Atomdrohung gelöscht, Evakuierung geübt: Druck an Nato-Ostflanke

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Litauen baut seine Vorbereitungen auf schwere Krisen und militärische Bedrohungen deutlich aus. Gemeinsam mit Polen werden Verfahren für eine mögliche grenzüberschreitende Evakuierung abgestimmt. Gleichzeitig sorgt ein inzwischen gelöschter Kommentar der russischen Staatsagentur RIA Novosti für Aufmerksamkeit: Darin brachte ein Gastautor einen russischen Angriff auf Litauen und sogar den Einsatz von Nuklearwaffen ins Spiel. RIA Novosti entfernte den Text nach wenigen Stunden und erklärte ausdrücklich, er entspreche weder der redaktionellen Linie noch der staatlichen Politik Russlands.

Die Entwicklungen fallen in eine Phase umfangreicher Zivilschutz- und Mobilisierungsübungen in Litauen. Vom 25. September bis zum 3. Oktober läuft dort die landesweite Übung „Vyčio Skliautas 2026“. Rund 150 Institutionen, etwa 3.000 Beschäftigte aus Behörden und Kommunen sowie rund 1.000 Freiwillige sollen daran beteiligt sein. Das Szenario umfasst unter anderem Cyberangriffe, Ausfälle von Energie- und Kommunikationssystemen, Probleme auf Verkehrswegen, eine Evakuierung von Einwohnern sowie chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahren.

RIA Novosti löscht Kommentar über Angriff auf Litauen

Auslöser für die jüngste Auseinandersetzung mit russischer Kriegsrhetorik war ein am Freitag, 25. September, bei RIA Novosti erschienener Kommentar des russischen Autors Alexander Nosovich. Der Beitrag stellte einen möglichen militärischen Konflikt mit Litauen als weitere russische „militärische Spezialoperation“ dar und brachte dabei auch Raketen mit nuklearen Sprengköpfen ins Spiel. Der Text wurde nach wenigen Stunden gelöscht.

Von einer offiziellen russischen Nukleardrohung gegen Litauen kann daraus jedoch nicht gesprochen werden. Nosovich wurde von RIA als freier Autor geführt. Nach der Löschung erklärte die Agentur, der Beitrag entspreche weder der Auffassung ihrer Redaktion noch ihrer redaktionellen Politik oder der Staatspolitik der Russischen Föderation. Eine entsprechende Drohung der russischen Regierung wurde mit dem Beitrag daher nicht verkündet.

Hintergrund war eine Abstimmung im litauischen Parlament. Der Seimas stimmte am 22. September mit 99 Stimmen dafür, 13 dagegen und fünf Enthaltungen einem Entwurf zur Aufhebung von Artikel 137 der litauischen Verfassung nach der parlamentarischen Beratung zu. Die Vorschrift begrenzt unter anderem die Stationierung von Massenvernichtungswaffen auf litauischem Territorium. Das Votum war ein weiterer Schritt im parlamentarischen Verfahren und noch nicht dessen Abschluss.

Polen und Litauen bereiten Evakuierung über die Grenze vor

Unabhängig von der russischen Medienkontroverse arbeiten Litauen und Polen bereits seit Monaten an engerer Zusammenarbeit im Bevölkerungsschutz. Im Mai berieten Vertreter Litauens, Lettlands, Estlands und Polens über gemeinsame Verfahren für groß angelegte Evakuierungen. Dabei ging es unter anderem um Evakuierungskorridore, Transportkapazitäten, Unterbringung und den grenzüberschreitenden Informationsaustausch.

Vom 7. bis 9. September besuchten litauische und lettische Fachleute Polen. Dort wurden unter Beteiligung polnischer Behörden Möglichkeiten einer grenzüberschreitenden Massenevakuierung, die Registrierung und Aufnahme von Evakuierten sowie die Koordination von Verkehrswegen beraten. Nach Angaben der polnischen Regierung diente der Besuch auch der Vorbereitung Polens auf eine litauische Übung zur grenzüberschreitenden Evakuierung.

Litauens Krisenmanagement arbeitet inzwischen mit der polnischen Seite an einem internationalen Evakuierungskonzept. Dabei sollen Verfahren, Logistik, Verkehrsströme und die Belastbarkeit der Infrastruktur geprüft werden. Im Krisenfall könnte es nicht allein um Einwohner Litauens gehen. Auch Evakuierungsbewegungen aus Lettland und Estland über Litauen nach Polen werden in den Planungen berücksichtigt.

