
Drohnenabwehr-Aktien treffen derzeit auf eine ungewöhnliche Kombination aus akutem Sicherheitsbedarf und langfristig angelegten staatlichen Beschaffungsprogrammen. Wenige Tage nach dem Fund einer mit Sprengstoff ausgestatteten Drohne am Flughafen Leipzig/Halle wurden auch über dem Bundeswehrstandort Mechernich zwei Drohnen beobachtet. Gleichzeitig haben die NATO-Staaten angekündigt, innerhalb von fünf Jahren mehr als 40 Milliarden Dollar in Fähigkeiten zur Drohnenabwehr zu investieren. Für börsennotierte Rüstungskonzerne eröffnet das einen zusätzlichen Markt. Die Kursentwicklung am Montag zeigt allerdings, dass daraus keineswegs automatisch steigende Aktienkurse folgen.
Auslöser für die neue Aufmerksamkeit auf Drohnenabwehrtechnik ist vor allem der Vorfall am Flughafen Leipzig/Halle. Dort wurde am Dienstag, 4. August, eine Drohne entdeckt, die nach Angaben der Ermittler mit professionellem Sprengstoff und einem Zünder versehen war. Der Generalbundesanwalt übernahm die Ermittlungen. Der Flughafen ist nicht nur ein bedeutendes europäisches Luftfrachtdrehkreuz, sondern auch ein wichtiger Standort für das NATO-Programm Strategic Airlift International Solution, kurz SALIS. Darüber werden unter anderem schwere Transportflugzeuge vom Typ Antonow An-124 eingesetzt.
Wer hinter dem Vorfall steckt, war zunächst nicht geklärt. Deutsche Behörden hatten bis zum Wochenende keinen ausländischen Staat verantwortlich gemacht. Spekulationen über eine mögliche staatliche Urheberschaft waren damit nicht bestätigt. Nur zwei Tage nach dem Fund wurden am Donnerstagabend zudem zwei Drohnen über dem Bundeswehrstandort Mechernich in Nordrhein-Westfalen gesichtet. Militärpolizei und anschließend die örtliche Polizei befassten sich mit dem Vorfall. Auch hier gab es zunächst keine gesicherten Angaben zu den Verantwortlichen oder zum Zweck der Flüge.
Damit trifft eine seit Jahren diskutierte Sicherheitslücke auf konkrete Vorfälle. Die Bundeswehr hat inzwischen eigene schnell verlegbare Drohnenabwehreinheiten aufgebaut. Seit Juli 2026 sollen alle Teilstreitkräfte und Organisationsbereiche über solche Schnellen Reaktions-Elemente verfügen. Sie kombinieren Ortung, Identifizierung und unterschiedliche Möglichkeiten zur Abwehr, darunter elektronische Systeme, Abfangdrohnen und weitere Wirkmittel.
Der erheblich größere wirtschaftliche Faktor kommt von der NATO. Beim Defence Industry Forum des Gipfels in Ankara kündigten die Verbündeten am 7. Juli an, innerhalb der kommenden fünf Jahre mehr als 40 Milliarden Dollar in Fähigkeiten zur Drohnenabwehr zu investieren. Zusätzlich soll die Zahl der ausgebildeten Drohnenoperatoren in den Streitkräften der Mitgliedstaaten bis Ende 2027 auf das Fünffache steigen.
Die NATO will außerdem einen eigenen Marktplatz für Drohnenabwehrsysteme schaffen. Dort sollen Lösungen verfügbar sein, die von der Allianz getestet wurden und mit NATO-Systemen kompatibel sind. Das könnte Beschaffungsverfahren vereinfachen und die Nachfrage stärker bündeln. Die NATO Support and Procurement Agency arbeitet parallel an Rahmenverträgen und Beschaffungswegen für Counter-UAS-Technik.
Die Zahl von mehr als 40 Milliarden Dollar darf allerdings nicht mit einem bereits vergebenen Auftragsbestand verwechselt werden. Die NATO hat die Summe als Investitionsvolumen der Verbündeten über fünf Jahre angekündigt. Welche Staaten wann welche Systeme bestellen und welche Unternehmen davon Aufträge erhalten, ist damit nicht festgelegt. Ein konkretes Umsatzvolumen für Rheinmetall, Hensoldt, Saab, Leonardo oder andere börsennotierte Anbieter lässt sich daraus nicht ableiten.
