
Der neue Deutschland-Chef von Telefónica, Santiago Argelich Hesse, stellt die derzeitige Struktur des deutschen Mobilfunkmarkts offen infrage. Aus seiner Sicht wären drei große Netzbetreiber besser als die derzeit vier Anbieter Telekom, Vodafone, Telefónica und 1&1. Gleichzeitig arbeitet der Konzern an einer umfassenden Neuausrichtung seines Deutschlandgeschäfts. Dazu gehört auch ein Ausbau der Partnermarke Aldi Talk über das klassische Prepaid-Angebot hinaus. Eine konkrete Fusion zwischen Telefónica Deutschland und 1&1 ist dagegen nicht bestätigt.
Argelich Hesse erklärte bei einem Mediengespräch in München, Telefónica halte eine Struktur mit drei großen Mobilfunknetzbetreibern für sinnvoller als den derzeitigen Markt mit vier Anbietern. Der Manager verwies dabei auf die hohen Investitionen, die für Aufbau und Betrieb eigener Netze notwendig sind.
Telefónica argumentiert, dass die starke Aufteilung des Marktes zwar zu niedrigen Preisen für Verbraucher beitrage, zugleich aber Investitionen und Innovationen erschwere. Argelich Hesse sprach sich deshalb grundsätzlich für eine Konsolidierung aus. Einen bestimmten Weg dorthin nannte er allerdings nicht.
Die Haltung steht im Gegensatz zur bisherigen regulatorischen Entwicklung in Deutschland. Die Bundesnetzagentur unterstützt den Aufbau von 1&1 als viertem Netzbetreiber ausdrücklich und hat dafür unter anderem Regeln zur gemeinsamen Nutzung von Frequenzen vorgesehen. Nach Einschätzung der Behörde kann der Ausbau eines vierten Netzes den Infrastrukturwettbewerb fördern. Auch bei der Verlängerung bestehender Mobilfunkfrequenzen hatte die Behörde besondere Regelungen zur Stärkung von 1&1 beschlossen.
Die Aussagen des Telefónica-Chefs verleihen seit längerem kursierenden Spekulationen über eine mögliche Verbindung mit 1&1 neue Aufmerksamkeit. Eine konkrete Fusion, Übernahme oder entsprechende Verhandlung ist jedoch nicht bestätigt.
Argelich Hesse machte deutlich, dass grundsätzlich unterschiedliche Formen einer Konsolidierung denkbar seien. Gleichzeitig erklärte er, dass Telefónica Deutschland derzeit kein konkretes Konsolidierungsprojekt verhandle. Auch über einen bestimmten Zusammenschluss mit 1&1 machte er keine Zusage.
Damit besteht ein deutlicher Unterschied zwischen der grundsätzlichen Forderung nach weniger Netzbetreibern und einem tatsächlich vorbereiteten Geschäft. Die genaue Form einer möglichen Neuordnung des Marktes blieb offen.
1&1 hat sich in den vergangenen Jahren bewusst vom früheren Modell als weitgehend netzabhängiger Mobilfunkanbieter gelöst. Das Unternehmen ersteigerte 2019 eigene Mobilfunkfrequenzen und baut seitdem ein eigenes 5G-Netz auf. Ende 2025 waren nach Unternehmensangaben alle mehr als zwölf Millionen Mobilfunkkunden auf das eigene Netz migriert. Wo die eigene Abdeckung noch nicht ausreicht, nutzt 1&1 National Roaming im Vodafone-Netz.
Für Telefónica ist der Aufstieg von 1&1 zum eigenen Netzbetreiber wirtschaftlich von besonderer Bedeutung. Jahrelang nutzten Millionen 1&1-Kunden das Telefónica-Netz. Diese Zusammenarbeit wurde schrittweise beendet, nachdem 1&1 für sein National Roaming zu Vodafone wechselte.
