
Die mögliche Übernahme des Essener Spezialchemiekonzerns Evonik durch BASF wird zunehmend zum politischen Thema. Die SPD-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag fordert die Landesregierung auf, sich für die Eigenständigkeit von Evonik einzusetzen. Dabei soll nach dem am Dienstag bekannt gewordenen Vorstoß auch eine Staatsbeteiligung an Evonik nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden. Die Sozialdemokraten wollen prüfen lassen, welche Möglichkeiten das Land hat, um eine Übernahme durch BASF zu verhindern und die unternehmerische Selbstständigkeit des Konzerns zu erhalten.
Eine Entscheidung über einen Einstieg des Landes ist damit nicht gefallen. Ebenso gibt es bislang keinen vereinbarten Zusammenschluss zwischen BASF und Evonik. BASF bestätigte Ende September lediglich Sondierungen mit Evonik und dessen Großaktionär RAG-Stiftung über eine mögliche Übernahme. Das Ludwigshafener Unternehmen erklärte ausdrücklich, Fortgang und Ausgang dieser Gespräche seien offen.
Die SPD verlangt von der schwarz-grünen Landesregierung eine aktivere Rolle. Nach dem am Dienstag eingereichten Antrag soll geprüft werden, wie die Eigenständigkeit von Evonik erhalten werden kann. Eine Beteiligung des Landes soll dabei ausdrücklich als mögliche Option betrachtet werden. Zu den Unterstützern des Vorstoßes gehört SPD-Fraktionschef Jochen Ott. Bereits Ende September hatte Ott mehrere Kleine Anfragen zur Rolle der Landesregierung und zum Umgang mit den Übernahmeplänen gestellt.
Darin fragte er unter anderem, seit wann Ministerpräsident Hendrik Wüst von der BASF-Initiative wusste, welche Gespräche mit Evonik, BASF, der RAG-Stiftung und Arbeitnehmervertretern geführt wurden und welche Position die Regierung zum Erhalt eines eigenständigen Evonik-Konzerns vertritt. Wirtschaftsministerin Mona Neubaur wurde zudem nach konkreten Maßnahmen für Investitionen, Arbeitsplätze und industrielle Entscheidungsstrukturen gefragt.
Der Hintergrund ist ein Übernahmevorstoß des deutlich größeren Chemiekonzerns BASF. Das Unternehmen bestätigte am 25. September Gespräche mit der RAG-Stiftung und Evonik über eine mögliche Übernahme. BASF erklärte, Akquisitionen würden grundsätzlich darauf geprüft, ob sie die Kerngeschäfte stärken, profitables Wachstum ermöglichen und Wert schaffen. Eine Zusage für eine Transaktion gab der Konzern nicht.
Reuters berichtete anschließend unter Berufung auf mit den Vorgängen vertraute Personen, Evonik habe eine Offerte im Umfang von rund 10,3 Milliarden Euro als zu niedrig zurückgewiesen. Die genaue Bewertung wurde von den beteiligten Unternehmen nicht als vereinbarter Kaufpreis bestätigt. BASF selbst spricht weiterhin lediglich von Sondierungen. Damit ist offen, ob der Konzern einen neuen Anlauf unternimmt und zu welchen Bedingungen eine mögliche Transaktion überhaupt weiterverfolgt würde.
Eine zentrale Rolle spielt die RAG-Stiftung. Sie hält derzeit mehr als 40 Prozent der Evonik-Aktien und ist damit mit Abstand der größte Anteilseigner. Nach Angaben der Stiftung ist unter ihrer Satzung grundsätzlich auch ein vollständiger Verkauf der Evonik-Beteiligung möglich. Für eine weitergehende Veräußerung wäre allerdings die Zustimmung des Kuratoriums erforderlich.
Das macht die Auseinandersetzung auch politisch bedeutsam. Vorsitzender des Kuratoriums ist der frühere nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet. Ministerpräsident Hendrik Wüst gehört dem Gremium kraft seines Amtes ebenfalls an. Weitere Mitglieder kommen unter anderem aus Bundes- und Landespolitik sowie aus der Gewerkschaftsseite. Das Kuratorium kontrolliert damit ein Stiftungsgremium, dessen Entscheidung für die Eigentümerstruktur von Evonik erhebliches Gewicht haben kann.
Die RAG-Stiftung finanziert aus ihrem Vermögen langfristige Aufgaben nach dem Ende des deutschen Steinkohlenbergbaus. Evonik ist dabei ein bedeutender Bestandteil ihres Anlagevermögens. Gleichzeitig verfolgt die Stiftung seit Jahren das Ziel einer stärkeren Risikostreuung.
Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat sich bereits grundsätzlich zur Zukunft von Evonik positioniert. Sie erklärte am Montag, Arbeitsplätze und die eigenständige Entwicklung des Unternehmens dürften durch die Überlegungen nicht infrage gestellt werden. Zugleich verwies sie auf die Bedeutung Evoniks für die industrielle Basis des Landes und die starke Verankerung des Unternehmens im Ruhrgebiet.
Damit liegen Regierung und Opposition beim Ziel, Arbeitsplätze und Standorte zu schützen, nicht grundsätzlich auseinander. Deutlich weiter geht jedoch die Forderung der SPD, auch einen direkten Einstieg des Landes als Instrument zu prüfen. Ob CDU und Grüne zu einer solchen Beteiligung bereit wären und in welcher Größenordnung sie überhaupt denkbar wäre, war am Dienstagabend offen.
Evonik gehört zu den großen europäischen Spezialchemieunternehmen. Der Konzern mit Hauptsitz in Essen ist in mehr als 100 Ländern aktiv und beschäftigte zuletzt rund 31.000 Menschen. Im Geschäftsjahr 2025 erreichte Evonik einen Umsatz von 14,1 Milliarden Euro und ein bereinigtes EBITDA von rund 1,9 Milliarden Euro.
Das wirtschaftliche Umfeld bleibt zugleich anspruchsvoll. Evonik erwartet für 2026 ein bereinigtes EBITDA zwischen 1,7 und 2,0 Milliarden Euro und arbeitet bereits an Kostensenkungen und einer stärkeren Konzentration seiner Strukturen. In Deutschland sollen unter anderem kleinere Standorte in Hamburg und Bitterfeld geschlossen und Aktivitäten an größeren Standorten gebündelt werden.
Eine mögliche Übernahme durch BASF würde deshalb weit über einen gewöhnlichen Eigentümerwechsel hinausreichen. Sie beträfe zwei der größten deutschen Chemiekonzerne in einer Phase, in der die europäische Chemieindustrie mit schwacher Nachfrage, hohem Kostendruck und tiefgreifenden Strukturveränderungen kämpft. Ob aus den bisherigen Sondierungen tatsächlich ein Übernahmeverfahren entsteht, ist bislang nicht entschieden.
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