
Vor der Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank am Donnerstag, 23. Juli 2026, zeichnet sich unter Volkswirten und Marktteilnehmern ein ungewöhnlich klarer Konsens ab: Der EZB-Rat dürfte die Leitzinsen nach der Erhöhung im Juni zunächst unverändert lassen. Entscheidend für die Finanzmärkte wäre damit weniger der eigentliche Beschluss als die Frage, wie Präsidentin Christine Lagarde die Risiken durch den erneut gestiegenen Ölpreis bewertet und welche Hinweise sie für die kommenden Sitzungen gibt.
Alle 74 Volkswirte, die Reuters zwischen dem 13. und 16. Juli befragte, rechnen für Donnerstag mit einer Zinspause. Erwartet wird demnach, dass der für die Geldpolitik maßgebliche Einlagensatz bei 2,25 Prozent bleibt. Eine Zinssenkung wird im aktuellen Umfeld von keinem der befragten Ökonomen als Basisszenario genannt. Auch eine sofortige weitere Erhöhung gilt als unwahrscheinlich. Reuters
Chris Scicluna, Leiter der Konjunkturforschung bei Daiwa Capital Markets, geht laut Reuters davon aus, dass die EZB zwar auf die höheren Gas- und Strompreise reagieren müsse, dafür aber zunächst ihre neuen Projektionen im September abwarten könne. Alain Durre, Europa-Chefvolkswirt bei Natixis, sieht den EZB-Rat zwar stärker auf der restriktiven Seite, verweist jedoch zugleich auf das schwache Wachstum im Euroraum, das für ein vorsichtiges Vorgehen spreche. Reuters
Auch Bas van Gaffen, leitender Makrostratege bei Rabobank, hält eine Warteposition bis September für wahrscheinlich. Nach seiner Einschätzung kann die EZB die kommenden Wochen nutzen, um genauer zu beurteilen, wie sich die neue Eskalation im Nahen Osten auf Energiepreise, Inflation und Inflationserwartungen auswirkt. Reuters
Klar von diesen Erwartungen zu trennen ist der bislang beschlossene Zinspfad. Die EZB hatte ihre drei Leitzinsen am 11. Juni um jeweils 0,25 Prozentpunkte angehoben. Die neuen Sätze gelten seit dem 17. Juni. Der Einlagensatz liegt seitdem bei 2,25 Prozent, der Hauptrefinanzierungssatz bei 2,40 Prozent und der Spitzenrefinanzierungssatz bei 2,65 Prozent. European Central Bank +1
Bis zu dieser Entscheidung hatte die EZB die Zinsen 2026 unverändert gelassen. Ende April standen die drei Sätze noch bei 2,00 Prozent, 2,15 Prozent und 2,40 Prozent. Die Juni-Erhöhung war damit die erste Zinsanhebung seit fast drei Jahren und eine Reaktion auf die von der EZB festgestellten Inflationsrisiken infolge des Energiepreisschocks. European Central Bank +1
Die EZB stellte im Juni zugleich klar, dass sie sich nicht auf einen festen weiteren Zinspfad festlegt. Entscheidungen sollen weiterhin von Sitzung zu Sitzung anhand der Inflationsaussichten, der zugrunde liegenden Preisentwicklung und der Wirkung der Geldpolitik getroffen werden. Eine Pause am Donnerstag wäre daher kein formeller Abschluss der Straffung, sondern zunächst ein Abwarten neuer Daten. European Central Bank
Für eine Zinspause sprechen vor allem die jüngsten Inflationsdaten. Nach den endgültigen Angaben von Eurostat lag die Teuerungsrate im Euroraum im Juni bei 2,8 Prozent. Im Mai waren es noch 3,2 Prozent gewesen. Damit hat sich der Preisanstieg stärker abgeschwächt, als viele Beobachter zuvor erwartet hatten. Das mittelfristige Inflationsziel der EZB von 2,0 Prozent wird allerdings weiterhin überschritten. European Commission +1
Auch die Kerninflation, bei der besonders schwankungsanfällige Preise für Energie und Lebensmittel herausgerechnet werden, ging zurück. Sie sank laut Reuters von 2,6 Prozent im Mai auf 2,4 Prozent im Juni. Die Dienstleistungsinflation verringerte sich von 3,5 auf 3,2 Prozent. Diese Entwicklung stärkt nach Einschätzung von Marktbeobachtern das Argument, dass die EZB nach der Juni-Erhöhung zunächst deren Wirkung und die weitere Preisentwicklung beobachten kann. Reuters
Gleichzeitig bleibt die Energiekomponente problematisch. Eurostat meldete für Juni einen Anstieg der Energiepreise um 8,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Im Mai hatte die Rate sogar 10,8 Prozent betragen. Die Abschwächung ist damit deutlich, das Preisniveau entwickelt sich aber weiterhin wesentlich dynamischer als andere Bestandteile des Warenkorbs. European Commission
Seit der Veröffentlichung der Juni-Inflationszahlen hat sich die Lage an den Energiemärkten erneut verändert. Reuters zufolge stiegen die Ölpreise nach der neuen Eskalation des Konflikts im Nahen Osten zeitweise deutlich. Brent-Öl kostete am Montag zeitweise mehr als 90 Dollar je Barrel. Der Preis blieb damit zwar unter den Spitzenständen aus dem Frühjahr, rückte aber wieder stärker in den Mittelpunkt der Zinserwartungen. Reuters +1
