
Eine neue wissenschaftliche Untersuchung zeichnet ein deutlich verändertes Bild von der Bevölkerungsgröße Australiens vor Beginn der britischen Kolonisierung. Demnach lebten im Jahr 1788 wahrscheinlich rund 2,22 Millionen indigene Menschen auf dem Kontinent. Die indigene Bevölkerung Australiens vor 1788 wäre damit wesentlich größer gewesen als in vielen älteren Schätzungen angenommen. Das Forschungsteam errechnete für seine zentrale Schätzung eine Größenordnung von etwa einer bis vier Millionen Menschen.
Die Untersuchung stammt von einem 15-köpfigen Forschungsteam um Alan N. Williams und Corey J. A. Bradshaw. Beteiligt waren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener australischer Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Veröffentlicht wurde die Arbeit in der Fachzeitschrift Nature Human Behaviour.
Die Forscher versuchten, die Bevölkerungsgröße nicht hauptsächlich aus frühen kolonialen Aufzeichnungen abzuleiten. Solche Dokumente entstanden vielfach erst, nachdem Krankheiten, Vertreibung und gewaltsame Konflikte bereits erhebliche Auswirkungen auf indigene Gemeinschaften gehabt hatten. Hinzu kommt, dass es im 18. und 19. Jahrhundert keine flächendeckende und systematische Erfassung der indigenen Bevölkerung Australiens gab.
Stattdessen nutzte das Team mehrere voneinander unabhängige Ansätze. Einer davon rekonstruierte langfristige Bevölkerungsveränderungen anhand von mehr als 5.000 archäologischen Radiokarbondatierungen. Ein zweiter Ansatz griff auf genetische Daten zurück, aus denen sich frühere effektive Populationsgrößen abschätzen lassen. Zusätzlich modellierten die Forscher, wie viele Menschen die unterschiedlichen australischen Landschaften auf Grundlage ihrer ökologischen Produktivität ernähren konnten.
Die verschiedenen Verfahren beruhen auf unterschiedlichen Annahmen und sind jeweils mit Unsicherheiten verbunden. Ihre Ergebnisse lagen nach Angaben der Autoren jedoch in vergleichbaren Größenordnungen. Aus den modellierten und genetisch gestützten Rekonstruktionen ergab sich eine mittlere Schätzung von 2,22 Millionen Menschen. Das entspricht rechnerisch rund 0,29 Menschen je Quadratkilometer.
Über viele Jahrzehnte prägte eine deutlich niedrigere Zahl die historische Einordnung. Der Anthropologe Alfred Reginald Radcliffe-Brown veröffentlichte 1930 eine Schätzung von mindestens etwa 300.000 Menschen vor der europäischen Besiedlung. Andere spätere Untersuchungen kamen teilweise auf höhere Werte von bis zu einer Million Menschen.
Das Problem dieser frühen Rekonstruktionen lag unter anderem darin, dass sie stark von Beobachtungen aus der Kolonialzeit abhängig waren. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Bevölkerungsverhältnisse bereits verändert. Frühere amtliche Erfassungen erfassten zudem häufig nur bestimmte Gruppen, etwa Menschen auf Missionsstationen, Reservaten oder an Orten, an denen staatliche Leistungen ausgegeben wurden.
Die neue Studie ersetzt diese historischen Angaben nicht durch eine exakt bekannte Bevölkerungszahl. Die Forscher geben stattdessen eine statistisch abgeleitete Größenordnung an. Der Bereich von ungefähr einer bis vier Millionen Menschen verdeutlicht, wie groß die Unsicherheit bei einer Rekonstruktion über mehr als zwei Jahrhunderte hinweg bleibt.
Aus der neuen Ausgangsschätzung ergibt sich auch eine deutlich größere Größenordnung für den Bevölkerungsrückgang nach der Ankunft der britischen First Fleet im Jahr 1788. Für 1861 lagen historische Schätzungen der indigenen Bevölkerung nur noch bei ungefähr 177.000 bis 193.000 Menschen.
Das demografische Modell der Studie kommt zu dem Ergebnis, dass innerhalb von 73 Jahren durchschnittlich rund 28.200 zusätzliche Todesfälle pro Jahr erforderlich gewesen wären, um von der geschätzten Ausgangsbevölkerung auf die Größenordnung der späteren historischen Erfassungen zu gelangen. Insgesamt errechnet das Modell rund 2,06 Millionen zusätzliche Todesfälle. Nach der zentralen Modellrechnung waren bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nur noch etwa sieben Prozent der geschätzten Bevölkerung von 1788 übrig. Der Rückgang lag damit bei ungefähr 93 Prozent.
Bei den 2,06 Millionen handelt es sich nicht um eine exakt dokumentierte Zahl einzelner Todesfälle. Abhängig von den angenommenen Ausgangswerten reicht die statistische Spannbreite des Modells von ungefähr 700.000 bis 4,2 Millionen zusätzlichen Todesfällen.
Die Forscher führen den starken Bevölkerungsrückgang auf mehrere sich überschneidende Folgen der Kolonisierung zurück. Dazu gehörten eingeschleppte Krankheiten, direkte Gewalt an den kolonialen Grenzen sowie strukturelle Gewalt, Vertreibung und der Verlust traditioneller Lebensgrundlagen.
Das Modell kann die jeweiligen Anteile dieser Faktoren nicht verlässlich voneinander trennen. Besonders Epidemien konnten indigene Gemeinschaften treffen, die gegen neu eingeführte Krankheiten keine vorhandene Immunität besaßen. Gleichzeitig führten die Ausbreitung europäischer Siedlungen und die Aneignung von Land in vielen Regionen zu dauerhaften Veränderungen der Lebensbedingungen.
Die Untersuchung liefert damit keine endgültige Zählung der Bevölkerung Australiens im Jahr 1788. Sie verschiebt jedoch die wissenschaftlich modellierte Größenordnung deutlich nach oben. Statt einiger Hunderttausend Menschen hält das Forschungsteam eine Bevölkerung im Millionenbereich für wesentlich plausibler.
Die Ergebnisse haben auch Bedeutung für die Rekonstruktion der australischen Umweltgeschichte. Eine Bevölkerung von zwei oder mehr Millionen Menschen hätte Landnutzung, Feuerregime, Ressourcenmanagement und regionale Netzwerke über große Teile des Kontinents geprägt. Die neue Schätzung unterstreicht damit, dass Australien vor der europäischen Kolonisierung von zahlreichen indigenen Gesellschaften mit langfristig entwickelten sozialen und ökologischen Systemen bewohnt war.






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