Zu den bekanntesten börsennotierten Anbietern gehört Rheinmetall. Das Düsseldorfer Unternehmen produziert mit dem Skyranger 30 ein mobiles Flugabwehrsystem, das auch ausdrücklich gegen Drohnen ausgelegt ist. Der Turm kann auf gepanzerten Fahrzeugen installiert werden und kombiniert Sensoren, eine 30-Millimeter-Kanone sowie Flugkörper. Die programmierbare AHEAD-Munition erzeugt einen Luftsprengpunkt und ist nach Unternehmensangaben besonders für kleine Luftziele geeignet.
Die Bundeswehr hatte bereits 2024 einen Vertrag über 595 Millionen Euro brutto für einen Prototyp und 18 Serienfahrzeuge unterzeichnet. Zusätzlich besteht eine Option auf 30 weitere Systeme. Das zeigt, dass ein Teil des deutschen Marktes für Drohnenabwehr längst über die Planungsphase hinausgegangen ist. Rheinmetall arbeitet zudem mit MBDA an speziellen Flugkörperlösungen gegen kleine Drohnen.
Rheinmetall ist allerdings keine reine Drohnenabwehr-Aktie. Munition, gepanzerte Fahrzeuge, Luftverteidigung, elektronische Systeme und weitere militärische Produkte bestimmen das Geschäft ebenfalls. Selbst stark steigende Ausgaben für Counter-UAS-Systeme müssen deshalb im Verhältnis zum gesamten Konzern betrachtet werden.
Eine andere Position in der Wertschöpfungskette nimmt Hensoldt ein. Der deutsche Sensorhersteller entwickelt unter anderem Radar-, Aufklärungs- und elektronische Systeme. Für die Drohnenabwehr ist beispielsweise die SPEXER-Produktfamilie relevant. Die Radare sollen kleine, langsam fliegende Objekte erkennen und von anderen Zielen unterscheiden können. Über die zur Gruppe gehörende ESG bietet Hensoldt außerdem das modulare Counter-UAS-System Guardion an.
Das Geschäft von Hensoldt wächst derzeit insgesamt deutlich, allerdings ebenfalls nicht allein wegen der Drohnenabwehr. Im ersten Halbjahr 2026 verdoppelte sich der Auftragseingang nach Unternehmensangaben auf 2,812 Milliarden Euro. Der Auftragsbestand überschritt erstmals zehn Milliarden Euro, der Umsatz stieg um 23,6 Prozent auf 1,167 Milliarden Euro. Zu den Auftragstreibern gehörten verschiedene deutsche und europäische Rüstungsprogramme.
Damit kann Hensoldt von steigenden Investitionen in Radar und Luftverteidigung profitieren, ohne dass sich der gesamte Auftragsbestand der Drohnenabwehr zurechnen lässt. Gerade Sensoren sind zwar ein zentraler Bestandteil von Counter-UAS-Systemen, werden aber zugleich in Kampfflugzeugen, bodengebundener Luftverteidigung, Aufklärung und anderen militärischen Anwendungen eingesetzt.
Auch der schwedische Konzern Saab verfügt über konkrete Drohnenabwehrtechnik. Das kompakte 3D-Radar Giraffe 1X kann zur Luftverteidigung, zum Schutz von Gebäuden und zur Erkennung unbemannter Luftfahrzeuge eingesetzt werden. Im Mai bestellten Frankreichs Streitkräfte 17 Giraffe-1X-Radare. Ein System ist für Tests vorgesehen, 16 weitere sollen auf taktische Fahrzeuge von Scania montiert werden. Die Auslieferungen sind für 2026 und 2027 vorgesehen. Ein Auftragswert wurde in der Unternehmensmitteilung nicht genannt.
