Millionen Boomer-Häuser wechseln bald den Besitzer

Erbschaftsteuer vor dem Umbruch? Was sich für Erben ändern könnte
Deutschland belegt laut OECD Taxing Wages 2026 Rang 2 der höchsten Steuerlast.

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Der Babyboomer Immobilienmarkt Deutschland steht vor einem langfristigen Eigentümerwechsel, dessen erste Auswirkungen regional bereits sichtbar werden. Millionen Häuser und Wohnungen befinden sich heute in Händen der geburtenstarken Jahrgänge. Mit zunehmendem Alter werden Immobilien verkauft, übertragen oder vererbt. Von einer plötzlichen deutschlandweiten Schwemme kann 2026 allerdings keine Rede sein. Bundesweit haben sich die Kaufpreise zuletzt sogar wieder stabilisiert. Entscheidend wird vielmehr, wo die Immobilien stehen, wie groß die dortige Nachfrage ist und welchen energetischen Zustand die Gebäude haben.

Rund 4,8 Millionen Immobilien könnten betroffen sein

Eine im März 2026 veröffentlichte Auswertung der Immobilienplattform Jacasa kommt auf rund 4,8 Millionen Eigentumsimmobilien in Deutschland, die Babyboomern zugerechnet werden. Grundlage sind unter anderem Zensusdaten, regionale Eigentumsquoten, Altersstrukturen und Annahmen zur Wohneigentumsquote älterer Haushalte. Das entspricht nach dieser Modellrechnung ungefähr 32 Prozent des untersuchten Wohneigentums. Diese Zahl ist allerdings keine Prognose über 4,8 Millionen zusätzliche Verkaufsangebote.

Jacasa erwartet den eigentlichen demografischen Umbruch über einen Zeitraum von etwa zehn bis zwanzig Jahren und sieht einen Schwerpunkt des Eigentümerwechsels zwischen 2040 und 2050. Häuser können vorher verkauft werden, nach einem Todesfall auf Erben übergehen oder weiter innerhalb einer Familie genutzt werden. Die Berechnung zeigt deshalb vor allem das potenzielle Volumen des Generationenwechsels. Einen belastbaren Nachweis dafür, dass all diese Immobilien auf den freien Markt gelangen, gibt es nicht.

Osten und strukturschwache Regionen stehen stärker unter Druck

Die regionale Verteilung ist ausgesprochen ungleich. Besonders hohe geschätzte Babyboomer-Anteile am Wohneigentum weist Jacasa für Mecklenburg-Vorpommern mit 39,7 Prozent, Sachsen mit 39,5 Prozent, Brandenburg mit rund 37 Prozent, Sachsen-Anhalt mit 35,5 Prozent und Thüringen mit 34,9 Prozent aus. Auf Kreisebene erreicht die Uckermark in Brandenburg einen geschätzten Anteil von 47,7 Prozent. Auch der Ennepe-Ruhr-Kreis, Meißen, Recklinghausen und Saalfeld-Rudolstadt weisen hohe Werte auf.

Problematisch wird ein großes künftiges Angebot insbesondere dann, wenn gleichzeitig Bevölkerung und Haushaltsnachfrage schrumpfen. Das Institut der deutschen Wirtschaft sieht deshalb langfristig vor allem strukturschwache und peripher gelegene Regionen unter Druck. Gute Arbeitsmärkte, Infrastruktur und die Nähe zu wirtschaftsstarken Zentren können dagegen zusätzliche Immobilienangebote auffangen. Entscheidend ist damit weniger die einfache Unterscheidung zwischen Stadt und Land als die wirtschaftliche und demografische Perspektive eines Standortes.

In mehreren Regionen sinken die Preise schon heute

Ein bundesweiter Preisverfall ist bislang nicht festzustellen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lagen die Preise für Wohnimmobilien im ersten Quartal 2026 durchschnittlich 1,4 Prozent über dem entsprechenden Vorjahresquartal. Auch der Immobilienpreisindex des Verbands deutscher Pfandbriefbanken zeigte Anfang 2026 weiter steigende Wohnimmobilienpreise.

Regional sieht die Lage anders aus. Der Postbank Wohnatlas 2026, für den das HWWI die Preise von Bestandswohnungen in 400 Landkreisen und kreisfreien Städten ausgewertet hat, weist für 2025 nach Abzug der Inflation in Thüringen ein Minus von 5,2 Prozent aus. Auch Sachsen-Anhalt, Berlin, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein verzeichneten im Landesdurchschnitt reale Rückgänge. In Berlin sanken die Preise für Bestandswohnungen real um 1,24 Prozent, in Stuttgart um 1,37 Prozent.

