
Polens Aktienmarkt gehört 2026 zu den auffälligsten Börsengewinnern Europas. Der Leitindex WIG20 stand am Dienstag, 22. September, um 09:48:45 Uhr bei 4.186,31 Punkten. Patria kennzeichnete den Stand als Realtime-Daten. Ende 2025 hatte der Index bei 3.184,02 Punkten geschlossen. Daraus ergibt sich für das laufende Jahr ein Plus von rund 31,5 Prozent. Die zeitweise genannte Größenordnung von rund 26 Prozent ist damit für den aktuellen Stand bereits überholt.
Der DAX lag am selben Tag um 15:30:14 Uhr auf Xetra bei 25.733,26 Punkten. Ende 2025 hatte der deutsche Leitindex bei 24.490,41 Punkten geschlossen. Das entspricht einem Zuwachs von rund 5,1 Prozent seit Jahresbeginn. Damit bleibt zwischen Warschau und Frankfurt ein ungewöhnlich großer Abstand.
Die beiden bekannten Indexstände sind nicht vollständig nach derselben Methode berechnet. Der WIG20 ist ein Kursindex. Dividendenausschüttungen der enthaltenen Unternehmen fließen nicht in seine Wertentwicklung ein. Beim DAX wird dagegen üblicherweise der Performanceindex verwendet, bei dem Dividenden rechnerisch wieder angelegt werden.
Die polnische Outperformance verschwindet durch diese Bereinigung allerdings nicht. Der DAX Kursindex, der Dividenden ebenfalls nicht einrechnet, schloss am 21. September bei 9.334,92 Punkten. Ende 2025 waren es 9.175,13 Punkte. Das entspricht lediglich einem Plus von rund 1,7 Prozent. Der Abstand zum WIG20 ist auf vergleichbarer Kursindexbasis damit sogar noch größer.
Ein wichtiger Teil des positiven Umfelds liegt in der polnischen Konjunktur. Die EU-Kommission erwartet für Polen 2026 ein reales Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent. Besonders die Investitionen sollen von der stärkeren Nutzung europäischer Mittel profitieren. Das Jahr 2026 ist zugleich das letzte Jahr für die Umsetzung vieler Vorhaben aus der europäischen Aufbau- und Resilienzfazilität.
Die Kommission nennt den hohen Umfang EU-finanzierter Investitionen ausdrücklich als Stütze des Wachstums. Für 2027 erwartet sie allerdings bereits eine Abschwächung des Wachstums auf 2,8 Prozent, unter anderem weil Investitionen und staatlicher Konsum langsamer wachsen dürften. Für den Aktienmarkt ist dieses Umfeld vor allem deshalb relevant, weil Investitionen in Infrastruktur, Energie und Unternehmen die Binnenwirtschaft stützen können. Die Börsenrally lässt sich dennoch nicht allein mit EU-Geldern erklären.
Hinzu kommt das Bewertungsniveau. Der MSCI Poland Index, der große und mittelgroße polnische Unternehmen abbildet, kam Ende August auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 14,8. Auf Basis erwarteter Gewinne lag das Verhältnis bei 11,05. Beim MSCI Germany Index lagen die entsprechenden Werte bei 16,32 und 14,80.
Polnische Aktien waren damit gemessen an den Unternehmensgewinnen weiterhin niedriger bewertet als vergleichbare deutsche Titel. Beim Kurs-Buchwert-Verhältnis gilt diese Aussage allerdings nicht. Dort lag Polen mit 2,07 leicht über Deutschland mit 1,97. Die pauschale Aussage, polnische Aktien seien in jeder Hinsicht billig, wäre deshalb zu weitgehend.
Eine zentrale Rolle spielt der Finanzsektor. Der Branchenindex WIG-BANKI stand am 21. September bei 28.347,31 Punkten. Ende 2025 waren es 19.177,37 Punkte. Damit errechnet sich seit Jahresbeginn ein Anstieg von knapp 48 Prozent.