Der italienische Rüstungskonzern Leonardo hat mit Falcon Shield ebenfalls ein Counter-UAS-System im Programm. Die modulare Plattform verbindet unterschiedliche Sensoren und Abwehrmittel, um Drohnen aufzuspüren, zu verfolgen, zu identifizieren und gegebenenfalls zu neutralisieren. Auch Leonardo ist jedoch ein breit aufgestellter Luftfahrt- und Rüstungskonzern mit Hubschraubern, Elektronik, Verteidigungssystemen und weiteren Geschäftsfeldern.
Die Aktien von Saab und Leonardo bilden daher ebenso wenig einen reinen Drohnenabwehrmarkt ab wie Rheinmetall oder Hensoldt. Veränderungen bei großen Flugzeug-, Radar-, Fahrzeug- oder Raketenprogrammen können für die Konzerne finanziell erheblich wichtiger sein als ein einzelner Counter-UAS-Auftrag.
Ein deutlich spezialisierteres börsennotiertes Unternehmen ist die australische DroneShield. Der Konzern entwickelt Systeme zur Erkennung und elektronischen Bekämpfung von Drohnen und setzt dabei unter anderem auf die Analyse von Funksignalen, Software und künstliche Intelligenz. Im Unterschied zu den großen europäischen Rüstungskonzernen ist Counter-UAS hier das zentrale Geschäftsfeld.
Am Montag stellte DroneShield mit RfRecon zudem ein neues tragbares System zur Funkaufklärung vor. Es soll Funkaktivitäten erkennen, klassifizieren und lokalisieren und kann nach Angaben des Unternehmens auch in mehrschichtige Drohnenabwehrarchitekturen eingebunden werden. Bereits Ende Juli hatte DroneShield die dritte Generation seiner eigenen RF-Erkennungstechnologie RfAI vorgestellt.
Der höhere Spezialisierungsgrad macht die Aktie zu einem direkteren börsennotierten Zugang zum Counter-UAS-Geschäft. Gleichzeitig erhöht er die Abhängigkeit von staatlichen Sicherheitsaufträgen, erfolgreichen Produktgenerationen und dem Tempo der internationalen Beschaffung.
Die Kursentwicklung seit Jahresbeginn zeigt, wie wenig sich aus dem politischen Rückenwind eine einheitliche Börsenbewegung ableiten lässt. Rheinmetall hatte den ersten Handelstag des Jahres bei 1.602 Euro beendet. Am Montag lag die Aktie im Xetra-Handel zuletzt bei 1.142,20 Euro und damit rund 29 Prozent unter diesem Niveau. Allein am Montag betrug das Minus zuletzt etwa 0,4 Prozent.
Hensoldt zeigt 2026 dagegen bislang eine positive Entwicklung. Vom Xetra-Schlusskurs von 76,40 Euro am 2. Januar bis zu Kursen von zeitweise knapp 92 Euro am Montagnachmittag ergibt sich ein Plus von ungefähr 20 Prozent. Am Montag lag das Papier am späten Nachmittag ebenfalls im Plus.
Saab schloss den ersten Handelstag 2026 bei 559,80 schwedischen Kronen. Am Montag wurden 639,30 Kronen festgestellt, ein Tagesplus von 0,93 Prozent und rund 14 Prozent mehr als Anfang Januar. Leonardo stieg vom Schlusskurs von 51,22 Euro am 2. Januar auf 58,51 Euro am Montag, ebenfalls etwa 14 Prozent. Die Aktie gewann am Montag 0,81 Prozent.
Ganz anders sieht es bei DroneShield aus. Die Aktie schloss am 2. Januar in Sydney bei 3,33 australischen Dollar und stand am Montag bei 2,18 Dollar. Das entspricht einem Rückgang von rund 35 Prozent seit dem ersten Handelstag des Jahres, obwohl das Unternehmen sein Produktportfolio weiter ausgebaut hat. Am Montag selbst blieb der Kurs praktisch unverändert.
Auch außerhalb der Bundeswehr fließt Geld in entsprechende Technik. Für die Bundespolizei wurden im Bundeshaushalt 2026 zusätzliche 50 Millionen Euro für Drohnenabwehr vorgesehen. Davon entfallen 30 Millionen Euro auf Abwehrsysteme an Verkehrsflughäfen. Weitere 20 Millionen Euro sollen für operative Drohnenabwehreinheiten und deren technische Ausstattung eingesetzt werden.