Die Migration war Ende 2025 weitgehend abgeschlossen. Sie hinterließ deutliche Spuren in der Bilanz von Telefónica Deutschland. Der Umsatz sank im Geschäftsjahr 2025 um 3,8 Prozent auf 8,172 Milliarden Euro. Die Mobilfunk-Serviceumsätze gingen um 5,7 Prozent zurück. Telefónica führt einen wesentlichen Teil dieser Entwicklung auf den Wegfall des 1&1-Geschäfts zurück.
Auch 2026 waren die Folgen noch zu spüren. Argelich Hesse bezeichnete das laufende Jahr als Ausgangspunkt der neuen Strategie. 2027 soll für das Unternehmen ein Übergangsjahr werden, ab 2028 sollen sich die Effekte der Neuausrichtung breiter in den Geschäftszahlen zeigen.
Telefónica Deutschland betreut derzeit mehr als 35 Millionen Mobilfunkanschlüsse. Das eigene Netz erreicht nach Angaben des Unternehmens mehr als 99 Prozent der Bevölkerung.
Neben der Debatte über die Zahl der Netze rückt Telefónica auch sein Partnergeschäft stärker in den Mittelpunkt. Besonders wichtig ist dabei Aldi Talk. Die Marke nutzt das Telefónica-Netz und gehört zu den größten Mobilfunkangeboten im Discountsegment.
Argelich Hesse will das bisher stark auf Prepaid-Mobilfunk ausgerichtete Modell weiterentwickeln. Künftig sollen zusätzliche digitale Produkte und weitere Konnektivitätsangebote hinzukommen. Ziel ist es, Aldi Talk zu einer breiter aufgestellten Marke auszubauen und die bestehende Kundenbasis stärker mit zusätzlichen Telekommunikationsangeboten zu erreichen.
Ein konkretes Produktprogramm oder feste Einführungstermine wurden zunächst nicht genannt. Auch ein Glasfaserangebot unter der Marke Aldi Talk ist nicht offiziell angekündigt. Auf die Frage nach einem möglichen Glasfaserprodukt schloss Argelich Hesse diese Möglichkeit allerdings nicht grundsätzlich aus. Konkrete Planungen dazu wurden nicht veröffentlicht.
Schon im Juni hatte Aldi Talk sein Angebot mit einer Daten-SIM erweitert. Sie kann unter anderem in Routern, Tablets und Laptops eingesetzt werden und ist damit nicht ausschließlich auf die klassische Smartphone-Nutzung ausgerichtet.
Die neuen Aldi-Talk-Pläne sind Teil einer größeren Markenstrategie. Telefónica will künftig mehr Mobilfunk-, Festnetz-, TV-, Sicherheits- und Digitalangebote miteinander verbinden.
O2 soll dabei stärker als Premium-Marke positioniert werden. Für das mittlere Marktsegment setzt Telefónica auf eine stärker digital ausgerichtete Marke. Gleichzeitig soll Aldi Talk seine Position im preisorientierten Segment behaupten und sein Angebot verbreitern.
Hinzu kommen neue Partnerschaften mit Unternehmen aus Handel, Finanzwirtschaft und digitalen Geschäftsmodellen. Telefónica hatte bereits bei der Vorlage seiner Halbjahreszahlen angekündigt, die Zusammenarbeit mit Aldi Talk auszubauen und weitere Partner für sein Netz gewinnen zu wollen.
Die entscheidende Veränderung bei Telefónica Deutschland besteht damit zunächst nicht in einer bestätigten Fusion. Der Konzern versucht nach dem Verlust des großen 1&1-Vorleistungsgeschäfts, neue Einnahmequellen aufzubauen, sein Partnergeschäft zu verbreitern und mehr Produkte über bestehende Marken zu verkaufen. Parallel stellt der neue Vorstandschef die Frage, ob Deutschland langfristig tatsächlich vier voneinander unabhängige Mobilfunknetze tragen soll.






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