VW unter Druck: Porsche SE fordert schnelleren Umbau

Ein multikulturelles Restaurant an der Wolbecker Straße in Münster schließt nach acht Jahren. Warum das Konzept endet – und wie es am Standort weitergeht.
Symbolbild: Evan Wise

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Der Streit um den Stellenabbau bei Volkswagen gewinnt unmittelbar nach dem Ende der Werksferien neue Schärfe. Die Porsche SE, über die die Familien Porsche und Piëch ihren maßgeblichen Einfluss auf Europas größten Autokonzern ausüben, fordert schnellere Entscheidungen beim Umbau. Überkapazitäten müssten verringert und Kostenstrukturen deutlich verbessert werden. Gleichzeitig kursieren deutlich weitergehende Sparpläne. Nach Medienberichten könnten weltweit bis zu 100.000 Arbeitsplätze betroffen sein. Diese Größenordnung ist jedoch weder beschlossen noch von Volkswagen bestätigt worden.

Porsche SE erhöht den Druck auf Volkswagen

Die Porsche SE stellte sich am Freitag deutlich hinter den Reformkurs des Volkswagen-Vorstands. Vorstandschef Hans Dieter Pötsch machte bei der Vorstellung der Halbjahreszahlen der Beteiligungsholding deutlich, dass aus Sicht des Großaktionärs Entscheidungen nicht weiter hinausgeschoben werden sollten. Finanzvorstand Johannes Lattwein erklärte ebenfalls, dass Überkapazitäten abgebaut und Kostenstrukturen substanziell zurückgeführt werden müssten.

Der Zeitpunkt ist bemerkenswert. Die Porsche SE meldete für die ersten sechs Monate 2026 einschließlich Wertberichtigungen einen Verlust nach Steuern von rund 2,2 Milliarden Euro. Ein wesentlicher Grund waren milliardenschwere Abschreibungen auf die Beteiligungen an Volkswagen und Porsche. Bereinigt um diese Effekte erzielte die Holding dagegen ein Ergebnis nach Steuern von 949 Millionen Euro. Damit hat die Entwicklung bei Volkswagen unmittelbare finanzielle Auswirkungen auf den wichtigsten Anteilseigner.

Bis zu 100.000 Stellen sind bislang nur ein Bericht

Besonders weitreichend sind Berichte über eine mögliche Verdoppelung des Stellenabbaus. Demnach könnten im Volkswagen-Konzern weltweit bis zu 100.000 Arbeitsplätze wegfallen. Reuters berichtet von Überlegungen für rund 50.000 zusätzliche Stellen sowie von möglichen Schließungen von vier deutschen Werken. Volkswagen selbst hat eine solche Größenordnung bislang nicht bestätigt.

Das ist von den bereits vereinbarten Maßnahmen klar zu unterscheiden. Volkswagen, IG Metall und Betriebsrat hatten sich Ende 2024 mit der Vereinbarung „Zukunft Volkswagen“ darauf verständigt, die Belegschaft der Volkswagen AG an den deutschen Standorten bis 2030 sozialverträglich um mehr als 35.000 Stellen zu reduzieren. Betriebsbedingte Kündigungen sollen dabei vermieden werden. Zugleich wurde eine Verringerung der Produktionskapazität in Deutschland vereinbart. Diese Beschlüsse gelten weiterhin. Ein zusätzliches Programm mit insgesamt 100.000 Stellen ist dagegen bislang keine beschlossene Maßnahme.

Emden und Hannover werden genannt, Osnabrück hat Sonderrolle

Bei möglichen weiteren Einschnitten tauchen mehrere deutsche Produktionsstandorte auf. In Berichten über die jüngsten Konzernüberlegungen werden insbesondere die Volkswagen-Werke in Emden, Hannover und Zwickau sowie das Audi-Werk Neckarsulm genannt. Über deren Schließung gibt es jedoch keinen Beschluss. Volkswagen machte nach der Aufsichtsratssitzung vom 9. Juli keine konkreten Angaben zu Werksschließungen oder zusätzlichen Stellenstreichungen.

