
Eine Abschaffung der Altersrente für besonders langjährig Versicherte könnte den Staat deutlich entlasten. Nach einer am Mittwoch veröffentlichten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin im Auftrag der Bertelsmann Stiftung läge der Nettoeffekt pro Rentnerjahrgang bei rund 9,5 Milliarden Euro. Gemeint ist die Regelung, die häufig als Rente mit 63 bezeichnet wird, inzwischen aber wegen der steigenden Altersgrenzen faktisch später beginnt.
Die abschlagsfreie Frührente ermöglicht es Versicherten nach mindestens 45 Versicherungsjahren, vor dem regulären Rentenalter ohne Abschläge aus dem Erwerbsleben auszuscheiden. Jährlich nutzen nach Angaben der Studie rund 250.000 bis 280.000 Erwerbstätige diese Möglichkeit. Damit gehört die Regelung zu den besonders stark genutzten Elementen des deutschen Rentensystems.
Für die Berechnung hat das DIW Berlin die Auswirkungen am Geburtsjahrgang 1957 modelliert. Dieser Jahrgang ist nach Angaben der Bertelsmann Stiftung aktuell der jüngste, der vollständig im Ruhestand ist. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass allein die gesetzliche Rentenversicherung für diesen Jahrgang um rund 10,4 Milliarden Euro entlastet worden wäre, wenn es die abschlagsfreie Frühverrentung nicht gegeben hätte.
Der Nettoeffekt für den Staat fällt etwas geringer aus, weil niedrigere Rentenzahlungen zugleich zu geringeren Einnahmen führen. Dazu zählen Beiträge zur Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung sowie Einkommensteuer. Diese Ausfälle beziffert die Studie auf rund 860 Millionen Euro. Trotzdem bleibt unter dem Strich ein positiver Effekt von rund 9,5 Milliarden Euro pro Rentnerjahrgang.
Neben den fiskalischen Effekten verweist die Studie auf ein erhebliches Beschäftigungspotenzial. Würde die abschlagsfreie Frührente entfallen, könnten laut Berechnung rund 125.000 Vollzeitstellen erhalten bleiben. Viele Betroffene würden ihren Renteneintritt voraussichtlich verschieben und länger im Erwerbsleben bleiben.
Das ist für die Rentenpolitik besonders relevant, weil die geburtenstarken Jahrgänge nach und nach in den Ruhestand gehen, die Zahl der Beitragszahler aber nicht im gleichen Maß wächst. Wenn erfahrene Beschäftigte länger arbeiten, kann das Unternehmen entlasten und die Finanzierung der Sozialversicherung stabilisieren.
Die Rente mit 63 wurde politisch damit begründet, Menschen nach langen Erwerbsbiografien einen früheren Ruhestand zu ermöglichen. Gerade Beschäftigte mit körperlich belastenden Tätigkeiten sollten dadurch entlastet werden. Die Studie stellt jedoch infrage, ob die Regelung dieses Ziel präzise erreicht.
Nach Einschätzung der Autoren profitieren vor allem Menschen mit langen und stabilen Erwerbsverläufen. Diese haben häufig auch höhere Rentenansprüche als andere Gruppen. Besonders schwierige Erwerbsbiografien oder gesundheitliche Einschränkungen werden durch die 45 Versicherungsjahre allein nicht automatisch abgebildet.
Ein vollständiges Ende der abschlagsfreien Frühverrentung wäre politisch sensibel. Wer gesundheitlich eingeschränkt ist oder jahrzehntelang körperlich schwer gearbeitet hat, hätte bei einem Wegfall der Regelung womöglich nur die Wahl zwischen längerer Erwerbsarbeit und einer früheren Rente mit Abschlägen.
Die Studie verweist deshalb auf mögliche Ausnahmen oder Kompensationen. Denkbar wären strengere Zugangskriterien, eine stärkere Berücksichtigung gesundheitlicher Einschränkungen oder eine Orientierung an besonders belastenden Tätigkeiten. Auch Einkommensgrenzen oder ein Ausbau ausgleichender Instrumente könnten eine Rolle spielen.
Die Studie kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Finanzierbarkeit der gesetzlichen Rente erneut diskutiert wird. Der Staat muss die Rentenkasse bereits heute mit hohen Bundeszuschüssen stützen. Gleichzeitig steigt der Druck, ältere Beschäftigte länger im Arbeitsmarkt zu halten. Die DIW-Berechnung liefert damit ein klares Argument für eine Reform der abschlagsfreien Frührente.
Die zentrale Frage lautet, wie der Staat zwischen finanzieller Stabilität, Fachkräftesicherung und sozialem Schutz abwägt. Eine Reform müsste verhindern, dass gesundheitlich belastete Beschäftigte die Hauptlast tragen. Die Studie zeigt aber, dass die bestehende Regelung hohe Kosten verursacht und erhebliche Arbeitskraft vorzeitig aus dem Erwerbsleben nimmt.
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