Diese Entwicklung hat erheblichen Einfluss auf den WIG20. In einem den WIG20 abbildenden ETF kamen PKO Bank Polski, Bank Pekao, Erste Bank Polska und mBank Anfang September zusammen auf knapp ein Drittel des Portfolios. Schon deshalb können kräftige Kursbewegungen bei den Banken den Gesamtindex deutlich bewegen.
Auch die Zinsentwicklung gehört zum Hintergrund. Die polnische Notenbank senkte ihren Referenzzins im März um 0,25 Prozentpunkte auf 3,75 Prozent. Seitdem blieb der Satz auf diesem Niveau. Niedrigere Zinsen können grundsätzlich Finanzierungskosten und Aktienbewertungen unterstützen. Für Banken ist der Zusammenhang komplexer, weil hohe Zinsen zugleich die Zinserträge stützen können. Ein einfacher Zusammenhang zwischen Zinssenkungen und der Bankenrally lässt sich deshalb nicht ableiten.
Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt der polnische Markt im August. S&P Dow Jones Indices beschloss, Polen von einem Schwellenland zu einem entwickelten Markt hochzustufen. Die Änderung soll mit der Indexneuzusammensetzung im September 2027 wirksam werden.
Die Entscheidung ist ein Signal für die gewachsene Größe, Liquidität und Zugänglichkeit des polnischen Kapitalmarkts. Sie bedeutet aber nicht automatisch kurzfristige Kapitalzuflüsse. Außerdem verwenden große Indexanbieter unterschiedliche Klassifikationen. MSCI führt seinen Poland Index weiterhin innerhalb der Emerging Markets Indizes. Die Aufstufung kann daher als zusätzlicher struktureller Faktor gelten, sie erklärt aber nicht die gesamte Kursentwicklung seit Jahresbeginn.
Mit den Kursgewinnen steigen zugleich die Anforderungen an Unternehmensgewinne und Konjunktur. Ein wesentlicher Risikofaktor liegt in den polnischen Staatsfinanzen. Die EU-Kommission erwartet für 2026 ein öffentliches Defizit von 6,5 Prozent der Wirtschaftsleistung und einen Anstieg der Staatsschuldenquote von 59,7 Prozent im Jahr 2025 auf 64,5 Prozent im Jahr 2026. Für 2027 werden 68,3 Prozent erwartet.
Hinzu kommen die starke Gewichtung des Finanzsektors, mögliche Änderungen der polnischen Geldpolitik und Wechselkursschwankungen des Zloty. Der polnische Aktienmarkt ist außerdem deutlich kleiner und konzentrierter als der deutsche. Der MSCI Poland umfasst 16 Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von rund 142 Milliarden Dollar. Beim MSCI Germany sind es 52 Unternehmen und gut zwei Billionen Dollar. Die annualisierte Schwankungsbreite über drei Jahre lag bei MSCI Ende August für Polen ebenfalls höher als für Deutschland.
Auch der außergewöhnlich starke Bankensektor erhöht die Abhängigkeit des WIG20 von wenigen Branchen. Gleichzeitig könnte der Investitionsschub durch EU-Mittel nach 2026 nachlassen. Die EU-Kommission rechnet bereits für 2027 mit einem geringeren Wachstum.
Der Vorsprung von Polens Börse gegenüber dem DAX ist damit erheblich und auf Kursindexbasis besonders deutlich. Dahinter stehen ein kräftigeres wirtschaftliches Wachstum, hohe EU-finanzierte Investitionen, starke Finanzwerte und ein trotz der Rally noch niedrigeres Gewinnbewertungsniveau. Die S&P-Aufstufung unterstreicht zudem den strukturellen Wandel des polnischen Kapitalmarkts. Die starken Kursgewinne beseitigen jedoch weder Konjunktur-, Zins- noch Währungs- und Fiskalrisiken.






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