Osnabrück befindet sich in einer anderen Situation. Dort läuft die klassische Fahrzeugproduktion nach der bisherigen Planung 2027 aus. Volkswagen sucht bereits nach einer langfristigen Perspektive für den Standort mit rund 2.000 Beschäftigten. Die Fertigung des T-Roc Cabrio wird zurückgefahren. Über eine künftige Nutzung des Werkes soll nach bisherigen Angaben bis Ende des Jahres Klarheit geschaffen werden. Osnabrück gehört deshalb zu den besonders sensiblen Standorten, ist aber nicht mit den vier Werken gleichzusetzen, die in Berichten über neue mögliche Schließungen genannt werden.

IG Metall und Betriebsrat stellen sich gegen weitere Einschnitte

Auf Arbeitnehmerseite ist der Widerstand deutlich. IG Metall und Volkswagen-Betriebsrat hatten bereits Ende Juni gemeinsam erklärt, Berichte über einen Abbau von bis zu 100.000 Stellen, mögliche Werksschließungen und Veränderungen an den Mitbestimmungsstrukturen verunsicherten Beschäftigte und Standortregionen. Weitere Angriffe auf Standorte und Mitbestimmung wollen Arbeitnehmervertreter verhindern.

Betriebsratschefin Daniela Cavallo hatte nach der Aufsichtsratssitzung im Juli mehr Klarheit vom Vorstand verlangt. Auch die IG Metall machte deutlich, dass sie zusätzliche Werksschließungen nicht akzeptieren werde. Ende August sind konzernweit Betriebsversammlungen vorgesehen. Damit dürfte der Konflikt nach dem am 7. August beendeten Werksurlaub in Wolfsburg erneut stärker in den Vordergrund rücken.

Niedersachsen kann bei Werksschließungen entscheidend werden

Eine Schlüsselrolle spielt das Land Niedersachsen. Es hält rund 20 Prozent der Stimmrechte bei Volkswagen und verfügt aufgrund der besonderen Unternehmensstruktur und des VW-Gesetzes bei wichtigen Entscheidungen über erheblichen Einfluss. Ministerpräsident Olaf Lies und seine Stellvertreterin Julia Willie Hamburg vertreten das Land im Aufsichtsrat.

Die Landesregierung hat sich ausdrücklich gegen Werksschließungen ausgesprochen. Lies erklärte nach der Sitzung vom 9. Juli, das Schließen von Werken sei kein Zukunftskonzept. Niedersachsen fordert stattdessen Perspektiven für die bestehenden Standorte. Das ist für die Umsetzung weitergehender Umbaupläne entscheidend. Nach Reuters-Informationen stimmten Arbeitnehmervertreter und Niedersachsen bei der Juli-Sitzung gegen die damals vorgelegten weitergehenden Pläne. Eine endgültige Entscheidung fiel nicht. Die nächste reguläre Auseinandersetzung im Aufsichtsrat wird nach Informationen der Nachrichtenagentur Anfang September erwartet.

Volkswagens Halbjahreszahlen zeigen den Kostendruck

Der wirtschaftliche Hintergrund des Streits zeigt sich in den Zahlen für das erste Halbjahr 2026. Volkswagen erzielte Umsatzerlöse von 158,1 Milliarden Euro und lag damit nahezu auf dem Vorjahresniveau von 158,4 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis sank jedoch um 11,6 Prozent von 6,7 auf 5,9 Milliarden Euro. Die operative Umsatzrendite erreichte lediglich 3,8 Prozent.

