
Die niederländische Großbank ING will ihren Wachstumskurs in Europa fortsetzen und schließt dabei weitere Übernahmen nicht aus. Konzernchef Steven van Rijswijk machte am Montag deutlich, dass ING bei einer möglichen größeren Konsolidierung des europäischen Bankenmarktes eher auf der Käuferseite stehen will. Zugleich sieht der Manager auch im Deutschland-Geschäft noch Möglichkeiten zur Erweiterung des Angebots.
Van Rijswijk stellte im Gespräch mit dem Handelsblatt allerdings keine konkrete Großübernahme in Aussicht. Die aktuelle Strategie setzt weiterhin in erster Linie auf organisches Wachstum. Ergänzende Zukäufe sollen vor allem dort infrage kommen, wo ING bestimmte Fähigkeiten, Produkte oder Kundengruppen schneller erschließen kann. Diese Linie hatte der Konzernchef bereits Ende Juli bei der Vorstellung der Halbjahreszahlen beschrieben.
Van Rijswijk sieht die Voraussetzungen für Zusammenschlüsse im europäischen Bankensektor günstiger als in den Jahren nach der Finanzkrise und der anschließenden Phase negativer Zinsen. Größere Institute könnten Investitionen in Digitalisierung, künstliche Intelligenz und neue Bankprodukte auf mehr Kunden und Märkte verteilen.
Für ING bedeutet das nicht, dass unmittelbar eine große grenzüberschreitende Transaktion vorbereitet wird. Van Rijswijk erklärte, dass es für solche Zusammenschlüsse in Europa nur eine begrenzte Zahl realistischer Möglichkeiten gebe. Sollte sich eine passende Konstellation ergeben, wolle ING aber als Käufer und nicht als Übernahmeziel auftreten.
Damit erweitert der Konzernchef die Perspektive über die bislang bevorzugten kleineren Ergänzungsübernahmen hinaus. Noch im Juli hatte er betont, dass organisches Wachstum den Schwerpunkt bilde und ING vor allem kleinere Zukäufe anstrebe, mit denen fehlende Kompetenzen ergänzt werden können. Größere Transaktionen bezeichnete er damals als opportunistische Möglichkeit und nicht als Kern der Strategie.
Ein wichtiger Bereich der ING Strategie 2026 ist das Geschäft mit Geldanlage, Private Banking und Vermögensverwaltung. Damit will die Bank ihren Anteil an Gebühren und Provisionen erhöhen und ihre Einnahmen weniger abhängig vom klassischen Zinsgeschäft machen.
Wie diese Strategie umgesetzt werden kann, zeigen die jüngsten Transaktionen. In Polen übernahm die ING-Tochter Bank Śląski im April die noch fehlenden 55 Prozent des Vermögensverwalters Goldman Sachs TFI und besitzt das Unternehmen seitdem vollständig.
In Spanien kündigte ING im Juli den Erwerb eines Anteils von rund 40 Prozent an der Privatbank Singular Bank an. Das Institut verwaltet nach Angaben von ING rund 19 Milliarden Euro an Kundenvermögen. Der Abschluss der Transaktion ist für das erste Quartal 2027 vorgesehen und steht noch unter den üblichen regulatorischen Vorbehalten. Vereinbart wurde zudem die Möglichkeit, dass ING seinen Anteil später weiter erhöht.
Diese Schritte passen zu den Finanzzielen des Konzerns. ING meldete für das zweite Quartal 2026 einen Anstieg der Gebühreneinnahmen um 14 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 1,278 Milliarden Euro. Die Zahl der Kunden mit aktiven Anlageprodukten nahm innerhalb des Quartals um 110.000 zu. Besonders stark war das Wachstum dabei in Deutschland.
Auch ING in Deutschland könnte von dieser Strategie profitieren. Van Rijswijk nannte Vermögensverwaltung, den Vertrieb von Anlageprodukten sowie Angebote für Selbstständige und mittelständische Unternehmen als interessante Bereiche.