Das bedeutet allerdings nicht, dass eine Evakuierung bevorsteht. Die Planungen gehören zur zivilen Krisenvorsorge und sollen Abläufe für Szenarien festlegen, in denen sehr große Personengruppen innerhalb kurzer Zeit Grenzen passieren müssten.

Litauen übt Evakuierung mit Freiwilligen

Am Samstag, 26. September, wurde im Rahmen von „Vyčio Skliautas 2026“ der praktische Ablauf einer Evakuierung getestet. Mehrere litauische Kommunen erprobten Warnungen an die Bevölkerung, Registrierung, Sammelstellen, Transport und die Aufnahme von Evakuierten in anderen Landesteilen. Beteiligt waren ausschließlich zuvor registrierte Freiwillige. Eine tatsächliche Evakuierung der Bevölkerung fand nicht statt.

Getestet werden außerdem die Trennung ziviler und militärischer Verkehrsströme und alternative Routen. Das ist für Litauen besonders relevant, weil im Ernstfall nicht nur Zivilisten ihre Wohnorte verlassen könnten. Gleichzeitig müssten Nato-Truppen und militärisches Material in die Region gelangen können.

Weitere Übungsteile betreffen die Aufnahme alliierter Kräfte, humanitäre Hilfe, Treibstoffversorgung, medizinische Güter und die Aufrechterhaltung wichtiger staatlicher Dienste. Am 29. September soll zudem das landesweite Warnsystem getestet werden.

Nato hat ihre Ostflanke deutlich verstärkt

Die zivilen Vorbereitungen stehen neben einer seit Jahren wachsenden militärischen Präsenz der Nato. Nach der russischen Annexion der Krim 2014 und insbesondere seit dem russischen Großangriff auf die Ukraine 2022 hat das Bündnis seine Verteidigungsplanung an der Ostflanke ausgebaut. Inzwischen bestehen multinationale Kräfte vom Ostseeraum bis zum Schwarzen Meer.

Nach einer Serie von Luftraumverletzungen im Jahr 2025 startete die Nato zudem die Aktivität „Eastern Sentry“. Zusätzliche Kampfflugzeuge, Hubschrauber, Luftverteidigungssysteme, Aufklärungsflugzeuge und Schiffe sollen dabei die Überwachung und Verteidigung der Ostflanke verstärken.

Litauen besitzt dabei besondere strategische Bedeutung. Das Land grenzt sowohl an Belarus als auch an die russische Exklave Kaliningrad. Im Südwesten liegt zudem die Verbindung nach Polen. Deutschland stationiert inzwischen dauerhaft eine Panzerbrigade in Litauen. Nato-Generalsekretär Mark Rutte hob diese Präsenz Anfang September als Teil der verstärkten europäischen Verteidigung hervor.

Auch die USA setzen ihre Truppenrotation in Litauen fort. Präsident Gitanas Nausėda teilte am 22. September mit, dass eine neue Rotation amerikanischer Soldaten in das Land entsandt werde. Seit 2019 haben die USA regelmäßig rund 1.000 Soldaten eines gepanzerten Verbandes in Litauen stationiert.

Zivilschutz wird zum Teil der Abschreckung

Die aktuellen Vorbereitungen zeigen damit zwei unterschiedliche Ebenen der Sicherheitsvorsorge. Nato-Staaten verstärken militärische Abschreckung und Luftverteidigung. Parallel versuchen Polen und die baltischen Staaten, ihre Bevölkerungsschutzsysteme auf Krisen vorzubereiten, die nationale Grenzen überschreiten könnten.

Dass Litauen Evakuierungen, Mobilisierung, Kommunikationsausfälle und die Aufnahme alliierter Truppen gleichzeitig übt, ist deshalb Teil eines umfassenderen Ansatzes. Die laufende Übung basiert ausdrücklich auf fiktiven Szenarien. Eine Veränderung der aktuellen Gefahrenlage oder eine unmittelbar bevorstehende militärische Auseinandersetzung wurde mit ihrem Beginn nicht bekanntgegeben.

Der gelöschte RIA-Kommentar verschärft vor allem die politische und rhetorische Begleitkulisse. Seine Veröffentlichung durch eine russische Staatsagentur ist dokumentiert. Ebenso dokumentiert ist aber die anschließende Distanzierung von seinem Inhalt. Belastbarer als Spekulationen über die Bedeutung des Textes sind deshalb die konkreten Maßnahmen auf der anderen Seite der Grenze: Polen und Litauen bauen ihre Zusammenarbeit beim Bevölkerungsschutz aus und testen bereits praktisch, wie Menschen, Behörden und Verkehrswege in einer schweren Krise funktionieren sollen.

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