Auch der Fahrzeugabsatz ging zurück. Volkswagen setzte im ersten Halbjahr rund vier Millionen Fahrzeuge ab, 8,4 Prozent weniger als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Positiv entwickelte sich dagegen der Netto-Cashflow im Konzernbereich Automobile, der 3,2 Milliarden Euro erreichte. Konzernweit beschäftigt die Volkswagen Group nach aktuellen Unternehmensangaben rund 663.000 Menschen. Vorstand und Finanzführung sehen trotz laufender Kostensenkungen weiteren strukturellen Handlungsbedarf.

Neues Entgeltsystem betrifft die Tarifbeschäftigten

Parallel zum Streit über Werke und Personal läuft ein bereits länger vereinbarter Umbau des Entgeltsystems. Volkswagen und IG Metall arbeiten seit 2025 an einer neuen Struktur, die zum 1. Januar 2027 gelten soll. Das bisher historisch gewachsene System mit Tausenden Arbeitssystemen und der traditionellen Trennung zwischen Lohn und Gehalt soll durch einen gemeinsamen Funktionskatalog ersetzt werden.

Entscheidend für die Eingruppierung sollen künftig unter anderem Qualifikation, Schwierigkeit einer Tätigkeit, Verantwortung und Entscheidungsspielräume sein. Nach Angaben der IG Metall sollen Beschäftigte durch die Umstellung beim tariflichen Monatsentgelt nicht schlechter gestellt werden. Das System betrifft die Tarifbeschäftigten der Volkswagen AG sowie weitere einbezogene Konzerngesellschaften und Standorte. Die Entgeltreform ist damit ein beschlossener Bestandteil des früheren Tarifkompromisses und keine Folge der aktuell diskutierten zusätzlichen Sparpläne.

Auch das Amerika-Geschäft soll neu aufgestellt werden

Der Umbau beschränkt sich nicht auf Deutschland. Nach Informationen von Reuters plant Volkswagen auch eine Neuausrichtung seines Geschäfts in den USA. Der bisherige Audi-Vertriebsvorstand Marco Schubert soll demnach die Führung des US-Geschäfts übernehmen und Kjell Gruner ablösen. Volkswagen selbst lehnte gegenüber der Nachrichtenagentur zunächst einen Kommentar zu diesen Personalplänen ab. Die Personalie war damit am Samstag noch nicht offiziell vom Konzern bestätigt.

Zudem soll Volkswagen nach diesen Informationen einen eigenen Pickup für den nordamerikanischen Markt vorbereiten. Das Fahrzeug soll vor Ende des Jahrzehnts auf den Markt kommen und in den USA produziert werden. Noch offen sei, ob Volkswagen das Modell allein entwickelt oder mit einem Partner zusammenarbeitet. Als mögliche Option gilt wegen bestehender Kooperationen Ford. Auch hierzu sind wesentliche Details noch nicht beschlossen. Die Pläne zeigen jedoch, dass Volkswagen parallel zu Kostensenkungen in Europa versucht, sein Geschäft in wichtigen internationalen Märkten neu auszurichten.

Kampf um den nächsten Schritt beim VW-Umbau

Damit stehen sich bei Volkswagen mehrere Interessen gegenüber. Konzernführung und Porsche SE verlangen schnellere strukturelle Veränderungen und niedrigere Kosten. Betriebsrat und IG Metall wollen verhindern, dass die Beschäftigten über die bereits vereinbarten Einschnitte hinaus belastet werden. Niedersachsen unterstützt den Umbau grundsätzlich, stellt sich aber gegen Werksschließungen.

Fest beschlossen bleibt derzeit der sozialverträgliche Abbau von mehr als 35.000 Stellen bei der Volkswagen AG in Deutschland bis 2030. Zusätzliche 50.000 Arbeitsplätze, eine Gesamtgröße von bis zu 100.000 Stellen oder die Schließung weiterer Werke gehören dagegen zu bislang nicht bestätigten Umbauvarianten. Nach dem Ende der Werksferien dürfte sich der Konflikt deshalb zunehmend darum drehen, welche Teile des von der Konzernführung angestrebten Zukunftsplans tatsächlich eine Mehrheit im Aufsichtsrat erhalten.

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