Vereinsleben im Oberbergischen Kreis: Was die Region zusammenhält – und wo es knirscht

Beim Schützenfest Wolbeck hat Nils Kannenbäumer das Königsschießen gewonnen. Auch weitere Titel wurden vergeben.
Image by Huskyherz from Pixabay

Teilen:

Sportplatz, Schützenhalle, Dorfhaus oder Proberaum: In kaum einer Region ist das gesellschaftliche Leben so eng mit ehrenamtlicher Arbeit verbunden wie im ländlich geprägten Oberbergischen Kreis. Aktuelle Zahlen zeigen, dass die Vereine weiterhin enorme Anziehungskraft besitzen. Gleichzeitig müssen viele von ihnen darüber nachdenken, wer künftig Training gibt, Veranstaltungen organisiert, Verantwortung im Vorstand übernimmt oder schlicht die nächste Generation für das Vereinsleben begeistert.

Allein 75.000 Menschen sind in Oberbergs Sportvereinen organisiert

Wie groß die Vereinslandschaft ist, lässt sich besonders gut am Sport ablesen. Der Kreissportbund Oberberg vertritt aktuell rund 330 Sportvereine mit etwa 75.000 Mitgliedern. Damit gehört der organisierte Sport zu den größten gesellschaftlichen Netzwerken im Kreis. Die Bandbreite reicht von Fußball und Handball über Turnen und Leichtathletik bis zu Schwimmen, Schießsport und zahlreichen kleineren Disziplinen.

Von einem flächendeckenden Mitgliederschwund kann dabei keine Rede sein. Beim ersten Ehrenamtspreis des Kreissportbundes im März 2026 wurde etwa die DLRG-Ortsgruppe Lindlar für den größten Mitgliederzuwachs ausgezeichnet. Gleichzeitig flossen nach Angaben des Kreissportbundes im vergangenen Jahr mehr als 340.000 Euro Fördermittel unter anderem in Übungs- und Jugendarbeit sowie Sportgeräte. Die Zahlen zeigen: Vereine ziehen weiterhin Menschen an – entscheidend ist jedoch, genügend Personen zu finden, die neben der Mitgliedschaft auch Verantwortung übernehmen.

Nachwuchs gesucht – nicht nur auf dem Sportplatz

Wie konkret die Nachwuchsfrage inzwischen geworden ist, zeigt ein Beispiel aus Gummersbach-Lieberhausen. Der Fanfarenzug Lieberhausen 1958 zählt rund 35 Mitglieder und versucht mit den „Lieber-Tönchen“, bereits Kinder zwischen vier und sieben Jahren spielerisch an die Musik heranzuführen. Die Vorsitzende Ina Hanuschik beschrieb gegenüber dem Oberbergischen Kreis Ende 2025 die Nachwuchsgewinnung ausdrücklich als eine Herausforderung, die inzwischen viele Vereine betreffe.

Auch in anderen Bereichen geht es um die nächste Generation. Der Oberbergische Schützenbund hat 2026 seine Jugendarbeit personell neu aufgestellt, während bei Sportvereinen Jugendförderung weiterhin zu den zentralen Aufgaben gehört. Gleichzeitig versucht die Ehrenamtsinitiative „Weitblick“, junge Menschen überhaupt erst mit freiwilligem Engagement in Kontakt zu bringen. Im Juli erhielten beispielsweise Schülerinnen und Schüler in Engelskirchen, Radevormwald und Hückeswagen Sozialführerscheine, nachdem sie sich in sozialen Einrichtungen, Kitas, beim THW oder bei der Jugendfeuerwehr engagiert hatten.

Vereinsleben bedeutet im Oberbergischen weit mehr als Sport

Wer beim Stichwort Verein ausschließlich an Fußball oder Turnhallen denkt, greift im Oberbergischen zu kurz. Gerade in den zahlreichen kleineren Orten übernehmen Bürger-, Heimat- und Dorfgemeinschaften Aufgaben, für die es ohne ehrenamtliche Arbeit häufig schlicht kein Angebot gäbe. Sie pflegen Treffpunkte, organisieren Feste, kümmern sich um Spielplätze, gestalten Dorfplätze oder schaffen Räume, an denen Nachbarn überhaupt noch regelmäßig zusammenkommen.

