Opfer vielen Menschen in Coerde bekannt seien.

Nach Einschätzung der Polizei hat sich die objektive Sicherheitslage in Coerde nicht signifikant verändert. Gleichzeitig sei das Unsicherheitsgefühl deutlich gestiegen. Deshalb werde fortlaufend geprüft, ob bestehende operative Maßnahmen angepasst oder erweitert werden sollten. Die Polizei wolle verstärkt auf Menschen im Stadtteil zugehen, Vertrauen aufbauen und mögliche problematische Entwicklungen möglichst früh erkennen.

Geldstreit soll Hintergrund der Messerattacke gewesen sein

Nach bisherigem Ermittlungsstand sollen Streitigkeiten zwischen dem 40-jährigen Beschuldigten und dem 62-jährigen Verletzten Hintergrund der Tat gewesen sein. Der Beschuldigte soll angenommen haben, dass ihm der 62-Jährige aufgrund eines angeblichen technischen Fehlers an einem Glücksspielautomaten Geld schulde. Wegen dieser Differenzen soll es am 7. September zunächst zu einem verbalen Streit vor der Sportsbar gekommen sein, der anschließend in eine körperliche Auseinandersetzung überging.

Was sich zwischen den beiden Männern bereits in den Wochen vor der Tat abgespielt hatte, ist weiterhin Gegenstand der Ermittlungen.

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