Besonders deutlich waren die Rückgänge in einigen Ferienregionen. Im Landkreis Nordfriesland lagen Bestandswohnungen real 7,4 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Im Landkreis Aurich betrug das Minus 8,6 Prozent, in Miesbach 3,9 Prozent und in Garmisch-Partenkirchen 3,1 Prozent. Solche Bewegungen lassen sich jedoch nicht allein den Babyboomern zuschreiben. Zinsen, zuvor sehr hohe Kaufpreise, lokale Nachfrage und wirtschaftliche Entwicklung spielen ebenfalls eine Rolle.

Bis 2035 dürfte die Preisschere noch größer werden

Das Institut der deutschen Wirtschaft erwartet bis 2035 keinen bundesweiten Wertverlust. Sein Modell prognostiziert vielmehr einen Anstieg des bevölkerungsgewichteten Medianpreises von rund 3.000 Euro je Quadratmeter im Jahr 2025 auf etwa 4.100 Euro im Jahr 2035. Nach Abzug einer angenommenen Inflation von zwei Prozent entspräche das durchschnittlich rund 1,1 Prozent realem Preiswachstum pro Jahr. Das nominale Preisniveau des Zwischenhochs von 2022 könnte nach der IW-Modellrechnung bereits 2027 wieder erreicht werden.

Hinter diesem Durchschnitt verbergen sich allerdings erhebliche Unterschiede. In wirtschaftsstarken Metropolregionen, gut angebundenen Umlandkreisen und Teilen Süddeutschlands erwartet das IW weiteres Wachstum. Besonders schwache Kreise könnten dagegen bis 2035 real fast ein Fünftel an Wert verlieren. Genannt werden unter anderem der Erzgebirgskreis, die Vulkaneifel und Kronach. Der Postbank Wohnatlas kommt ebenfalls zu regional auseinanderlaufenden Ergebnissen. Für Sachsen-Anhalt werden bis 2035 durchschnittlich reale Rückgänge von rund 0,5 Prozent pro Jahr erwartet, für Thüringen 0,2 Prozent und für Sachsen 0,1 Prozent.

Alte Einfamilienhäuser treffen auf kleinere Haushalte

Gerade ältere Einfamilienhäuser können vom demografischen Wandel stärker betroffen sein. Viele dieser Gebäude wurden für Familien mit Kindern gebaut und verfügen über vergleichsweise große Wohnflächen und Grundstücke. Gleichzeitig nimmt der Anteil kleiner Haushalte zu. Ein großes Haus in einer dünn besiedelten Gemeinde trifft damit nicht zwangsläufig auf genügend junge Familien, die dort kaufen möchten.

In Großstädten und wirtschaftsstarken Umlandregionen ist das zusätzliche Angebot dagegen eher geeignet, bestehende Knappheiten zu lindern. Dort konkurrieren weiterhin zahlreiche Haushalte um begrenzten Wohnraum. Hinzu kommt, dass schwacher Neubau das Angebot in vielen Wachstumsregionen knapp hält. Eine Babyboomer-Immobilie in gut angebundener Lage kann deshalb eine völlig andere Preisentwicklung nehmen als ein vergleichbares Haus in einer Region mit Bevölkerungsverlust.

Energieklasse wird für alte Häuser zum zweiten Preisrisiko

Neben der Lage gewinnt der energetische Zustand erheblich an Bedeutung. Eine Immowelt-Auswertung vom März 2026 zeigt für Einfamilienhäuser mit der schlechtesten Effizienzklasse H durchschnittliche Angebotspreise rund 17 Prozent unter denen vergleichbarer Häuser der mittleren Klasse D. Häuser der Klasse A+ werden dagegen rund 15 Prozent höher angeboten. Zwischen A+ und H ergibt sich damit eine erhebliche Preisspanne.

Das Problem konzentriert sich stark auf Einfamilienhäuser. Nach einer weiteren Immowelt-Auswertung weisen 52 Prozent der 2025 angebotenen Häuser die Energieeffizienzklassen F bis H auf. Käufer berücksichtigen bei solchen Objekten mögliche Kosten für Dämmung, Fenster, Heiztechnik und weitere Modernisierungen zunehmend bereits bei ihren Geboten. Deshalb kann ein vermeintlich günstiger Kaufpreis durch einen hohen Investitionsbedarf relativiert werden.