Wie vielfältig diese Arbeit ist, zeigen die Förderbescheide des Kreises aus dem Juli 2026. 20 Dorfprojekte erhalten in diesem Jahr Unterstützung. Gefördert werden beispielsweise ein Gemeinschaftsplatz in Escherhof, die Aufwertung eines Spielplatzes in Pernze, Veranstaltungsausstattung für den Heimatverein Oberbantenberg, eine Verkaufshütte der Dorfgemeinschaft Steimelhagen oder die energetische Sanierung eines Vereinshauses in Schemmerhausen. Im Kreishaushalt stehen dafür 2026 insgesamt 50.000 Euro bereit. Seit 2022 wurden nach Angaben des Kreises bereits 70 solcher Projekte umgesetzt.

Ehrenamt braucht inzwischen mehr als guten Willen

Doch Vereinsarbeit ist komplizierter geworden. Wer einen Verein führt, beschäftigt sich nicht nur mit Training, Proben oder Veranstaltungen, sondern auch mit Steuern, Datenschutz, Versicherungen, Förderanträgen, Satzungen und zunehmend digitalen Themen. Der Oberbergische Kreis reagiert darauf unter anderem mit seiner seit 2020 bestehenden Ehrenamts-Akademie. Die kostenlosen Fortbildungen sollen Engagierten Wissen für aktuelle Herausforderungen vermitteln. 2026 gehören auch Digitalisierung und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Ehrenamt zu den geförderten Themen.

Dass Unterstützung nicht immer aus Geld bestehen muss, zeigte der erste „Marktplatz für gute Geschäfte“ des Kreises im Juli in Wiehl-Drabenderhöhe. Vereine, gemeinnützige Organisationen und Unternehmen handelten dort Kooperationen aus, bei denen Know-how, Arbeitszeit oder Sachleistungen statt Geld im Mittelpunkt standen. Nach Angaben des Kreises entstanden zunächst 13 Vereinbarungen im Gegenwert von rund 12.000 Euro und etwa 700 Arbeitsstunden; zwei weitere Kooperationen kamen anschließend hinzu.

Mehr Anerkennung für Menschen, die Verantwortung übernehmen

Auch bei der Anerkennung des Engagements hat sich zuletzt einiges verändert. Im November 2025 vergab der Oberbergische Kreis seine 500. Ehrenamtskarte. Seit Februar 2026 sind die Voraussetzungen dafür gelockert: Statt fünf Stunden pro Woche beziehungsweise 250 Stunden pro Jahr reichen nun vier Stunden wöchentlich oder 200 Stunden jährlich. Die Karte ermöglicht landesweit Vergünstigungen bei mehreren Tausend Angeboten.

Der Kreissportbund hat zusätzlich 2026 erstmals einen eigenen Ehrenamtspreis vergeben. Ausgezeichnet wurden Menschen und Vereine unter anderem für Vorstandsarbeit, besonderes Engagement und Mitgliederentwicklung. Solche Preise lösen das eigentliche Problem zwar nicht: Eine Trainingseinheit muss weiterhin jemand leiten und ein Vereinsvorstand braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen. Sie machen aber sichtbar, wie viel Arbeit hinter einem funktionierenden Vereinsleben steckt.

Warum Vereine für das Oberbergische besonders wichtig bleiben

Gerade die Struktur des Oberbergischen Kreises macht dieses Engagement bedeutsam. Der Kreis zählt nach eigenen Angaben mehr als 1.441 Dörfer und Siedlungsgemeinschaften. In vielen davon sind Vereine nicht nur Freizeitangebot, sondern ein wesentlicher Bestandteil des sozialen Lebens. Dorffeste, Karneval, Musik, Sport, Schützenwesen und gemeinschaftlich gepflegte Treffpunkte schaffen Gelegenheiten, bei denen Menschen unterschiedlicher Generationen überhaupt regelmäßig zusammenkommen.

Die aktuellen Entwicklungen zeigen deshalb zwei Seiten. Das Vereinsleben im Oberbergischen Kreis ist weiterhin erstaunlich stark: Zehntausende Mitglieder, neue Projekte und wachsende Vereine sprechen gegen einen pauschalen Niedergang. Gleichzeitig wird es entscheidend sein, die Arbeit auf mehr Schultern zu verteilen und junge Menschen nicht nur als Teilnehmer, sondern langfristig als Ehrenamtliche zu gewinnen. Denn eine lebendige Vereinslandschaft besteht am Ende nicht aus Vereinsheimen und Satzungen – sondern aus Menschen, die bereit sind, sie mit Leben zu füllen.

Teilen:

Münster Map
Zum Aktivieren tippen
Route anzeigen

Mehr Beiträge:

Texte werden mit Unterstützung von KI-Tools erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Mehr dazu