Giada Giani, Ökonomin bei Citi, verwies laut Reuters darauf, dass die Energiepreise trotz des jüngsten Anstiegs noch unter den Annahmen des Basisszenarios aus den Juni-Projektionen lägen. Zudem seien bislang nur begrenzte Zweitrundeneffekte erkennbar. Damit ist gemeint, dass sich höhere Energiepreise noch nicht deutlich auf Löhne und die Preise anderer Güter und Dienstleistungen übertragen haben. Reuters
HSBC-Chefvolkswirt Simon Wells sieht gerade in solchen Zweitrundeneffekten jedoch ein zentrales Risiko. Je länger die Energieinflation hoch bleibe, desto größer werde nach seiner Einschätzung die Gefahr, dass Arbeitnehmer höhere Löhne verlangen und Unternehmen steigende Kosten weitergeben. Sollte Öl im September noch rund 90 Dollar kosten und die Unsicherheit hoch bleiben, könnte eine weitere Erhöhung aus Sicht des HSBC-Ökonomen angemessen erscheinen. Reuters
Gegen eine schnelle Serie weiterer Zinserhöhungen spricht die schwache Konjunkturlage. Nach der Reuters-Umfrage schrumpfte die Wirtschaft des Euroraums im ersten Quartal 2026 um 0,2 Prozent. Für das zweite sowie die folgenden Quartale erwarten die befragten Volkswirte lediglich ein Wachstum von jeweils rund 0,2 Prozent. Im Gesamtjahr rechnen sie im Median mit einem Plus von 0,5 Prozent. Reuters
Die EZB selbst hatte im Juni noch ein Wachstum von 0,8 Prozent für 2026 prognostiziert. Zugleich senkte sie ihre Aussichten für 2026 und 2027, weil höhere Rohstoffpreise, schwächere Realeinkommen und eine geringere wirtschaftliche Zuversicht die Aktivität belasten könnten. Die Zentralbank beschrieb die Risiken als asymmetrisch: Aufwärtsrisiken für die Inflation stehen Abwärtsrisiken für das Wachstum gegenüber. European Central Bank
Dieses Spannungsfeld erklärt, weshalb selbst eher restriktiv eingestellte Volkswirte für Donnerstag keine weitere Erhöhung erwarten. Ein neuer Zinsschritt könnte die Inflationserwartungen stabilisieren, gleichzeitig aber die ohnehin schwache Konjunktur zusätzlich bremsen.
Auch an den Terminmärkten gilt eine unveränderte Entscheidung am Donnerstag als Basisszenario. Für September war eine weitere Anhebung zuletzt vollständig eingepreist. Die Geldmärkte signalisierten am Montag einen Einlagensatz von etwa 2,66 Prozent im Dezember 2026 und rund 2,73 Prozent im Februar 2027. Damit waren bis Anfang 2027 insgesamt ungefähr zwei weitere Zinserhöhungen um jeweils 0,25 Prozentpunkte in den Kursen berücksichtigt. Reuters
Die Erwartungen der Ökonomen fallen etwas zurückhaltender aus. In der Reuters-Umfrage rechnen 52 von 74 Befragten und damit 70 Prozent mit genau einer weiteren Erhöhung in diesem Jahr, überwiegend im September. Knapp 30 Prozent erwarten dagegen, dass die EZB die Zinsen bis zum Jahresende unverändert lässt. Nur drei der befragten Volkswirte rechnen 2026 mit zwei zusätzlichen Schritten. Reuters
Damit besteht eine erkennbare Differenz zwischen den Terminmärkten und dem Umfragekonsens: Die Märkte sichern sich stärker gegen ein Szenario anhaltend hoher Energiepreise ab, während die Mehrheit der Volkswirte bislang nur eine weitere Erhöhung als wahrscheinlich betrachtet.
Bei der Pressekonferenz von Christine Lagarde werden Beobachter besonders darauf achten, ob innerhalb des EZB-Rats eine sofortige Erhöhung diskutiert wurde. Jens Eisenschmidt, Europa-Chefvolkswirt bei Morgan Stanley, erwartet laut Reuters Fragen dazu, ob einzelne Ratsmitglieder bereits für einen Schritt im Juli plädiert haben. Hinweise auf eine solche Diskussion könnten als Signal für die September-Sitzung verstanden werden. Reuters
Ebenso wichtig wird sein, wie Lagarde den erneuten Ölpreisanstieg gegenüber der schwächeren Juni-Inflation gewichtet. Eine Betonung der Zweitrundeneffekte, der Lohnentwicklung und steigender Inflationserwartungen könnte von den Märkten als Vorbereitung auf eine weitere Erhöhung gewertet werden. Ein stärkerer Verweis auf die schwache Konjunktur, sinkende Kerninflation und bislang begrenzte Übertragung der Energiekosten würde dagegen für einen vorsichtigeren Kurs sprechen.
Marktbeobachter erwarten überwiegend, dass Lagarde keine feste Zusage für September macht. Die EZB dürfte stattdessen ihren datenabhängigen Ansatz bekräftigen. Entscheidend für die kommenden Sitzungen wären damit vor allem die weitere Entwicklung von Öl, Gas und Strom, neue Inflationsdaten sowie die im September anstehenden Wirtschafts- und Preisprognosen. Reuters +1
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