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Der Fall Carmen Kampa: Ein grausamer Mord im Norden Bremens

Carmen Kampa wird am 4. Januar 1954 geboren. Sie wächst in Vegesack, einem ländlichen Ortsteil von Bremen, auf.
Foto: Shah Safwan

Der Augenzeuge

Am 1. Mai 1971 um 23:26 Uhr sitzt ein 18-jähriger Druckereiarbeiter müde im Zug 4498 auf dem Weg nach Hause. Der junge Mann lässt seinen Blick aus dem Fenster schweifen, während der Zug den kleinen Bahnhof Oslebshausen in Bremen passiert. Gerade zieht der Zug an einigen Bäumen und Wiesen vorbei, als er plötzlich etwas bemerkt: eine junge Frau auf einem Grünstreifen, nur knapp 15 Meter unterhalb der Gleise, kämpft mit einem Mann und schreit laut um Hilfe.

Sofort springt der Druckereiarbeiter auf und hämmert gegen die Scheibe, doch der Zug fährt weiter und lässt die junge Frau und ihren Angreifer im Dunkeln zurück. An der nächsten Haltestelle alarmiert der junge Mann die Polizei, aber als diese kurz darauf die Gegend absucht, fehlt von der Frau jede Spur. Nur wenige Tage später taucht an der beschriebenen Stelle eine Frauenleiche auf: Carmen Kampa.

Das Opfer

Carmen Kampa wird am 4. Januar 1954 geboren. Sie wächst in Vegesack, einem ländlichen Ortsteil von Bremen, auf. Nach ihrem Schulabschluss beginnt sie als Verkäuferin in einem Schuhladen zu arbeiten. Vor kurzem hat sie sich von ihrem Freund getrennt und trifft sich oft mit ihren Freundinnen, um sich abzulenken. Die Freundinnen wohnen in Oslebshausen, wo sich auch die Jugenddiskothek „Mira Michi“ befindet.

Am Abend des 1. Mai 1971 ist Carmen mit ihren Freundinnen verabredet. Die Mädchen verbringen einen angenehmen Abend, tanzen und trinken ein wenig. Um 23 Uhr verabschiedet sich Carmen, da sie um Mitternacht zu Hause sein muss. Sie zieht ihre Jacke enger um sich, da der Wind kälter ist als erwartet, und macht sich auf den Weg zum Bahnhof.

Der Mord

Um 23:25 Uhr wird Frau Schuster aus dem Schlaf gerissen. Sie hört in der Nähe eine junge Frau schreien: „Bitte nicht, bitte nicht!“ Frau Schuster weckt ihren Mann, der die Schreie ebenfalls hört. Sie alarmieren die Polizei, die ihnen versichert, eine Streife vorbeizuschicken.

Zur gleichen Zeit fährt der Zug 4498 durch den Bahnhof. Der 18-jährige Druckereiarbeiter sieht die junge Frau mit einem Mann kämpfen. Die Frau schreit um Hilfe. Er hämmert gegen die Scheibe, doch der Zug fährt weiter. An der nächsten Station alarmiert er die Polizei. Vier Minuten später trifft die Streife am Grünstreifen ein, doch sie finden nichts Ungewöhnliches.

Am nächsten Tag sucht Carmens Vater nach ihr. Sie ist nicht nach Hause gekommen, was untypisch für sie ist. Zwei Tage später finden Polizisten ihre Leiche auf dem beschriebenen Grünstreifen. Ihr Rock ist hochgeschoben, sie ist nackt. Die Obduktion ergibt, dass sie vergewaltigt und erwürgt wurde. Anschließend wurde ihr in den Hals gestochen. Ihre Handtasche, ihr Armband und ihre Goldkette fehlen.

Die Ermittlungen

Die Polizei sicherte am Tatort über 1000 Spuren und befragte zahlreiche Zeugen, doch der Fall wurde immer komplexer. Viele Zeugen widersprachen sich oder gaben unterschiedliche Angaben. Die Ermittler hatten Mühe, glaubwürdige von unglaubwürdigen Aussagen zu unterscheiden. Dennoch versuchte die Polizei unermüdlich, Hinweise und Verdächtige zu finden.

