
Bundeskanzler Friedrich Merz hat im ZDF-Sommerinterview eine Umbildung der Bundesregierung nicht ausgeschlossen. Nach dem Rücktritt von Unionsfraktionschef Jens Spahn könne die neue Situation eine Gelegenheit sein, über die personelle Aufstellung der Regierung nachzudenken, sagte der CDU-Vorsitzende. Weitere Themen waren die Sozialreformen der Koalition, die Arbeitszeit in Deutschland, die wirtschaftliche Lage sowie Kritik an Merz’ Kommunikationsstil.
Das rund 20 Minuten lange Gespräch wurde am Sonntag, 19. Juli 2026, von 19.10 bis 19.30 Uhr im ZDF ausgestrahlt. Es lief unter dem Titel „Berlin direkt: Sommerinterview“ und war gleichzeitig im Streamingangebot des Senders abrufbar. Interviewerin war Diana Zimmermann, die Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios. Das ZDF führt die Reihe während der parlamentarischen Sommerpause mit dem Bundespräsidenten, dem Bundeskanzler und den Spitzen der Bundestagsparteien durch.
Aufgezeichnet wurde das Interview am Sonntagvormittag auf dem Gelände des Segelclubs Hennesee in Meschede. Der Ort liegt in Merz’ sauerländischem Bundestagswahlkreis. Nach Angaben von Radio Sauerland wurde auch der geplante Stellenabbau beim Mescheder Autozulieferer Martinrea Honsel angesprochen. Eine ausführliche schriftliche Wiedergabe von Merz’ Antwort zu diesem Punkt veröffentlichte der Sender zunächst nicht.
Im Mittelpunkt des Gesprächs stand der Rücktritt von Jens Spahn als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Auf die Frage nach weitergehenden personellen Veränderungen sagte Merz, es könne eine Gelegenheit sein, noch einmal über die Aufstellung der Bundesregierung nachzudenken. Er verwies zugleich darauf, dass es sich zunächst um eine Möglichkeit handele.
Eine Festlegung auf Kanzleramtschef Thorsten Frei als neuen Fraktionsvorsitzenden vermied Merz. Er sagte, er wisse nicht, wer Frei zum wichtigsten Kandidaten erklärt habe. Die Nachfolge solle in den kommenden Tagen in den Gremien der Union beraten werden. Der Kanzler kündigte an, vergleichsweise bald einen Vorschlag zu unterbreiten.
Merz erklärte, Spahn habe Partei und Bundestagsfraktion „sehr, sehr spät“ über die Elternschaft mithilfe einer Leihmutter in den USA informiert. Dadurch habe es kaum Zeit für interne Gespräche gegeben. Merz sagte, er sei Spahns Wunsch gefolgt und habe ihm die öffentliche Kommunikation überlassen. Mit dem Umfang der anschließenden Empörung habe er zunächst nicht gerechnet.
Erst am Tag vor dem Interview sei ihm nach eigener Darstellung deutlich geworden, welchen Schaden der Vorgang für die Glaubwürdigkeit der Union verursache. Daraufhin habe die Parteiführung gehandelt. Merz hatte Spahn vor dessen Rücktritt aufgefordert, das Amt des Fraktionsvorsitzenden aufzugeben.
Auf die Frage, ob eine Frau in die Führungsspitze der Union aufrücken könne, verwies Merz auf die Bundestagspräsidentin, die stellvertretenden CDU-Vorsitzenden und die weiblichen Mitglieder der Bundesregierung. Er sagte, der Anteil von Frauen in Führungspositionen der Partei sei unter seinem Vorsitz gestiegen und solle weiter erhöht werden.
Merz verteidigte die Reformen bei Rente, Pflege und Krankenversicherung. Das wichtigste Ziel sei gewesen, einen weiteren Anstieg der Sozialversicherungsbeiträge zu verhindern. Nach Darstellung des Kanzlers soll das mit den beschlossenen Maßnahmen gelingen. Zugleich verwies er auf die angespannte Lage der Staatsfinanzen und die demografische Entwicklung.
Auch seine Aussagen über die Arbeitsleistung in Deutschland verteidigte Merz. Er habe niemandem persönliche Faulheit unterstellt. Seine Aussage beziehe sich auf die insgesamt geleisteten Arbeitsstunden und die wirtschaftliche Produktivität. Vollzeitbeschäftigte in der Schweiz arbeiteten nach seinen Worten rund 200 Stunden pro Jahr mehr als Vollzeitbeschäftigte in Deutschland. Deshalb müsse über Arbeitszeit, Krankenstand und Produktivität gesprochen werden.
