
Berlin/Rostock. Die Bundesregierung arbeitet an einem neuen „Aktionsplan Meer“. Bundesumweltminister Carsten Schneider hat Anfang Juli erste Eckpunkte vorgestellt. Der Plan soll künftig das strategische Dach für die deutsche Meeresschutzpolitik bilden. Im Mittelpunkt stehen Nordsee und Ostsee, aber auch internationale Verpflichtungen Deutschlands beim Schutz der Meere. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums soll der Aktionsplan in den kommenden Monaten mit anderen Ressorts weiter ausgearbeitet werden. Ein vollständiger Entwurf soll bis Ende 2026 beziehungsweise Anfang 2027 dem Kabinett vorgelegt werden.
Die Bundesregierung beschreibt den Zustand der Meere als stark belastet. Genannt werden unter anderem Klimawandel, Versauerung durch CO₂, Übernutzung, Lärm, Plastikmüll und weitere Verschmutzungen. Besonders die Ostsee gilt als empfindliches Ökosystem. Sie ist stark genutzt, ihr Wasseraustausch ist begrenzt, und Fischbestände wie Hering und Dorsch sind eingebrochen. Ein zentrales Problem ist die Eutrophierung: Zu viele Nährstoffe aus Landwirtschaft, Industrie und anderen Quellen fördern Algenwachstum. Wenn abgestorbene Algen am Meeresboden abgebaut werden, wird Sauerstoff verbraucht. Dadurch können sauerstoffarme Zonen entstehen.
Der Aktionsplan Meer verfolgt fünf strategische Ziele. Marine Arten und Lebensräume sollen besser geschützt werden. Küsten und Meere sollen als natürliche Klimaschützer gestärkt werden, etwa durch den Schutz von Seegraswiesen, Salzwiesen und Algenwäldern. Zudem will die Bundesregierung Meeresverschmutzung verringern, die sogenannte blaue Wirtschaft naturverträglicher gestalten und die Meeresforschung sowie Ozeanbildung ausbauen. Damit soll der Schutz der Meere nicht nur als Naturschutzaufgabe verstanden werden, sondern auch als Grundlage für Wirtschaft, Ernährungssicherheit, Klimaschutz und Küstenregionen.
Ein Schwerpunkt des Aktionsplans ist die Altmunition in Nord- und Ostsee. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums lagern in deutschen Meeresgewässern etwa 1,6 Millionen Tonnen konventionelle Munition. Davon entfallen etwa 1,3 Millionen Tonnen auf die Nordsee und rund 300.000 Tonnen auf die Ostsee. Viele Munitionskörper stammen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Hüllen rosten oder verrotten. Dadurch können giftige Stoffe aus Sprengstoffen freigesetzt werden, die sich in Meereslebewesen wie Muscheln und Fischen anreichern können.
Parallel zum Aktionsplan nimmt in Rostock das Bundeskompetenzzentrum Munitionsbergung aus dem Meer Gestalt an. Am Ocean Technology Campus hat ein Aufbaustab seine Arbeit aufgenommen. Das Zentrum soll Fachwissen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik sowie Bundes- und Landesverwaltung bündeln. Die Bundesregierung hat für das mehrjährige Sofortprogramm zur Bergung und Entsorgung von Altmunition 100 Millionen Euro bereitgestellt. Nach erfolgreichen Pilotierungen in der Lübecker und Mecklenburger Bucht soll nun eine nächste Stufe folgen: Geplant ist eine schwimmende Entsorgungsplattform, die geborgene Altmunition direkt auf See vernichten kann. Die Inbetriebnahme wird derzeit für Ende 2028 erwartet.
Neben der Altmunition benennt das Umweltministerium weitere konkrete Handlungsfelder. Geisternetze und andere verlorene Fischereigeräte sollen besser verhindert, markiert, geborgen und entsorgt werden. Dazu sind unter anderem Sammel- und Entsorgungsstrukturen in Häfen geplant. Gegen zu hohe Nährstoffeinträge soll ein Modellprojekt für meeresfreundliche Landwirtschaft entwickelt werden, gemeinsam mit Vertretern aus Landwirtschaft, Fischerei, Küstenländern, Tourismus und Verbänden. Außerdem sollen Klima- und Meeresschutz enger verbunden werden, etwa über Projekte zum Schutz und zur Wiederherstellung von Seegraswiesen, Salzwiesen und Algenwäldern. Umweltverbände begrüßen den Plan grundsätzlich, kritisieren aber, dass für strenge Schutzräume und Nutzungseinschränkungen noch konkrete Vorgaben fehlen.
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