Deutschland gehört bereits zu den wichtigsten Retailmärkten des niederländischen Konzerns. ING ist hier vor allem im Privatkundengeschäft, bei Sparprodukten, Wertpapieren und Baufinanzierungen stark. Im Geschäft mit international tätigen Großunternehmen ist der Konzern ebenfalls vertreten. Im breiten deutschen Mittelstand sieht die Führung dagegen noch Möglichkeiten für eine stärkere Präsenz.
Die Bedeutung des deutschen Marktes zeigt sich auch in den jüngsten Konzernzahlen. Im zweiten Quartal gehörte Deutschland gemeinsam mit den Niederlanden und Spanien zu den Märkten mit besonders starkem Wachstum der Zahl der mobilen Hauptbankkunden. Auch bei Baufinanzierungen und Anlageprodukten meldete ING überdurchschnittliche Beiträge aus Deutschland.
Für 2025 wies die ING Holding Deutschland Kundeneinlagen von rund 159,4 Milliarden Euro und Kundenforderungen von 147,4 Milliarden Euro aus. Das Ergebnis vor Steuern lag bei 1,886 Milliarden Euro. Das Provisionsergebnis stieg von 504 Millionen Euro im Jahr 2024 auf 715 Millionen Euro.
Die Diskussion über weiteres Wachstum findet vor dem Hintergrund einer zuletzt starken Geschäftsentwicklung statt. ING erzielte im zweiten Quartal 2026 einen Nettogewinn von 1,947 Milliarden Euro. Das waren 16 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der Vorsteuergewinn erhöhte sich um 23 Prozent auf 2,919 Milliarden Euro.
Gleichzeitig hob das Unternehmen seine Erwartungen an. Die Rendite auf das materielle Eigenkapital soll 2026 nun mehr als 15 Prozent erreichen. Für 2027 stellt ING mehr als 16 Prozent in Aussicht. Die harte Kernkapitalquote CET1 lag Ende des zweiten Quartals bei 13,1 Prozent.
Die Kapitalausstattung ermöglicht ING neben Investitionen und möglichen Akquisitionen auch weitere Ausschüttungen an die Aktionäre. Im April startete die Bank ein neues Aktienrückkaufprogramm im Volumen von bis zu einer Milliarde Euro. ING verfolgt dabei das Ziel, seine CET1-Quote im Durchschnitt um 13 Prozent zu halten und strukturell darüber liegendes Kapital grundsätzlich für zusätzliche Ausschüttungen verfügbar zu machen.
An der Börse sorgten die Aussagen vom Montag zunächst nicht für einen ausgeprägten Kurssprung. Die ING-Aktie bewegte sich am Nachmittag in Amsterdam ungefähr auf dem Niveau des vorherigen Handelstages. MarketScreener wies für die Euronext Amsterdam am frühen Nachmittag einen Kurs von rund 31,82 Euro und ein kleines Plus von etwa 0,1 Prozent aus.
Damit lässt sich aus der Kursbewegung keine eindeutige unmittelbare Bewertung der Aussagen zu möglichen Übernahmen ableiten. Die Aktie hatte bereits in den Wochen zuvor deutlich zugelegt. Ende August lag sie noch bei rund 30,5 Euro, während sie Mitte September zeitweise mehr als 32 Euro erreichte.
Für ING steht damit vorerst die Fortsetzung des eigenen Wachstumskurses im Mittelpunkt. Der Konzern gewinnt Kunden und Anlagevolumen hinzu, steigert die Gebühreneinnahmen und baut einzelne Geschäftsfelder durch gezielte Beteiligungen aus. Größere Bankübernahmen in Europa gehören nun ausdrücklich zu den strategischen Möglichkeiten. Ein konkretes Ziel für eine solche Transaktion nannte Van Rijswijk jedoch nicht.






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