Keine allgemeine Pflicht zur Komplettsanierung

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen haben sich Ende Juli 2026 verändert. Das neue Gebäudemodernisierungsgesetz hat das bisherige Gebäudeenergiegesetz abgelöst. Die frühere pauschale Vorgabe, wonach neue Heizungen grundsätzlich mindestens 65 Prozent erneuerbare Energien nutzen sollten, wurde gestrichen. Eigentümer können wieder breiter zwischen unterschiedlichen Heiztechnologien wählen.

Eine allgemeine Verpflichtung, ein gekauftes älteres Haus vollständig energetisch zu sanieren, besteht auch nach der Reform nicht. Einzelne Anforderungen an den Gebäudebestand und Nachrüstungen bleiben jedoch bestehen. Für Käufer ist deshalb eine Prüfung von Energieausweis, Dach und oberster Geschossdecke, Leitungen, Heiztechnik, Fenstern und Gebäudehülle weiterhin wichtig. Zudem können langfristige Brennstoffkosten und kommende Anforderungen an klimaneutrale Energieträger die Wirtschaftlichkeit einer Immobilie beeinflussen.

Erbschaften beschleunigen den Generationenwechsel

Der Übergang von Immobilienvermögen auf jüngere Generationen ist bereits ein erheblicher wirtschaftlicher Faktor. Nach Daten des Statistischen Bundesamtes wurden 2024 allein bei steuerlich erfassten Schenkungen rund 27,4 Milliarden Euro Grundvermögen übertragen. Für Erbschaften und Schenkungen zusammen lag das steuerlich erfasste Immobilienvolumen ebenfalls in einer Größenordnung von vielen Milliarden Euro.

Diese Statistik bildet allerdings nicht sämtliche Erbfälle vollständig ab, weil steuerliche Freibeträge und unterschiedliche Veranlagungen eine Rolle spielen. Klar ist dennoch: Immobilien gehören zu den zentralen Vermögenswerten beim Generationenwechsel. Erben können ein Haus selbst beziehen, vermieten oder verkaufen. Besonders wenn mehrere Erben beteiligt sind, das Gebäude weit vom eigenen Wohnort entfernt liegt oder hohe Modernisierungskosten anstehen, kann ein Verkauf wirtschaftlich attraktiver werden.

Was Käufer 2026 und 2027 beachten sollten

Für Kaufinteressenten entstehen vor allem in schwächer nachgefragten Regionen neue Verhandlungsmöglichkeiten. Ein niedriger Quadratmeterpreis allein sollte jedoch nicht ausschlaggebend sein. Entscheidend sind Bevölkerungsentwicklung, Arbeitsmarkt, Verkehrsanbindung, Leerstand, Wiederverkaufsmöglichkeiten und der konkrete Sanierungsbedarf. Gerade bei Häusern schlechter Energieklassen kann der Modernisierungsaufwand einen beträchtlichen Teil des vermeintlichen Preisvorteils aufzehren.

In Wachstumsregionen spricht derzeit wenig für die Erwartung eines großen Preissturzes durch Babyboomer-Verkäufe. Dort wirken Wohnraummangel und schwacher Neubau weiterhin preisstabilisierend. 2026 und 2027 dürfte der Markt deshalb stärker auseinanderdriften. Käufer können in manchen Regionen deutlich bessere Konditionen finden, während gefragte Städte und ihr Umland teuer bleiben.

Verkäufer sollten Lage und Zustand stärker berücksichtigen

Für Eigentümer älterer Häuser wird eine realistische Bewertung wichtiger. Preise aus den Hochphasen der Niedrigzinsjahre lassen sich nicht automatisch auf den heutigen Markt übertragen. Bei energetisch schwachen Gebäuden und in schrumpfenden Regionen dürfte der Wettbewerb mit ähnlichen Angeboten im Laufe des demografischen Eigentümerwechsels eher zunehmen.

Umgekehrt besteht kein Grund für die Annahme, dass Babyboomer ihre Häuser nun möglichst schnell verkaufen müssten. In wirtschaftsstarken Regionen kann knappes Angebot weiterhin hohe Preise stützen. Der deutsche Immobilienmarkt entwickelt sich damit nicht zu einem einheitlichen Käufermarkt. Stattdessen gewinnt eine alte Grundregel noch stärker an Bedeutung: Über den Wert einer Immobilie entscheiden zunehmend Standort, Nachfrage und Qualität des Gebäudes gemeinsam.

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