Für die gesamte militärische Drohnenabwehr der Bundeswehr ist dagegen bislang kein einzelnes öffentlich ausgewiesenes Gesamtbudget vergleichbar mit der NATO-Summe bekannt. Sicher ist, dass die Streitkräfte eigene schnelle Reaktionskräfte aufbauen und bereits Systeme beschafft haben. Hinzu kommen größere Luftverteidigungsprogramme wie Skyranger 30. Die einzelnen Verträge dürfen dabei nicht mit dem gesamten Counter-UAS-Markt gleichgesetzt werden.
Die Differenz ist für die Bewertung börsennotierter Unternehmen entscheidend. Politische Absichtserklärungen schaffen zunächst einen potenziellen Markt. Umsatz entsteht erst, wenn Budgets beschlossen, Ausschreibungen abgeschlossen, Verträge unterzeichnet und Systeme tatsächlich geliefert werden.
Bei Rüstungsaktien kommt hinzu, dass ein Teil des erwarteten Wachstums bereits in den Kursen berücksichtigt sein kann. Bei Hensoldt wies die Börse Stuttgart am Montag auf Basis ihrer Kennzahlen ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 95 für die zurückliegenden Ergebnisse und rund 48 auf Basis der dort hinterlegten Schätzung für 2026 aus. Solche Kennzahlen zeigen, wie hohe Wachstumserwartungen zeitweise in einzelnen Rüstungswerten eingepreist sind.
Wie schnell politische Entscheidungen solche Erwartungen verändern können, zeigte zuletzt Rheinmetall. Nach dem Ende des deutschen Fregattenprogramms F126 senkte der Konzern seine Umsatzprognose für 2026 von zuvor 14,0 bis 14,5 Milliarden Euro auf 13,7 bis 14,2 Milliarden Euro. Rheinmetall bezifferte die Belastung für das Marinegeschäft auf rund 300 Millionen Euro. Die Aktie verlor nach Bekanntwerden der Zahlen zeitweise deutlich.
Ähnliche Risiken bestehen grundsätzlich bei Drohnenabwehrprogrammen. Haushaltsentscheidungen können verschoben, Ausschreibungen verändert oder Programme gestrichen werden. Hinzu kommen technische Risiken, weil sich Drohnentechnik, elektronische Gegenmaßnahmen und autonome Systeme schnell weiterentwickeln. Anbieter müssen ihre Sensoren, Software und Abwehrmittel deshalb fortlaufend an neue Bedrohungen anpassen.
Das langfristige Nachfrageargument für Drohnenabwehr ist dennoch klarer geworden. NATO-Staaten wollen Milliarden investieren, Deutschland baut militärische und polizeiliche Fähigkeiten aus, und mehrere Unternehmen besitzen bereits einsatzfähige Produkte oder laufende Verträge. Der Fund der mit Sprengstoff ausgestatteten Drohne in Leipzig/Halle unterstreicht zugleich, dass Counter-UAS nicht mehr nur ein Thema für Frontlinien und Militärstützpunkte ist. Auch Flughäfen und andere kritische Infrastruktur können betroffen sein.
Für Anleger bleibt trotzdem eine klare Trennung notwendig. Rheinmetall, Hensoldt, Saab und Leonardo sind große beziehungsweise breit aufgestellte Rüstungskonzerne, deren Börsenentwicklung von vielen anderen Programmen beeinflusst wird. DroneShield ist stärker auf Counter-UAS spezialisiert, weist dafür aber eine erheblich höhere Kursvolatilität auf. Die angekündigten 40 Milliarden Dollar der NATO sind kein garantierter Umsatz für diese Unternehmen und schon gar keine Garantie für steigende Aktienkurse.
Rüstungsaktien bleiben von staatlichen Haushalten, geopolitischen Entwicklungen, Exportregeln, einzelnen Großaufträgen und hohen Wachstumserwartungen abhängig. Auch starke strukturelle Nachfrage kann deshalb mit erheblichen Kursverlusten einhergehen. Die genannten Aktien und Kursentwicklungen dienen ausschließlich der sachlichen Einordnung und stellen keine Kaufempfehlung oder individuelle Anlageberatung dar.






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