Eine der ersten Spuren führte in ein nahegelegenes Gasthaus. Die Wirtin erzählte, dass ein betrunkener Gast in der Nacht des Mordes dort war und später nicht zurückkehrte, um seinen Autoschlüssel abzuholen. Die Polizei identifizierte den Gast als Otto Beck, einen 35-jährigen Mann aus Bremen, der homosexuell war. Obwohl Beck einige auffällige Verhaltensweisen zeigte, wie etwa das Verlassen des Gasthauses ohne zu zahlen, stimmten die Haare auf Carmens Kleidung nicht mit seiner DNA überein.

Die Polizei hielt Otto Beck dennoch für verdächtig, da er zunächst behauptet hatte, er habe keine Schreie gehört, obwohl er in der Nähe war. Später änderte er seine Aussage und sagte, er habe doch Schreie gehört, was die Polizei als Anzeichen seiner Schuld deutete. Otto Beck wurde in U-Haft genommen und schließlich wegen Mordes angeklagt. Die Verhandlung fand am 12. November 1974 statt und endete zwei Monate später mit einer Verurteilung zu 12 Jahren und drei Monaten Gefängnis.

Otto Becks Verteidiger, Heinrich Hannover, gab jedoch nicht auf. Er überprüfte die Akten und stieß dabei auf eine bisher nicht beachtete Spur: Helmut Harrynick, ein Kellner aus dem „Mira Michi“, der in der Tatnacht unentschuldigt fehlte. Mehrere Zeugen hatten zudem ausgesagt, dass Harrynick damit geprahlt habe, Carmen getroffen zu haben.

Harrynick wurde verhört, doch bestritt jegliche Beteiligung. Schließlich fand die Polizei, dass Beck nicht zweifelsfrei schuldig war, und er wurde am 28. November 1976 freigesprochen. Dennoch war die Identität von Carmens Mörder weiter unklar.

Neue Verdächtige

Im Jahr 2011 rollte ein neues Ermittlerteam den Fall erneut auf. Sie überprüften alle Akten und suchten nach neuen Ansatzpunkten. Eine der wichtigen Spuren waren die Haare, die an Carmens Kleidung gefunden wurden. Diese waren der Beweismittelvernichtung entgangen, da sie sich beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden befanden.

Ein weiteres wichtiges Indiz waren Carmens Schuhe. Am Tag ihres Todes trug sie schwarze Lackschuhe. Man ging bisher davon aus, dass Carmen freiwillig zu dem Grünstreifen gegangen war, um sich zu erleichtern. Allerdings hätte sie dafür über das Gleisbett einer gesperrten Zugstrecke gehen müssen. Doch an Carmens Schuhen fanden sich keinerlei Kratzer, was ungewöhnlich war.

Im April 2011 stellten die Ermittler den Ablauf nach. Mehrere Polizisten in Lackschuhen liefen vom Bahnsteig bis zu dem Grünstreifen, und alle Schuhe waren zerkratzt. Zudem fiel den Ermittlern auf, dass Carmens Leiche zwar auf dem gleichen Grünstreifen gefunden wurde, den der Druckereiarbeiter beschrieben hatte, aber rund 100 Meter entfernt vom Kampf. Der Fundort war vom Zug aus nicht einsehbar.

Eine neue Spur führte zu Hermann R., einem Wachmann, der für mehrere umliegende Firmen zuständig war. In der Tatnacht hatte er Dienst, doch er hatte die Stechuhr in einer der Firmen nicht betätigt. Hermann Er war bereits früher auffällig geworden, da er aus den Firmen, die er bewachen sollte, mehrfach gestohlen hatte. Bei einem Verhör gestand er, dass er die Zeiten auf den Uhren zurückdrehte, um während seines Dienstes zu Hause schlafen zu können.

Der Druckereiarbeiter identifizierte Hermann R. nicht als den Angreifer, da der Täter größer gewesen sei. Doch später wurde ein Stofftaschentuch in der Nähe des Tatorts gefunden, das laut Hermanns Frau ihm gehörte. An Carmens Kleidung gefundene Haare wurden nun mit der DNA von Hermanns Schwester verglichen und stimmten überein. Hermann R. war der Mörder von Carmen Kampa.

Leider war Hermann R. bereits 2003 verstorben, sodass er für seine grausame Tat nie zur Rechenschaft gezogen werden konnte.