Merz wurde in diesem Zusammenhang auch auf seine Forderung angesprochen, ärztliche Krankschreibungen grundsätzlich wieder vom ersten Krankheitstag an zu verlangen. Er verband diesen Vorschlag mit dem Ziel, den Krankenstand zu senken und die Finanzierbarkeit der sozialen Sicherungssysteme zu erhalten.
Zur wirtschaftlichen Lage sagte Merz, Deutschland werde häufig schlechter dargestellt, als es den tatsächlichen Daten entspreche. Als Beispiel nannte er die Zahl der Unternehmensgründungen. Im ersten Halbjahr 2026 seien fast so viele Start-ups gegründet worden wie im gesamten Jahr 2025, das bereits ein Rekordjahr gewesen sei.
Nach Angaben des Deutschen Startup-Verbands entstanden zwischen Januar und Juni 2026 insgesamt 3.053 neue Start-ups. Das waren 52 Prozent mehr als im zweiten Halbjahr 2025. Besonders stark wuchs demnach die Zahl der Unternehmen mit Bezug zu künstlicher Intelligenz.
Der Bundeskanzler äußerte sich besorgt über die Debattenkultur im Bundestag. Persönliche Herabsetzungen schadeten nach seiner Darstellung der Demokratie. Einen entsprechenden Ton kenne man von der AfD, inzwischen klinge er jedoch auch bei Teilen der Linken und der Grünen ähnlich. Merz fasste seine Einschätzung mit den Worten „alles derselbe Sound“ zusammen.
Kritik an seinen eigenen Formulierungen wies Merz zurück. Diana Zimmermann erinnerte unter anderem an Äußerungen über „kleine Paschas“, das „Stadtbild“, den Krankenstand sowie an Merz’ Aufforderung an „Nörgler“ und „Berufskritiker“, wegzutreten. Der Kanzler erklärte, Teile seiner Reden würden aus dem Zusammenhang gelöst. Er sei die dauerhafte negative Darstellung Deutschlands „einfach leid“.
Merz kritisierte zudem die mediale Auswahl von Reaktionen auf seine Aussagen. Viele Menschen stimmten ihm nach seiner Darstellung inhaltlich zu. In der Berichterstattung würden jedoch überwiegend Personen gezeigt, die seine Worte kritisierten.
Wegen des Besuchs des Bundeskanzlers waren am Sonntagmorgen zahlreiche Polizeifahrzeuge am Hennesee im Einsatz. Die örtliche Berichterstattung sprach von einem größeren Polizeiaufgebot. Proteste, Zwischenrufe oder eine Unterbrechung der Aufzeichnung wurden in den lokalen Berichten nicht genannt. Das Gespräch fand wie geplant auf dem Vereinsgelände des Segelclubs statt.
Grünen-Chefin Franziska Brantner griff Merz’ Überlegungen zu einer Kabinettsumbildung auf. Sie sagte in ihrem ARD-Sommerinterview, der Kanzler habe jetzt die Chance, sich im Kabinett von Personen mit handwerklichen Schwächen oder ideologischen Festlegungen zu trennen. Spahns Rücktritt hatte Brantner zuvor als überfällig bezeichnet.
Das ZDF überprüfte mehrere Aussagen des Kanzlers in einem Faktencheck. Demnach lässt sich der von Merz genannte Unterschied von rund 200 Arbeitsstunden beim Vergleich von Vollzeitbeschäftigten nachvollziehen. Werden Teilzeitbeschäftigte einbezogen, fällt der Abstand deutlich geringer aus. Die Aussage über die hohe Zahl neuer Start-ups bewertete das ZDF im Kern als zutreffend. Bei der angekündigten Stabilisierung der Sozialbeiträge verwies der Faktencheck darauf, dass diese voraussichtlich nur für einen begrenzten Zeitraum gelten könne.
In einer Analyse bezeichnete WEB.DE Merz’ Auftreten in der zweiten Hälfte des Interviews als emotional und wertete seine Reaktion auf die Fragen zum Kommunikationsstil als dünnhäutig. Ein Kommentar der „Süddeutschen Zeitung“ bewertete dagegen Merz’ Vorgehen gegenüber Spahn als richtig und sah in einer personellen Neuaufstellung eine mögliche Chance. Dabei handelt es sich jeweils um journalistische Bewertungen der beiden Medien.
Texte werden mit Unterstützung von KI-Tools erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Mehr dazu